Andre de Plessel

Interview: A. Dobre

Andre de Plessel gibt dem Betrachter gern das Gefühl eines Voyeurs, der einen Blick durchs Schlüsselloch wagt und sich der gewaltigen Explosionskraft eines fantastischen Bildes aussetzt. In de Plessels Kunstfotos sind Frauen besonders starke, stolze und erotische Wesen. Seine Schwarzweiß-Fotografien haben Kunstanspruch und sind in renommierten Galerien zu sehen. Mit Helmut Newton arbeitete der deutsche Künstler mit italienisch-französischen Wurzeln zusammen und fotografierte Schönheiten wie Laetitia Casta oder Naomi Campbell für die Vogue. Seine letzte Ausstellung „Just out of reach: Pictures with an edge“, die er gemeinsam mit der Fotografie-Ikone Albert Watson in der Holden Luntz Gallery, Palm Beach, Florida teilte, war ein großer Erfolg…

Eine Ausstellung in der Holden Luntz Gallery, ist das so etwas wie ein Ritterschlag für Sie?
Es ist eine große Ehre, gemeinsam mit Albert Watson die Ausstellung machen zu dürfen. Ich blicke zu ihm auf. Ich weiß, dass die Leute es registrieren und merken, dass ich mich weiterentwickle. Bei meiner Ausstellung in der Monika Mohr Galerie in Hamburg letztes Jahr kam ein Anwalt eigens aus London. Es ging um 19 Uhr los. Und fünf Minuten später war bereits alles verkauft. 24 Prints gehören nun ihm.

Besser kann es nicht laufen…
Auf der einen Seite ja, aber es ist auch ein Zeichen dafür, dass der Wert steigen muss. Große Fotografen kann man auf Auktionen in New York um die 20.000 bis 30.000 Dollar kaufen. Ich selbst kaufe auch. Das wird mein End-Ding, das Sammeln. Ich kaufte bei Monika Mohr günstig Fotos eines Fotografen, der in Afrika schwarze Frauen fotografierte und mit Geschreibe verzierte. Ein Jahr später konnte ich seine Prints mit 400 % Plus verkaufen. Es gibt kein Business, in dem du so viel Geld verdienen kannst wie mit Schwarzweiß-Fotografie. Vor 15 Jahren hat sie ja erst ihre Museumsreife bekommen. Und wird immer besser.

Wieviel werden die 24 Fotografien, die nun im Besitz des Londoner Anwalts sind, wert sein, wenn Sie zusammen mit Albert Watson ausgestellt haben?
Dieser Anwalt besitzt die ganze ehemalige Ausstellung und hat keine Konkurrenz. Soviel kann ich sagen: In diesem Moment sind sie das Doppelte wert. Was er bezahlt hat war verhältnismäßig wenig. Und der Wert steigt weiter.

Ein aufregendes Business-Modell! Wie lukrativ ist das Geschäft?
Ich war auf der Paris Photo, da gab es Paolo Roversi, der nur große Polaroids schießt. Er hat eine zeitlang nichts gemacht. Dann hat er zwei Editionen verkauft, fünf mal fünf Bilder. Morgens hat jedes Bild 15.000 Dollar gekostet. Am Nachmittag sind mein Art Dealer und ich daran vorbeigegangen, da waren sie alle weg. Der letzte Preis des letzten Bildes betrug 85.000 Dollar! Das heißt, wenn du morgens gekauft hast, hast du am Nachmittag 70.000 Dollar verdient.

Wer in Schwarzweiß-Fotografie investiert, ist also clever…
Das ist das Ding mit der Fotografie. Damit fangen langsam immer mehr wohlhabende Leute an, weil sie Angst haben, dass ihr Geld in Real Estate, sprich Immobilien, nicht so sicher ist. Gute Fotografie wird immer wertvoll bleiben.

Warum wollen manche Sammler oft lieber Silber-Gelatine-Prints und keine Digitalprints kaufen?
Digitalprints werden nur 200 Jahre alt. Wenn du ein Bild analog entwickelst – meine Sachen sind eben Negativfilme – dann kannst du das mit normaler Fotoentwicklerflüssigkeit machen oder du benutzt Silber-Gelatine. Silber-Gelatine hat den Vorteil, dass es nie kaputt geht. Nie. Und es klebt auf einem ganz speziellen Papier. Und Sammler wollen nur Silber-Gelatine Prints, sonst nichts. Die Steigerung davon ist Platinum. Da kostet ein einziger Abzug schon 1.000 Dollar..

