Daniel Brühl

Interview: Alexandra Dobre

RIZE: Daniel, Du spielst im „Im Rausch der Sterne“, in „Zookeeper’s Wife“, in „Colonia“ mit Emma Watson an deiner Seite, dazu in „Captain America 3“ und „Augen des Engels“ mit Cara Delevigne… Du machst wohl gerade alles, was geht!

DANIEL BRÜHL: Ja, und ich pfeife schon aus den Ohren. Es waren wunderschöne Projekte, aber ich freue mich, wenn auch dieser Dreh vorbei ist. Dann kann ich mal eine längere Pause machen. Wenn sich Chancen bieten, gerade im Ausland, mit tollen Leuten zusammenarbeiten zu dürfen, dann nimmt man das natürlich gerne an. Ich hoffe, dass es auch in Zukunft so weiter geht.

Du hast es längst in die erste Riege geschafft…
Es freut mich total, wie ich überall aufgenommen und behandelt werde. Es ist echt ein Kracher. Die Leute kennen mich und haben etwas von mir gesehen. Am ersten gemeinsamen Drehtag gestand mir Bradley Cooper, er sei ein totaler Fan von „Rush“ und wie toll es für ihn wäre, mit mir zu arbeiten. Ich war völlig von den Socken und stotterte: „das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite“.

Lehnst du auch mal Rollen ab?
Ja, das kommt vor. Denn ich muss auch auf mich achten und meinen Kopf frei kriegen und wieder merken, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind. Das ist eben nicht immer nur arbeiten und vor der Kamera stehen. Trotzdem fragt man sich, wie lange wird das noch so sein, dass man mit wirklich guten, talentierten Leuten drehen kann? Zwei, drei Sachen habe ich dieses Jahr abgelehnt, eine größere Sache gibt es noch, die ich mache. Ist aber noch geheim!

Du trägst momentan einen akkurat gestutzten Schnauzer. Ist das der Berliner Stilwandel?
Oh, Mensch. Ich drehe gerade mit Jessica Chastain „Zookeeper’s Wife“. Ich habe die Regisseurin drei Mal gefragt, ob sie das ernst meint mit dem Schnurrbart und den blonden Strähnchen. Da musste ich mich daran gewöhnen.

So schlimm?
Der Film spielt nun mal in den 30er Jahren. Und dafür saß ich mit Alu im Haar in einem Salon in Prag neben sechzigjährigen tschechischen Damen. Blond war ich noch nie. Es ist extrem hip. Deshalb denken meine Kumpels auch, dass mich die erste Midlife Crisis erwischt hat.

Wir sitzen hier in Berlin in deiner eigenen Tapas-Bar Raval. Hat sie etwas damit zu tun, dass du dich für den Film„Im Rausch der Sterne“ entschieden hast?
Genau. Als ich das Drehbuch in den Händen hielt, hat mich das Thema gleich angefixt. Die Welt der Restaurants ist mir seit 5 Jahren sehr vertraut. Wir sind jetzt weit davon entfernt, einen Michelin Stern zu bekommen. Aber das wollen wir auch nicht. Wir haben schon so genug Stress.

Wie hast du dich auf diese Rolle vorbereitet?
Ich wurde von Marcus Wareing in seinem Restaurant (2 Michelin Sterne) in Knightsbridge, London als Maître d’ eingearbeitet. Dort hatte ich das perfekte Vorbild vor Augen. Da habe ich schnell gemerkt, wie irrsinnig hoch der Druck in einer Michelin-Küche ist und welcher Ton da herrscht.

Was hast du denn bei Marcus Wareing gelernt?
Wenn das Gericht auf den Tisch platziert wird, und sich ein Scherzkeks von Gast überlegt hat, er muss jetzt doch noch mal auf die Toilette oder raus zum Rauchen, dann ist das eine Katastrophe. Alles muss wieder zurückgepfiffen und komplett neu gekocht werden. Es ist ein Wahnsinn. In jeder Sekunde muss alles passen und stimmen, damit die Gäste glücklich sind.

