Dieter Meier und Boris Blank

Interview: Alex Gernandt

Dieter Meier und Boris Blank. Mit YELLO sind die Electro-Pop-Pioniere aus Zürich seit 37 Jahren der Inbegriff von Schweizer Coolness! “The Race“, “Oh Yeah!“ oder “Bostich“ heißen ihre Welthits. Mit “TOY“ haben sie jetzt ein neues Album vorgelegt und kürzlich gaben sie in Berlin die ersten vier Live-Konzerte ihrer Karriere. Eine unglaubliche Erfolgsstory. Dabei könnten Meier und Blank unterschiedlicher nicht sein. Wir trafen die beiden in München zum Interview. Ein Gespräch über Musik, Spielzeug, Drogen, Golf und Schuheputzen…

“TOY“ ist Ihr nunmehr 13. Album. Wie würden Sie denn Ihre Rollenverteilung bei YELLO beschreiben?

BORIS BLANK: Dieter ist der Frontmann. Und ich sorge im Hintergrund für den Sound. Diese Rollenverteilung gibt es bei uns von Beginn an, seit 37 Jahren. Ich bin ein Mensch, der gerne wie ein Mönch in der Abgeschiedenheit des Studios mit Sounds experimentiert und tüftelt. Wie ein Maler, der verschiedene Klangfarben produziert und kombiniert. Die Musik entsteht dabei wie ein Patchwork, aus einzelnen Versatzstücken. Erst wenn das Klangbild fertig ist, kommt Dieter als Sänger dazu.

Sie verglichen das Schaffen des YELLO-Sounds mal mit dem amerikanischen Maler Jackson Pollock, der für abstrakten Expressionismus steht.

MEIER: Von der Herangehensweise, ja. Ich komme nicht mit fertigen Texten ins Studio, wenn wir neue Musik aufnehmen, sondern habe das Glück, in die Klangbilder von Boris eintauchen zu können. Dabei entstehen dann erst Ideen für passende Lyrics. Das ist für mich wie in einem Film mitspielen, für den es nur die Musik gibt und noch keine Dialoge. Meine Methode ist die, dass ich dann zum Sound von Boris stakkatoartig Wortfetzen raushaue, eben wie Pollock Farbe auf die Leinwand geschmissen hat. Im Unterschied zu Pollock entsteht bei uns jedoch am Schluß ein gegenständliches Gemälde, nichts Abstraktes.

Sind Sie selbst auch Kunstsammler?

MEIER: Ich sage mal so: Bei mir sammelt sich Kunst an. Einen echten Pollock könnte ich mir nicht leisten, da kostet ein Bild ja im dreistelligen Millionenbereich.

Der Albumtitel “TOY“ legt eine Frage nahe: Hatten Sie in Ihrer Kindheit ein Lieblings-Spielzeug?

BLANK: Lego, Fischertechnik und meine TRIX-Express-Eisenbahn. Ich habe die Lokomotive umgebaut und Gummibänder um die Räder gezogen, damit sie bergauf fahren konnte. Ich war schon immer ein Tüftler.

MEIER: Ich konnte als Kind nie was mit Spielzeug anfangen. Im Kindergarten wurde ich auffällig, weil mich Bauklötze und ähnliches nie interessiert haben. Man hat mich in der Not früher als üblich vom Kindergarten in die Schule versetzt. Später wurde ich dem Schularzt vorgeführt. Mein Befund: nicht ausbildungsfähig!

Sie hatten keine Hobbys?

MEIER: Doch, Schuhe putzen! Ich habe schon als Kind gern Dinge aus der Erwachsenenwelt gemacht. Ich war ein kleiner Angeber, der zeigen wollte, dass er Dinge tun kann, die sonst nur Erwachsene machen. Unglaublich profiliert habe ich mich als Abspüler. Schon mit vier, fünf Jahren war ich der perfekte Abwascher. Als ich 6 oder 7 war, lag meine Mutter krank im Spittal. Da habe ich gelernt, einfache Gerichte zu kochen und habe die Familie bekocht. Das größte war aber das Schuheputzen.

Klingt ziemlich ungewöhnlich…

MEIER: Ich war oft bei meinen Großeltern auf dem Land. Auf dem Traktor zu sitzen mit einem Jauchewagen hintendran, das war ein großer Spass. Ich habe mich immer gefreut, wenn es geregnet hat und die Schuhe schön voller Matsch waren. Ich habe dann dem Großvater die total verschmutzten Stiefel geputzt. Der Vorher/Nachher-Effekt war für mich sehr befriedigend.