Diese Akribie habe ich von Newton

Wie kamen Sie damals eigentlich zur Fotografie?
Das ist eine se lange Geschichte. Zuerst hatte ich Gebrauchsgrafik in Frankfurt studiert. Nachdem ich einige Jahre in der Werbebranche arbeitete, hatte ich mit 27 Jahren die Schnauze voll und bin nach Barcelona zur Miro-Universität gegangen, um Fotografie zu studieren. Zufällig lernte ich eine Musikerin kennen. Sie hatte rote Haaren und giftgrüne Augen und lockte mich nach Ibiza. Dort war ich damals, Ende der 1970er Jahre, von
dem bildgewaltigen Anblick des ehemaligen maurischen Dorfes, das kaum einer kannte, fasziniert und verzaubert. Da begann mein Fotografen-Leben. Ich zog weiter nach New York, London, Paris, in alle Metropolen, in welchen es sich gut arbeiten und leben ließ.

Vor Ihrer Kamera standen Supermodels wie Naomi Campbell für Magazine wie Vogue, Harper’s Bazaar. Welches Shooting blieb Ihnen besonders in Erinnerung?
Mit Laetitia Casta war ich fünf Wochen auf Barbados. Das habe ich unbedingt durchsetzen wollen. Es hat lange gedauert, bis ich die Produktion überzeugen konnte, und es hat auch sehr viel Geld gekostet. Laetitia ist ein wunderbarer Mensch, ein Engel. Jeden Abend lief sie alleine einige Kilometer ins Nachbardorf, um Bedürftigen Lebensmittel vorbei zu bringen. Das hatte sie mir damals gar nicht erzählt.

Mit Ihrer Erfahrung in der Modebranche können Sie sicher das Phänomen der Supermodels erklären. Warum gibt es heute kaum noch Megastars wie Cindy Crawford oder Linda Evangelista?
Mittlerweile gibt es ja wieder ein paar, die mehr Testimonials machen, sprich Gesichter von großen Marken sind. Am besten verkaufen sich damit aber Celebrities aus Hollywood bei den normalen Kunden, weil sie irgendwie greifbarer sind.

Wie meinen Sie das?
Na, es gibt einfach keine Linda Evangelista mehr, keine herausragende Femme fatale wie Laetitia… Es ist wie in der ganzen Welt: Turnschuhe, Klamotten, die aussehen wie aus dem Arbeitslager, alles in schwarz, so laufen die Männer rum! Die Haare sind weg, kurz, wie beim Irokesen. Da ist keiner mehr da, der individuell aussehen will. Die denken ja, sie wären es: Hipster… alle tätowiert, aber eben uniform! Wenn du jetzt ein Casting machst, sind alle Models ziemlich ähnlich.

Luxus bedeutet Zeit zu haben

Sie haben mit dem großen Helmut Newton zusammengearbeitet. Wie hat er Sie beeinflusst?
Helmut ist bis heute eine Ikone. Er hat mit seiner konzeptionellen Arbeit meinen Stil mitgeprägt. Die Art, wie man ein Bild konzipiert. Das Storytelling für ein Editorial. Damit habe ich meinen Platz gefunden. Es dauert bei mir ewig, manchmal wochenlang, bis ein einziges Foto entsteht. Diese Akribie habe ich von Newton.

Warum sind Sie so viel in Amerika unterwegs?
Ich möchte Ästhetik verkaufen. Etwas, was die Menschen positiv stimmt. Ich liebe es, Sonne zu verkaufen. Nicht umsonst mache ich viel Swimwear. Ich bin im Winter meist in Florida. Miami ist gut, weil du innerhalb kürzester Zeit überall schnell bist. In zwei Stunden bin ich in New York, in fünf Stunden an der West Coast in Los Angeles und in Mexiko, an der Küste der Jungfrau, am neuen Hotspot Tolombe. Früher habe ich sehr viel in anderen Städten gelebt. Wenn du professioneller Fotograf bist, ist es heute wesentlich einfacher als früher.

