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EVEREST

Interview: Alexandra Dobre
Fotos: ©Universal Pictures

Im Berliner Hotel Ritz-Carlton trafen wir auf David Breashears, einen der bekanntesten amerikanischen Bergsteiger und Produzenten. 1983 nahm er als Erster eine TV-Live-Übertragung vom Mount Everest Gipfel vor und bestieg ihn als erster Amerikaner 1985 zum zweiten Mal. Während der Katastrophe im Mai 1996,  als die zwei Bergsteiger Rob Hall und Scott Fischer eine Expedition kommerziell anboten, war Breashears gerade als Co-Produzent und Co-Regisseur bei den Dreharbeiten zur ersten IMAX-Dokumentation über den größten Gipfel der Welt vor Ort.

Tausende von Menschen bereiten sich monatelang auf die größte Herausforderung ihres Lebens vor: Die Besteigung des Mount Everest, mit 8.848 m der höchste Berg der Welt. Beim ersten Versuch im Mai 1996, den Gipfel für knapp 30 Menschen gegen ein Ticket von 65.000 Dollar zugänglich 
zu machen, begann eine dramatische Reihe von unvorhersehbaren Katastrophen. 2015 wagte sich erstmals eine Hollywood-Verfilmung an eine Version, die den Kampf ums Überleben in 3D mit erschauernder Realität auf die Kino-Leinwand bringt. RIZE traf Co-Produzent und Augenzeuge David Breashears zum Gespräch.

Sie haben den Mount Everest fünf Mal bezwungen. Wie kam es dazu?
Ich wollte schon immer ein Bergsteiger werden. Als ich elf Jahre alt war, entdeckte ich ein Buch mit Bildern von den ersten Bergsteigern auf dem Gipfel des Everest, dem Sherpa Tenzing Norgay und dem Neuseeländer Sir Edmund Hillary. Ich dachte mir, diese Menschen machen das Heroischste und Bedeutsamste, was jemand überhaupt machen kann… Sie wurden meine Vorbilder.

Um was geht es denn beim Bergsteigen im Prinzip?  
Wenn ich Sie an ein Seil binde, muss ich auf Ihre Fähigkeiten vertrauen – und Sie auf meine. Wenn Sie sich verletzen und sich ein Sturm anbahnt, dann verlasse ich Sie nicht. Das ist Selbstlosigkeit. Man lernt dort, sich wirklich auf jemanden verlassen zu können, was für mich die Essenz von Bergsteigen ist.

Funktioniert das auch in gefährlichsten Situationen?
Man erkennt sein wahres Gesicht. Das kann manchmal schön und manchmal weniger gut sein. All die Schichten schälen sich oben wie bei einer Zwiebel ab. Auf dem Berg gibt es keine Camouflage. Ohne genügend Sauerstoff trifft man leider schnell die falschen Entscheidungen. Oder man kann kollabieren, von einer Lawine übermannt und von einem Sturm überrascht werden. Mit jedem Schritt gen Gipfel sinkt die Sonne. Nachts will keiner absteigen.

Was kann dabei schief gehen?
Wenn man Glück und einen wärmenden Schlafsack und ein Zelt hat, frieren nur die Füße, Zehen, Finger, oder die Nase ab. Als bei der Expedition von 1996 plötzlich ein brüllendes, schwarzes Gewitter tobte, Wind mit einer Geschwindigkeit von 150 km/h und Schnee bei Minus 40 Grad schoss, versetze es einige in thermisches Koma. Als Sauerstoff ausging, hielten die Batterien des Funkgeräts noch an. Ich konnte Menschen bei ihren letzten Atemzügen hören. Acht Teilnehmer kostete es das Leben.

Sie waren im Mai 1996 vor Ort um eine IMAX-Dokumentation über den Everst zu drehen. Wie erlebten Sie die Bergführer?
In der beginnenden Ära von Webseiten war Rob Hall der Erste, der diese Welt für sich erobern wollte. Der neuseeländische Tourguide war gerade dabei sein Geschäft „Adventure Consultants“ aufzubauen, womit er sein gesamtes Leben verbringen wollte. Als er bei mir im IMAX Zelt stand um uns zu sagen, wann wir auf den Berg gehen dürfen, entgegnete ich ihm, dass ich schon zwei Mal oben war bevor er je einen Fuß darauf setzte. Es gibt keinen Bürgermeister im Basislager. Es ist als hätten wir uns im Nationalpark vom Mont Blanc getroffen und Sie würden mir sagen, ich könnte erst in einer Stunde hochsteigen.

Der Journalist Jon Krakauer wollte für ein Magazin einen Artikel über die kommerzielle Tour schreiben und entschied sich für den Bergsteiger Rob Hall. Gab es vor Ort keine Rivalität zwischen den zwei Guides?
Das gab es eher weniger. Scott kenne ich, seitdem ich 18 Jahre alt bin. Wir besuchten die gleiche Bergführer-Schule. Er war mehr der Typ, der einfach drauf losging und weniger Business-orientiert plante. Jake Gyllenhaal performte ihn bis zur Perfektion als einen echten Berg-Typen, den man lieben wird.

