Giorgio Moroder

Interview: Alex Gernandt
Fotos: © Sony Music / Anna Maria Zunino

Der mehrfache Oscar- & Grammy-Gewinner über seine Jugend in einem südtiroler Dolomitendorf, seine Zeit in München, den Aufstieg zum 
Godfather of Disco“, Diven, Drogen und Daft Punk…

RIZE: Herr Moroder, Sie gelten als „Godfather of Disco“ und „Erfinder des Elektro-Sounds“. 2015 starteten Sie nach vielen Jahren Pause Ihr musikalisches Comeback. Das haben Sie doch gewissermaßen Daft Punk zu verdanken, oder?

MORODER: Ja, absolut. Ich bekam eines Tages einen Anruf von den Daft-Punk-Jungs, Thomas Bangalter und Guy-Manuel Homem-Christo. Sie würden mich gern kennenlernen, weil sie mein Synthesizer-Sound aus den 70ern beeinflusst hatte. Als ich meinem Sohn Alessandro, er ist 26 und Künstler, davon erzählte, drängte er mich zuzusagen und wollte bei dem Treffen unbedingt dabei sein. Er hat Daft Punk mal beim Coachella-Festival erlebt und ist ein großer Fan. Nach dem ersten Gespräch in L.A. luden mich die Jungs zu sich nach Paris ins Studio ein. Das war aber erst ein Jahr später. Ich hatte sie schon fast wieder vergessen…

Und dann?
Die zwei baten mich, im Studio mein Leben zu erzählen. Ich war verdutzt und wusste nicht, was sie vorhatten. Letztlich landete mein Monolog „Giorgio by Moroder“ auf ihrem Album „Random Excess Memories“. Damit war ich plötzlich im Gespräch und bekam Lust, wieder selbst Musik zu machen.

Ergebnis ist Ihr aktuelles Album „74 is the new 24“. Als „Godfather of Disco“ mischen Sie plötzlich wieder in der jungen Elektro-Szene mit. Wie schaffen Sie das?
Alter ist für mich überhaupt kein Thema. Ich fühle mich viel jünger als die 75, die ich jetzt bin. Alter ist ja in erster Linie eine reine Kopfsache. Der Dance Music ist es vollkommen egal, wo du herkommst, wieviel Geld du hast oder wie alt du bist. Es ist egal, ob du 24 oder eben 74 bist. Im Studio habe ich bei diesem Peojekt mit bedeutend jüngeren Sängerinnen gearbeitet, z.B. Charli XCX, Britney Spears, Kylie Minogue, Foxes oder Sia. Da gab es unter uns keinerlei Kommunikationsprobleme. Ich kann ihnen übrigens verraten, dass ich auch sehr gern Pharrell Williams als Gast auf meinem Album dabei gehabt hätte, aber der ist leider bis zum Ende des Jahrzehnts ausgebucht…

Gut 50 Jahre ist es her, seit Sie vom abgelegenen Grödnertal in Südtirol auszogen, um die Musikwelt zu revolutionieren. Hatten Sie das genau so geplant?
Nein, so ganz sicher nicht. Ich war ja zunächst nur ein ganz normaler Musiker in einer Tanzband. Musik war nur mein Hobby.

Wie verlief Ihre Jugend damals in Südtirol?
Ich bin in St. Ulrich, italienischer Name Ortisei, aufgewachsen. Das ist ein abgelegenes Dorf in den Dolomiten. Ich hatte dort eine wirklich schöne Jugend. Da es außer Bergen und Natur aber nicht viel Abwechslung gab, habe ich früh eine Faszination zur Musik entwickelt. Der amerikanische Sänger Paul Anka war mein großes Idol. Seinen Hit „Diana“ hörte ich immer wieder im Radio. Das hat etwas in mir geweckt.

Wie sind sie zur Musik gekommen?
Zunächst habe ich neben der Schule viel gejobbt. Ich war Liftboy oben auf dem Langkofel, war Eisverkäufer und habe im Dorf Gemüse ausgefahren. Doch irgendwann, so mit 16, 17, habe ich mir Gitarrespielen beigebracht und fortan an nur noch in Tanzcafés gespielt. Das war mehr meine Welt.

Und was war dann der nächste Schritt?
Mich hat’s hinausgezogen in die Welt. Am Tag meiner letzten Schulprüfung habe ich hingeschmissen und bin los. Meine erste Station war Grindelwald in der Schweiz, danach ging’s nach Genf. Bis 1968/69 war ich nonstop als Musiker unterwegs, nannte mich einfach „Giorgio“. Mit „Looky Looky“ gelang mir ein erster Hit. Man nannte den Sound damals Bubblegum-Pop. Ich habe viel experimentiert, u.a. auch mit Michael Holm und dem Trio „Spinach“.