Was konkret ist einfacher geworden?
Du kannst dir alle Magazine online ansehen. Du kannst in Agenturen wie Artandcommerce.com online gehen und dir angucken, was diese Top-Fotografen machen. Tagtäglich. Die Inspiration, die du heute haben kannst, gab es früher nicht. Du versuchst deinen Stil zu etablieren und herauszufinden, wo du hingehörst. Wenn du früher als Fotograf angefangen hast, musstest du dir die wichtigen Zeitschriften kaufen, um überhaupt mitzubekommen, was passiert. Und die waren sehr teuer. Ich habe das Zeug teilweise geklaut, weil ich nicht das Geld dafür hatte. Alles, was du gemacht hast, hat sofort Geld gekostet.

Was bedeutet Luxus für Sie heute?
Zeit! Luxus bedeutet, Zeit zu haben. Es gibt keinen größeren Luxus als Zeit. Zeit, Projekte zu machen, zu denken, zu sehen. Zeit für alles.

Wie würde Andre de Plessel sie am liebsten verbringen?
Die Sache ist ja die, dass ich im Grunde ein Filmfreak bin und Film gut finde. Aber ich kann es nicht ertragen, zu viele Menschen am Set um mich herum zu haben. Am liebsten würde ich im Segelboot sitzen mit einem guten Menschen und einfach meine Ruhe haben…

Sie haben auch einen Sohn, von dem Sie jahrzehntelang nichts wussten – der Schauspieler John Friedmann („Erkan und Stefan“ u.a.)…
Er ist ein ganz toller Mensch. Da habe ich ein Geschenk bekommen vom lieben Gott. Ich verbringe gerne Zeit mit ihm. Wir haben viel Spaß. Morgen gucke ich mir seine neue Maschine an, eine Triumph Bonneville, tolles Motorrad.

Sie sind Deutscher mit französisch-italienischen Wurzeln und in Frankfurt zur Welt gekommen.
Meine Mutter ist eine Italienerin aus Bozen und mein Vater ein Franzose aus Grenoble, darum der Name André. Aber als mein Vater meine Mutter kennengelernt hat, sagte er ihr nicht, dass er bereits verheiratet war, der Filou. Erst in letzter Minute ist das rausgekommen, als ich schon unterwegs war (lacht). Eine wilde Story…

Sie waren als Kind oft bei Ihrer Großmutter. Welche Rolle spielte sie in Ihrem Leben?
Meine Oma war eine Ballett-Tänzerin aus Georgien, die in Belgien einen Garnfabrikanten heiratete. Als ich in Deutschland zur Schule ging, besuchte ich sie immer in den Ferien in Belgien am Meer. Am Strand gab es Umzugskabinen, in die es mich magisch zog. Ich wusste genau, auf welcher Höhe ich die Bolzen im Holz rausziehen konnte, um die interessanten Stellen der Frauen beim Umziehen beobachten zu können. Ich glaube, hier begann ich, mein Auge zu schulen. Mich faszinierten damals besonders die älteren Frauen.

Ist das womöglich der Grund, warum Sie sich auf die Mode–Fotografie und Frauen-Motive festgelegt haben?
Ja. Für mich sind alle Frauen Engel. Das haben leider nur wenige begriffen. Aber stell dir mal unseren Planeten ohne Frauen vor. Lieber nicht!

In Ihren Fotografien sind Frauen immer starke und stolze Wesen, auch wenn sie sich lasziv räkeln. Was halten Sie von der Emanzipation der Frau heute?
Ich habe es miterlebt, wie es damals in den 70ern anfing mit Alice Schwarzer und der Frauenbewegung. Ich glaube, dass die Frau im weitesten Sinne überfordert ist. Früher war sie diejenige, die alles geleitet hat. Wenn ich an meine italienische Mutter denke, hatte sie den „Laden“ im Griff. Jetzt muss die Frau rechtzeitig Kinder kriegen, und wird durch die Medien quasi dazu gezwungen, immer jung, fit und sportiv zu bleiben, einem Beruf nachzugehen und sich im Business zu beweisen. Das ist Wahnsinn!