Bist du selbst auch mal laut geworden, um die Kontrolle zu behalten?
Das ist ein lustiges Bild, mir hat mein Lehrer gesagt: Als Maître d’ muss man sich bewegen und so sein wie ein Schwan: oben Im Restaurant tritt man ruhig, elegant und selbstbewusst auf und unter der Oberfläche wird hart gearbeitet, aber so, dass es die Leute nicht sehen. In der Küche ging es dann hoch her. Das muss man dann logistisch so kompensieren, dass das Restaurant es nicht mitbekommt. Das war eine Herausforderung.

Was hat dir als Maître d’ am Set am meisten Spaß gemacht?
Dadurch, dass wir eine echte Küche hatten, waren unsere internationalen Komparsen Profis aus Michelin-Restaurants. Von daher war es mit dem Casting echt nett. Franzosen, Italiener und Amerikaner fluchen ja mal gerne. War lustig mitzubekommen, wie Omar Sy („Ziemlich beste Freunde“) mit Riccardo Camaggio über das Kochen diskutierte. Franzosen gegen Italiener, herrlich. Ich hätte stundenlang zuhören können.

Wer hat Recht? Wer ist der bessere Koch?
Wir haben einmal bei Bradley Cooper zu Hause privat gekocht. Als ich dafür mit Riccardo einkaufen war, machte ich im Supermarkt schon alles falsch. Er hat mich zur Weißglut getrieben. Wir waren in einem Feinkostladen in London. Ich griff zum Öl und er sagte mir in seinem charmanten italienischen Akzent, „No, not this oil, this oil“, egal was ich gemacht habe, alles war verkehrt. Bei Bradley kochten wir alle zusammen und am Ende des Tages haben wir gelernt: Der Italiener hat immer Recht. Der Franzose kocht mit zu viel Butter.

Und wer war besser, Bradley Cooper oder Sienna Miller?
Beide. Sienna und Bradley haben lange gelernt, so kochen zu können, dass es für keine einzige Film-Einstellung ein Hand-Double geben musste. Das waren alles sie selbst! Es bekam eine unglaubliche Authentizität beim Dreh, und das spürt man auch als Zuschauer.

Wie oft mussten Koch-Szenen wiederholt werden?
Ich habe Bradley meistens gesehen, wie er total angespannt war. Eine Sekunde, die man sich vertut, oder eine Scheibe, die einen Millimeter zu breit geschnitten wurde ist in diesen Restaurants eine absolute Katastrophe. Und so war es beim Dreh auch. Wenn die Kamera darüber schwenkte, musste das Eigelb auf eine bestimmte Art und Weise runterfließen, dass es einfach sensationell perfekt aussah.

Bist du danach in deine Tapas Bar und hast auf den Tisch gehauen, nach dem Motto: Wir müssen alles anders machen!?
Nein, es war für mich eine totale Erleichterung zu sehen, dass es bei uns hier deutlich entspannter ist, ohne Michelin-Stern. Wir mussten am Anfang aber viel lernen. Da war einiges schiefgelaufen. Trotzdem: Die Stimmung im Team ist das Wichtigste.

Auch wenn du mit dem Tagesgeschäft nichts zu tun hast, trifft man dich ab und zu im Raval an?
Klar. Wenn mich meine Familie aus Spanien besucht, wird natürlich in meiner Tapas Bar ordentlich gefeiert und das ein oder andere Fußballspiel vom FC Barcelona angeguckt.

Wie sieht es mit deinen eigenen Kochkünsten aus?
Ich war heilfroh, als ich neulich eine Martinsgans für sechs Leute geschafft habe. Das löst so eine Euphorie und Stolz aus. Ich konnte es gar nicht glauben. Aber das kostete mich zwölf Stunden Anspannung. Mich machen schon so einfache Sachen wahnsinnig, warum die so schwer sind. Wie man ein Steak, auch ein dickes, einfach perfekt brät ohne hin zu gucken, wird mir nie gelingen.