Anfang der 70er Jahre gründeten Sie in München das legendäre „Musicland“-Studio!
Ja, im Keller des Arabellahauses, einem großen Hotel in Bogenhausen. Mit dem Studio habe ich mir einen Traum erfüllt. Nur zwei Wochen nach der Eröffnung kam Marc Bolan mit T.Rex vorbei und wollte im Studio produzieren, kurz danach die Rolling Stones, Queen und Deep Purple. Da konnte ich nicht nein sagen und hab sie reingelassen. Die Bands brachten allerdings ihre eigenen Produzenten mit, mich haben Sie für die Dauer der Aufnahmen rausgeschmissen. Es gab nämlich nur einen Aufnahmeraum.

Ihre Popstar-Karriere haben Sie damals beendet. Heutzutage treten Sie wieder als DJ auf. Was ist das für ein Gefühl?
Phänomenal. Auf dem Dancefloor tanzen junge Menschen, die waren noch lange nicht geboren, als meine Hits wie

„I Feel Love“ oder „Call Me“ in den Charts waren. Aber sie singen Zeile für Zeile mit, gehen ab und jubeln. Ein tolles Gefühl. Wenn ich am DJ-Pult stehe, fühle ich mich ein bisschen wie Michael Jackson.

Sie haben mit unterschiedlichsten Künstlern wie Donna Summer, David Bowie, Barbra Streisand, Nina Hagen, Freddie Mercury, Debbie Harry, Irene Cara, Cher, Brigitte Nielsen und Falco gearbeitet…
Stimmt. Und alle hatten ein besonderes Talent. Anhand dieser Namen und Personalities kann man auch erkennen, dass es für mich in der Musik keine Grenzen gibt. Ich wollte mir nie Limits setzen. Musik bedeutet für mich Freiheit.

Wer war eigentlich die größere Diva – Donna Summer, Barbra Streisand oder doch Freddie Mercury?
Freddie Mercury, ganz klar (lacht). Ich habe festgestellt, dass alle großen britischen Rockstars Diven sind. Bei Freddie war das Problem, dass er als Sänger, Pianist und Komponist so gut war, dass er sich überhaupt nichts sagen oder gar vorschreiben ließ. Er war ein großer Könner, aber er konnte manchmal auch ein bisschen überheblich sein.

In München haben Sie mit Donna Summer revolutionäre Disco-Hits wie „Love to Love you Baby“ und „I Feel Love“ produziert und wurden mit Ihrem pulsierenden Synthie-Sound zum „Urvater des Elektro-Pop“.
Während der Aufnahme zu „Love to Love you Baby“ kam mir die Idee, Donna mitten im Song stöhnen zu lassen. Als sie loslegte, hörte sich das aber alles andere als erotisch an. Sie wirkte verklemmt. Da habe ich alle anderen Männer im Studio rausgeschickt, meine Assistenten und auch ihren Ehemann Dr. Helmuth Sommer. Und siehe da, plötzlich ging sie ab. Das Ergebnis sorgte dann für einen echten Skandal und wurde von den Radiosendern boykottiert. Sowas Anrüchiges hatte man bis dahin halt noch nicht gehört.

Die 70er Jahre waren im Musikbiz eine wilde Zeit. Kamen Sie damals mit Drogen in Kontakt?
Nein, null! Ich hatte immer viel zu viel Angst vor der Wirkung und den Folgen… Hätte ich früher Drogen konsumiert, wäre ich heute sicherlich nicht so fit und ausgeglichen.

1979 gewannen Sie gleich für Ihre erste Filmmusik zu „Midnight Express“ einen Oscar. Und vier Jahre später haben Sie den Soundtrack zum Kult-Thriller „Scarface“ gemacht. Waren Sie damals bei den Dreharbeiten dabei?
Eigentlich war ich bei den meisten Filmen selten am Set, aber bei „Scarface“ in Miami war ich dabei. Damals drehte Brian dePalma die legendäre Szene, als Al Pacino, sprich „Tony Montana“, in seinem Wohnzimmer in der riesigen Badewanne liegt, und seine Frau Elvira, gespielt von Michelle Pfeiffer, wüst beschimpft. Das war recht interessant. Mit Al Pacino bin ich auch über die Dreharbeiten hinaus in Kontakt geblieben. Ein feiner Kerl.

Sie wirken absolut agil, voller Tatendrang. Machen Sie sich dennoch ab und an Gedanken über den Tod?
Nein, nie! Mir geht’s gesundheitlich im Großen und Ganzen gut, nur hin und wieder hab ich mal Rückenschmerzen. Das sind Spätfolgen eines Unfalls vor anderthalb Jahren. Ich bin beim Rollerbladen gestürzt, dabei sind mir Sehnen an der Schulter gerissen. Aber ansonsten geht’s mir bestens, Gott sei Dank.