FREI VON STANDARDS: EINBLICKE IN DIE DESIGNWELT VON G90

Text: Mamé Gamamy
Fotos: www.stefan-duenisch.de

Design braucht Mut – das sagt Günter Neunzig, Inhaber der Designmanufaktur G90 in Gröbenzell. Mut, um sich über Standards hinwegzusetzen, frei zu sein und Neues auszuprobieren. Seine außergewöhnlichen, begeisternden und noch nie gesehenen Interior-Projekte gehen über Vitra & Co hinaus. Von einem kubischen Showroom für Lamborghini über eine acht Meter hohe Lichtinstallation zum Thema Fußball für ein Vorstandsmitglied des FC Bayern München, bis hin zu innovativen Raumkonzepten für Privathäuser – für Neunzig ist einfach nichts unmöglich.

Elegant, puristisch und etwas deplatziert wirkt der schwarze Kubus aus Glas und Beton im Gewerbegebiet Gröbenzell. Inmitten großer Einkaufsmärktwe steht die Designmanufaktur G90 da, wie ein gigantisches Kunstwerk.

Im Inneren des 1000 Quadratmeter großen Gebäudes ist auch nichts so wie man es kennt. Auf drei Etagen haben Günter Neunzig und seine Partnerin Lucia Kalok ihre Vision von einem kunstvollen Wohn- und Arbeitsplatz umgesetzt. Innerhalb von zwei Jahren war das innovative Eigenheim samt Showroom und Werkstatt fertiggestellt.

Der Showroom im Erdgeschoß öffnet sich sieben Meter in die Höhe, sodass sogar große Leuchter wirken wie kleine Details. Möbel bekannter Marken, Bilder, Lampen und selbstkreierte Skulpturen bilden hier ein stimmiges Gesamtbild. Direkt nebenan befindet sich die Werkstatt. Angefangene, neue Arbeiten liegen auf einem großen Tisch, eine Sammlung von Materialproben stapelt sich übereinander. Hier tüftelt Neunzig an seinen Ideen, experimentiert mit verschiedenen Stoffen und perfektioniert Bestehendes – so lange, bis er genau das Produkt entwickelt, das er sich vorstellt. Über eine verglaste Treppe gelangt man zur Mezzanin, die den Blick von oben auf den Showroom freigibt. Auf dieser Ebene schließt sich das Büro an. Und auch hier sucht man vergeblich nach typischen Designklassikern. Den Schreibtisch hat Neunzig aus einer alten Werkbank und einer modernen Stahlkonstruktion neu zusammengesetzt. Altes mit Neuem zu kombinieren ist ein Designkonzept, das ihn begeistert.

Eine Etage höher öffnet sich loftartig der weite Wohnraum der Privatwohnung. Große Fensterfronten schaffen eine Verbindung zur großzügigen Dachterrasse nach draußen. Die offene Küche dominiert ein großer brauner Marmorblock. Darin befinden sich ganz unsichtbar in grifflosen Schubladen die Kochutensilien. Besonderes Highlight ist die Beleuchtung über der Marmorinsel: eine Art Leuchtstoffröhre, die gleichzeitig als beweglicher Wasserhahn fungiert.

Die optimalsten Ergebnisse erzielt er, wenn ihm die Kunden freie Hand lassen.

Auf der anderen Seite des riesigen Raums liegt das offene Bad mit freistehender schwarzer Badewanne, von der man auch auf die Terrasse blickt. Für mehr Privatsphäre kann das Bad durch eine schwarz-gerauchte breite Glasschiebetür abgetrennt werden. Neben dem grauen Sichtbeton, sind einige der drei Meter hohen Wände wandhoch mit Sägerauer Eiche verkleidet. Dahinter verstecken sich Schränke, die sich dank Druckmechanismus öffnen lassen, oder geheime Türen, die in Nebenräume wie das Gäste-WC führen. Neunzig schafft mit seinen raffinierten Designs Ordnung, minimiert und versteckt. Wichtig ist ihm der Effekt seiner Designkreationen – das, was das Auge wahrnimmt. Unter der Funktion, die hinter den Fassaden steckt, soll die Optik nicht leiden. „Ich würde mir auch niemals einen Vitra-Stuhl hinstellen. Das wäre zu einfach“, sagt Neunzig.

Neunzig überlässt nichts dem Zufall, alles ist bis ins Detail durchdacht. Und wenn es mal für etwas keine handelsübliche Lösung gibt, wird einfach eine Lösung entwickelt. So haben selbst die Fenster, die auf allen Etagen als Lichtbänder um den Kubus führen, das gewisse Etwas. Die sich öffnenden Fensterabschnitte funktionieren nicht nach einem gängigen Mechanismus, sie lassen sich stattdessen durch den Zug an Gurten kippen. Für diese Design-Innovationen braucht man viel Wissen um Materialien und Funktionalitäten, sowie viel künstlerisches Gespür.
Eigenschaften, die man nur durch Erfahrung sammeln kann. Seine Karriere begann Neunzig mit einer Glaser-Lehre. Schon damals begnügte er sich nicht mit dem einen Werkstoff und experimentierte neben Glas auch mit Holz, Metall und Licht und erfand so im Selbststudium eine eigene Design-Sprache. Eine, die vor Ideenreichtum und Erfindergeist nur so sprüht.

Angetrieben von seiner Leidenschaft und der Neugier, sowie dank seiner präzisen Vorstellungskraft und enormem Materialwissen, schafft es Neunzig immer wieder, etwas absolut Neues zu kreieren und damit seine Kunden zu überraschen. Die optimalsten Ergebnisse erzielt er, wenn ihm die Kunden freie Hand lassen. Denn nur dann kann er sein volles künstlerisches Potenzial entfalten. Wiederholungen mag er nicht. Da spricht der Künstler in ihm. Er sucht immer eine neue Herausforderung.

Günter Neunzig geht es ums Ausprobieren, Experimentieren, sich frei zu machen und frei zu sein – darum, sich zu trauen, andere Wege zu gehen. Nur so, meint er, kann etwas Neues, nie Dagewesenes und Ungewöhnliches entstehen.