Bei so einem Film möchte man unterstellen, dass beim Dreh das Catering das Beste sein musste.
Das war ein undankbarer Job für die Caterer. Wir Schauspieler haben nach ein Paar Tagen gecheckt, dass die Komparsen, die in der Küche mitspielen, alles Profis sind. Nachdem wir fast täglich Szenen mit Essen in der Küche drehten, erkannte ich auf den ersten Blick gute Qualität. Nachdem ich die Statisten nie beim Catering sah, fragte ich sie, was sie mit dem Essen machten. Und sie klärten mich auf, dass sie ihr Essen natürlich hier selbst kochten. Dann taten sie es auch für uns. Ich war zwei Monate lang der glücklichste Mensch auf Erden. Jeden Tag freute ich mich auf die Mittagspause.

Der Küchenchef Adam Jones durchlebt in der Tragikomödie eine berufliche Krise. Wie gehst du selbst mit Krisen um?
Krisen sollten einen weiterbringen. Ich neige generell dazu, Dinge in Stresssituationen zu wichtig zu nehmen und mich lange über sie aufzuregen. Ich dachte, dass das im Alter jetzt besser wird, es wird aber eher schlimmer. Das ist ein Defekt, den ich leider noch nicht losgeworden bin. Und es nervt.

Wie beruhigst du dich dann?
Ich sage mir, das ist ja ein Zeitverlust, und die Situation ist vorbei, daran kann ich auch nichts mehr ändern. Aber ich habe noch nichts gefunden, was mich richtig entspannt, um aus meinen Gedanken-Loopings rauszukommen. Ich würde gerne mal einen Trick ausprobieren, vielleicht bringt mich ja Meditation runter. Und wenn ich frei habe, kann ich mich prima entspannen und mache Sport oder lese.

Nicht nur als Niki Lauda hast du in „Rush“ mit einem österreichischen Akzent im Englischen überzeugt. In der englischen Originalfassung von „Im Rausch der Sterne“ („Burnt“) sprichst du einen amüsanten spanischen Akzent. Die Ursprungsversion hatte jedoch einen Griechen vorgesehen…
Ich wollte das ändern. Der Regisseur meinte, ja mach’s doch mit einem österreichischen Akzent. Zum Glück habe ich ihn davon überzeugen können, dass es ein Spanier aus San Sebastian, der Kochhochburg mit den vielen edlen und teuren Restaurants, sein muss.

Was würdest du in deinem Tapas-Restaurant Raval empfehlen?
Wenn du Fleisch isst, ist das Tataki vom Iberico-Schwein super. Das ist das selbe Fleisch, woraus der Pata Negra, der beste Schinken der Welt, gemacht ist. Das braten wir nur kurz in einer scharfen Soße an, schmeckt unschlagbar lecker. Mit Riccardo habe ich deswegen eine Diskussion
gehabt. Die Italiener können meinetwegen alles andere besser – aber die Spanier haben den besten Schinken…

Zurück zur Schauspielerei: Hast du das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren,seitdem du immer mehr internationale
Rollen spielst, der Fokus für dich verändert hat?
Auf der einen Seite ist es eine Riesenfreude, dass man in so einer Kategorie plötzlich antreten darf. Auf der anderen Seite wächst der Ehrgeiz gleich mit weiter. Da sieht man auf seine Konkurrenz und merkt, wie schnell die Luft da oben dünner wird. Man sollte auf jedenfall eine realistische Selbsteinschätzung mitbringen.

Was motiviert dich, immer weiter zu machen?
Was aus einem Film wird, und wie er ankommt, das weiß man vorher ja nie. Aber wenn ich am Set stehe, wie vor drei Tagen, und eine intensive Szene mit Jessica Chastain drehe, die eine meiner Lieblingsschauspielerinnen ist, und sie dann sagt: „Es war toll, mit dir zu spielen“, dann ist
es für mich ein absoluter Kick, und der Grund, warum ich diesen Beruf so liebe.