Damals glaubte eine Generation von Everest-Touris, dass sie sich den Berg mit 65.000 Dollar und ein wenig Kondition kaufen kann. Während der vorbereitenden Proberouten zur Akklimatisierung wurden manche überfordert. Oben ab 8.000 Metern beginnt die Todeszone, in der die Organe nicht genügend Sauerstoff bekommen und sich selbst abbauen. Waren da Komplikationen nicht vorhersehbar?
Niemand konnte es ahnen. Rob hatte jahrelang mehr Menschen zum Gipfel gebracht als kein anderer zuvor. Er war dafür bekannt alles akribisch durch zu planen und geradezu kontrollierend zu sein. Am liebsten hätte er dir gesagt, wie viele Atemzüge du nehmen musst. Aber viele Dinge liefen schief. Wenn der kontrollierende Führer einmal nicht da ist… Ein idealer Bergführer sollte dich soweit bringen, dass du nach wenigen Wochen alleine überleben kannst.

19 Jahre nach dem Unglück erscheint „Everest“ in 3D. Sie wirkten über 13 Jahre lang als Co-Produzent mit. Was macht den Film aus?
Es geht nicht um die Besteigung, sondern darum, wie wir uns für andere einsetzen, um Wettbewerb und um die Mutter Natur. Sie kann sehr freundlich aber auch extrem gewalttätig sein. Vor ihr sind wir immer zerbrechliche Kreaturen, egal wie groß unser Ego ist. Der Film zeigt mir: wenn wir vor den Naturgewalten keinen Respekt zeigen, gehen wir zugrunde. Der Frühling währt nicht ewig.

Rob Hall, gespielt von Jason Clarke, verkörpert die Sehnsucht nach einem tieferen Sinn. Er will es jedem ermöglichen den höchsten Punkt der Welt zu erreichen. Bis zuletzt hilft er seinem Freund Doug, der im Jahr zuvor schon früher umkehren musste, ans Ziel. Durch welche Augen sieht das Publikum den Film?
Man sieht in vielen intimen Momenten Menschen kapitulieren, weil ihr größter Wunsch sie alles andere vergessen lässt. Sie handeln vom Herzen und nicht vom Verstand aus. Wir könnten uns alle wiederfinden und uns vorstellen Rob Hall zu sein und etwas Gutes für unseren Freund zu tun. Fehler machen wir alle.

Was war Ihre größte Herausforderung bei der Umsetzung der realen Geschichte im Film?
Mir war wichtig, dass uns die Hollywood-Drehbuchautoren weniger kategorisieren und nichts hinzu erfinden. Kletterer sind Menschen, die meistens auf Meereshöhe leben. Darum sind sie auch so menschlich. Unsere Konversationen sind die gleichen. Wir reden über unsere Hoffnungen und Ängste und sitzen gemeinsam beim Essen ohne verrückt oder spastisch zu werden.

Bekommen Sie keinen Höhenrausch?
Ich bin dort zu Hause. Mein Körper funktioniert bei 8.000 Metern recht gut. Mittlerweile, wenn man so häufig ins Himalaya Gebirge geht wie ich, freut man sich auf die ganz besonderen Menschen in Nepal. Die wenigsten würden wegen einem Berg wieder kommen.

Viele umarmen den Gipfel, wenn sie ihn endlich erreicht haben. Wenn der Everest eine Person wäre, wäre er eine Frau oder ein Mann?
Er wäre Caitlyn Jenner, ein transsexueller Star, der ehemalige amerikanische Olympiasieger Athlet Bruce Jenner. Der Everest wäre für mich wie eine Schwester, Tante, Bruder oder Onkel, der dir eine liebevolle Umarmung gibt, die dir sagt, dass du aufpassen musst. Manchmal ist er eine mahnende Person, die dich hinterfragt, was du hier machst, und die dir sagt, dass du nicht hierher gehörst. Everest hat einen sehr entflammbaren Charakter.

Immer mehr Topmanager haben einen Burnout und finden kaum zu einer Work-Life-Balance. Würden Sie diese Menschen direkt in die Berge schicken, damit sie lernen, mit sich selbst umzugehen und sich ihren Ängsten zu stellen?
Das ist eine sehr interessante Frage. Ich lehre viel über Führung in Unternehmen. Was man oft bei Menschen sieht, die in der Arbeit oder auf dem Berg nicht ausgeglichen sind, ist ihre verzerrte Sicht auf die Welt. Manchmal kann unsere Welt limitierend sein. Man hat die Erwartung, ein bestimmtes Resultat zu erzielen.

Mit welchem Problem ist man konfrontiert?
Um so mehr wir uns an den Erfolg gewöhnen und bequem Ziele erreichen, um so weniger sind wir imstande uns in einer sich schnell verändernden, wandelnden Welt zurecht zu finden. Im bildlichen Sinne bedeutet das, wenn man sich dem Gipfel nähert denken diese Leute an alles, was schief laufen könnte. Es wäre am bequemsten, seiner Angst nachzugeben. Am Ende vom Marathon solltest du aber nicht daran denken, dass dein Bein blutet, sondern daran, dass du du siegen wirst. Und das Beispiel erklärt auch, warum im Film „Everest“ Rob Hall weiter geht um Doug an den Gipfel zu bringen. Auch wenn sein Verstand ihn sonst davon abraten würde.

Was haben Sie aus den dramatischen Erfahrungen von 1996 gelernt?
Wir können die beste Absicht haben und jemanden sehr lieben, für den wir glauben das Beste zu tun. Wobei es nicht so ist. Das machen wir für unsere Kinder, oder wenn wir eine Beziehung nicht beenden, weil wir glauben, dass es die Person verletzt. Nur wird es sie meist nicht umbringen.