Gibt es spielerische, gar kindische Seiten an Ihnen?

MEIER: Es gab mal eine Zeit, da habe ich Boris jeden Morgen mit einem Gedicht beglückt, das auf ihn gemünzt war (grinst).

BLANK: Keine Beispiele, bitte!

Doch, doch, wir bitten darum!

MEIER: “Boris Blank und Freundin Frauke hauen tierisch auf die Pauke. Boris Blank greift in die Tasche, schon wieder eine leere Flasche“. So in etwa, Blödelgedichte halt… (lachen)

Herr Meier, Sie sind außer Musiker auch Unternehmer, Künstler, Rinderzüchter, Weinbauer, Gastronom. Ihr Zürcher Restaurant “Bärengasse“ liegt im Lichthof der Credit Suisse Bank, und Sie selbst entstammen einer Bankiersfamilie. Kann das Zufall sein?

MEIER: Ja. Das Restaurant gab es schon, bevor ich es übernommen habe. Die zwei Vorbesitzer sind damit pleite gegangen. Ein Manager der Credit Suisse war damals in meinem Lokal “Ojo de Agua“ zu Gast und gaben mir den Tipp, dass das Lokal frei wird. Ich habe die Bärengasse dann mit Nico Maeder, dem Maitre d’Hotel aus dem Hotel Baur au Lac übernommen. Ich habe mittlerweile auch nach Berlin expandiert. In Charlottenburg habe ich ein Restaurant und in der Torstraße in Mitte eine Bar.

Zurück zur Musik. Kürzlich haben Sie mit YELLO im Kraftwerk in Berlin die ersten Live-Konzerte Ihrer Karriere gegeben.

MEIER: Richtig, nach 38 Jahren. Wir haben in Berlin den Spaß, auf der Bühne zu sein, mitbekommen. Es gibt schon interessante Angebote für 2017, vielleicht spielen wir ja auch mal in Moskau, Paris oder in den USA…

BLANK: Dieter hat Recht. Das Selbstvertrauen, das mir jahrelang gefehlt hat für Konzerte, kam mit dem Feedback des Publikums. Ich bin guter Dinge, da weiterzumachen.

1983 sind Sie mal im Roxy in New York aufgetreten und wurden von Dianne Brill angesagt, der New Yorker Party-Queen…

MEIER: Das war eher ein Showcase-Gig unserer Plattenfirma. Im Roxy verkehrten überwiegend Afroamerikaner und Latinos. Es waren an diesem Abend etwa 500 Gäste da, die dachten, wir seien eine schwarze Avantgarde-Rap-Band von der Westküste, weil unser Hit “Bostich“ auf dem schwarzen Sender WBLS lief. Die Verwunderung war groß, als da plötzlich Weißköpfe aus der Schweiz auf der Bühne auftauchten.

War es von Anfang an klar, englische Texte zu machen?

MEIER: Ja! Weil Englisch vom Rhythmus der Sprache her geeigneter ist, es passt besser zu Boris Musik. Die Figuren, die ich für unsere Songs erfinde, sind wie Charaktere aus einem Film noir, Bar- und Nachtstimmungen, es geht um Einsamkeit, verführerische Frauen, schwerstanfällige Männer… Wie im Hollywood der 1940er oder 50er Jahre. Humphrey Bogart, Romane von Raymond Chandler.

Einer Ihrer Hits trägt den Titel “You gotta say yes to another excess“! Wie sieht es denn bei YELLO in Sachen Exzesse aus?

MEIER: Der Exzess, den Boris Blank täglich lebt, ist das Zurückfinden in die eigene Kindheit. Totale Freiheit des Spiels und des Spielzeugs. Ohne Regeln und Einschränkungen, sodass man sich selbst und seine Fantasie entdecken kann. Daher heisst unser neues Album eben auch “TOY“.

Von der “Sex, Drugs & Rock’n’Roll“-Abteilung waren Sie nie?

MEIER: Nein. Sicher haben wir früher auch mal mehr getrunken und sicher war da auch mal die übliche “Beigarnitur“ dabei…

Beigarnitur?

