Brie Larson

Interview: A. Dobre

Die neue Oscar-Preisträgerin Brie Larson kennt kaum jemand. Die Schauspielerin hatte es als Kind schwer. Im Interview schwärmt sie von ihrer Mutter, der es gelang, sie nicht spüren zu lassen,wie arm sie waren.

Als Brie Larson Ende Februar für ihre Rolle in “Room” mit dem Oscar als “Beste Hauptdarstellerin” ausgezeichnet wurde, war die Überraschung groß. Wer ist denn das, fragten sich viele. Dabei hat die 26-Jährige aus Sacramento, Kalifornien, bereits eine beachtliche Schauspielkarriere vorzuweisen, war in fast 50 Rollen zu sehen, meist in Independent-Filmen.

MISS LARSON, HABEN SIE SICH INZWISCHEN AN DAS VIELE LOB GEWÖHNT?
Brie Larson: Ich habe mich viel davon ablenken müssen. Ich sehe es lieber so, dass der Film das Lob verdient. Ich gebe nichts auf die große Aufmerksamkeit, die mir persönlich geschenkt wird.

ABER DEN FILM “ROOM” TRAGEN SIE ÜBER WEITE STRECKEN FAST ALLEIN. SIE SIND DARIN ALS EINE MUTTER ZU SEHEN, DIE MIT IHREM FÜNFJÄHRIGEN SOHN IN EINEM ZWÖLF QUADRATMETER GROSSEN RAUM GEFANGEN GEHALTEN WIRD. KEINE LEICHTE ROLLE.
Stimmt. Meine Freunde und meine Familie waren etwas besorgt, als ich ihnen von meinem neuen Film erzählte. Ich habe damals mit einem genauen Zeitplan gearbeitet. Je tiefer und dunkler ich spielen musste, desto kürzer konnte ich es. Oft musste mich Lenny (Abrahamson, Regisseur, Anm. d. Red.) fragen, ob ich eine Stunde oder vier Stunden derart dunkle Szenen darstellen könne. Aus der Tiefe einer Szene konnte ich meist nur ganz langsam wieder auftauchen.

DER FILM IST AN DAS BUCH DER KANADISCHEN SCHRIFTSTELLERIN EMMA DONOUGHE ANGELEHNT, DIE SICH WIEDERUM VOM ÖSTERREICHISCHEN FALL FRITZL INSPIRIEREN LIESS. KANNTEN SIE VORHER DIE GESCHICHTE DER TOCHTER, DIE VON IHREM VATER 24 JAHRE IN EINER UNTERIRDISCHEN WOHNUNG GEFANGEN GEHALTEN WURDE UND DER MIT IHR SIEBEN KINDER ZEUGTE?
Nein. Ich habe von ihr erst durch das Buch von Emma Donoughe erfahren.

WIE HABEN SIE SICH VORBEREITET?
Ich habe mit einem Spezialisten über die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch gesprochen und wie das Gehirn es verarbeitet, wenn man viele Jahre lang in einem einzigen kleinen Raum lebt. Der wichtigste Hinweis war der, dass die Mutter sich in einem permanenten Ausnahmezustand befindet, in dem sie ums Überleben kämpfen muss. Ihr Gehirn versucht alles, damit ihr Körper überlebt und nicht unter dem Stress und Druck kollabiert. Es will nichts spüren, bis sie wieder an einem sicheren Ort ist.

UND KÖRPERLICH?
Ich habe mit einem Ernährungswissenschaftler über die Folgen von Mangelernährung gesprochen und was es heißt, so lange ohne Zahnbürste, Shampoo, jegliche Hygieneprodukte zu leben. Wie Haut, Haare und Nägel darauf reagieren. Ich aß keine Kohlenhydrate in der Zeit, keinen Zucker und trainierte mit einem Fitnesstrainer, um Muskeln zu gewinnen und Fett zu verlieren. Die einzige Verteidigung, die der Mutter bleibt, ist ihr Körper.

UND WIE BEREITET MAN SICH AUF SO EINEN INTENSIVEN DREH MIT EINEM SIEBENJÄHRIGEN KIND VOR?
Drei Wochen lang haben wir einfach nur Spielzeug gebastelt, Spielzeug, das man in “Room” sehen kann. Unser Ausstatter hatte Müll, Stifte und Milchzähne gesammelt, aus welchen wir eigene Figuren schufen. Wir porträtierten uns gegenseitig. Das war ein Spaß. Dadurch entgingen wir dem Druck, uns die ganze Zeit miteinander zu unterhalten. Als die Dreharbeiten begannen, steckte Lenny uns in den Raum, wo wir nur noch improvisieren mussten. Man sieht uns kochen, spielen und einfache Dinge zusammen machen.

IST IN DIESEM DRAMA DENN NOCH PLATZ FÜR HUMOR?
Das Amüsante daran ist, dass es ausschließlich vom Publikum abhängt. Kinder können unfreiwillig komisch sein. Den größten Humor vermittelt Jacob. Im ersten Teil des Films überwiegt eine große Spannung. Bei jeder noch so kleinen Anbahnung von Humor reagieren die Zuschauer mutwillg darauf. Sie wollen es so und er ist für sie eine Erleichterung Lenny, der Regisseur, ging nie davon aus, dass er absichtlich komisch sein würde.

WAS HABEN SIE ÜBER SICH SELBST GELERNT?
Respekt für meine eigene Mutter. Alle paar Tage habe ich sie schluchzend angerufen und um Vergebung gebeten.

WARUM DENN DAS?
Aus der Perspektive eines Kindes versteht man das komplizierte Leben einer Mutter nicht. Manchmal sieht es bizarr und falsch aus, wie Eltern handeln. Während des Drehs erkannte ich erst, wie sie selbst einst trotz schwieriger Umstände Druck und Schmerz von mir ferngehalten hatte.

KLINGT, ALS HÄTTEN SIE KEINE EINFACHE KINDHEIT GEHABT.
Die Umstände waren schwierig. Ich war sieben, als meine Mutter mit mir und meiner vierjährigen Schwester von Sacramento nach Los Angeles zog. Wir hatten kaum Geld. Ich kann mich nur an ein Spielzeug, meinen Plastik-Dinosaurier, erinnern. In einem kleinen Studio-Appartment, das nicht viel größer als das Zimmer in “Room” war, gab es täglich Maccheroni mit Käse und Instant-Gerichte zu essen. Und trotzdem hatten wir dank meiner Mutter viel Spaß, und ich habe viele gute Erinnerungen an diese Zeit. In unserem Studio wurde wie in “Room” alles zu einem Spiel. Wir sprangen herum und beobachteten uns im großen Spiegel an der Wand.

WO WAR IHR VATER?
Mein Vater wollte nie wirklich ein Vater sein. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich begriff, dass der Grund des Umzugs nicht mein früher Wunsch war, Schauspielerin zu werden, sondern die Scheidung meiner Eltern. Meine Mutter war mit 4000 Dollar in der Tasche nach L.A. gezogen und hatte niemanden. Sie wusste ja nicht einmal, ob ich es mit sieben Jahren als Schauspielerin schaffen würde. Wenn sie gescheitert wäre, hätte sie zu ihren Eltern zurückkehren müssen. Aber anstatt sich davon runterziehen zu lassen, schuf sie eine Fantasiewelt, in der sie mit uns lebte. Als ihr das Geld ausging, konnte sie damit eine Zeit lang die Fassade aufrechterhalten. Bis sie uns Kindern erklären musste, was wirklich los war. Von dem Tag an, brach ich jeglichen Kontakt zu meinem Vater ab. Erst jetzt – auch durch die Dreharbeiten zu “Room” – habe ich begriffen, warum so viele meiner Arbeiten so unbeständig waren.

DAVON MERKT MAN HEUTE NICHTS MEHR.
Ja, ich habe meine Ängste überwunden. Aber damals habe ich nur schwer Freundschaften geschlossen. Es war verrückt, auf der einen Seite trat ich auf einer Bühne vor Hunderten von Menschen auf, aber auf einer Geburtstagsfeier wusste ich nicht viel mit mir anzufangen.

NACH DEM ERFOLG VON “RAUM” WIRD ES AB DEM 9. MÄRZ 2017 EINEN ERSTEN GROSSEN BLOCKBUSTER MIT IHNEN IN DER HAUPTROLLE GEBEN, AN DER SEITE VON TOM HIDDLESTON UND SAMUEL L. JACKSON. ER KÖNNTE IHREN DURCHBRUCH ZUM MAINSTREAM BEDEUEN. ERZÄHLT WIRD DARIN DIE VORGESCHICHTE VON KING KONG.
Das ist gut möglich. Es wird keine Fortsetzung der Erzählung sein, sondern etwas, das es noch nie gegeben hat. So viel darf ich sagen: Die Mythologie bleibt der Geschichte treu, es wird aber eine komplett neue Sichtweise in “Kong: Skull Island” kreiert. Ich kann es kaum erwarten, die Reaktionen darauf zu sehen. Ich finde Regisseure sollten etwas mehr wagen.