MEIER: Naja, in den 80er Jahren war Koks die “normale“ Nachspeise. Wir haben da aber nur sporadisch mitgemacht und waren nie echte Kokser. Ich war immer schon ein vernünftiger Trinker. Für mich gehört zu einem Abendessen ein gutes Glas Wein, oder drei oder vier. Ein echter Exzess, den ich heute noch betreibe, ist das Golfspielen.

Sie schafften es immerhin in die Schweizer Junioren-Nationalmannschaft…

MEIER: Ja. Golf ist ein ewiger Kampf, eine Auseinandersetzung mit der absichtslosen Absicht. Es ist ja ein Widerspruch in sich, dass man total locker schwingen soll, aber dann ein Ziel in 200 Meter Entfernung treffen. Golf ist eine Zen-buddhistische Disziplin.

Tiger Woods wurde mal gesagt, dass er auch ziemlich oft Glück habe. Daraufhin antwortete er: „Ja, es ist seltsam: je mehr ich trainiere, desto mehr Glück habe ich!“ (lacht).

Sprechen wir über den Aktionskünstler Meier: Wo waren Sie am 23. März 1994?

MEIER: Da war ich tatsächlich in Kassel. Das war eine meiner Kunstaktionen. Im Jahr 1972 habe ich während der documenta-V-Ausstellung in Kassel auf dem Bahnhofsplatz eine gusseiserne Platte in den Boden eingelassen mit der Inschrift: „Dieter Meier wird am 23. März 1994 von 15 bis 16 Uhr auf dieser Platte stehen!“ – also 22 Jahre später. Für viele Passanten, die jahrelang daran vorbeigingen, war das wie ein “Memento Mori“ – alle fragten sich, werde ich dann noch leben, was wird dann sein und wer ist eigentlich dieser Dieter Meier? Als ich 1994 wie versprochen da stand, sind hunderte Leute gekommen. Kurz nach 16 Uhr wurde die Platte wieder entfernt und in einem Schubkarren abtransportiert, sie hatte ihre Funktion ja erfüllt. Es wäre interessant zu wissen, wo sie sich heute befindet.

“THIS MAN WILL NOT SHOOT!“ hieß ein weiteres Happening, das Sie einst in New York aufführten…

MEIER: Das war eine lustige Geschichte. Das Konzept der Aktion war, dass ich mich einem gezückten Revolver in die Eingangshalle des New York Cultural Centers stelle. Der Direktor fand das alles andere als lustig. Alle hatten Angst, auch die Besucher. Keiner traute meinem Schild: THIS MAN WILL NOT SHOOT! Die dachten, ich sei wohl irgendein Kunsthasser, der es hier auf Leute abgesehen hat, die sich Kunst ansehen wollen. Die Situation war bisweilen gar dramatisch. Dabei wollte ich nur das Absurde zeigen. Ich habe nicht geschossen.

Heute gehört sogar Lady Gaga zu den Sammlern von Dieter-Meier-Kunst…

MEIER: Lady Gaga hat bei einer Benefiz-Auktion des Küstlers Bob Wilson in Upstate New York für 20.000 Dollar eine meiner Knetfiguren erstanden. Ich mache kleine Knetköpfe, die innen hohl sind und von zwei Taschenlampen ausgeleuchtet werden. Die fotografiere ich schwarzweiß ab und erfinde eine Kurzgeschichte dazu. Lady Gaga wusste nicht, dass der Künstler, dessen Werk sie ersteigerte, Dieter Meier von YELLO ist – und war dann umso erstaunter, als ich mit ihr beim Dinner ins Gespräch kam.

Sie gelten als “Godfathers of Electro-Pop“. Als Sie anfingen, sich für Musik zu interessieren, war da auch Rock’n’Roll ein Thema?

BLANK: Für mich auf jeden Fall. Um 1963 habe ich mir beim Spielen mit Schießpulver und Munition eine Verletzung am linken Auge zugezogen und musste ins Krankenhaus. Mir mussten Metallteile von der Netzhaut entfernt werden. Das kann man genau datieren, denn exakt zu dieser Zeit kam die Beatles-Single “She loves you“ raus. Ich lief damals im Bademantel vom Kantonsspittal zum Plattenladen Jecklin runter, kaufte mir die Scheibe für 2,50 Franken und wurde ein Riesenfan der Beatles. Später entdeckte ich die Rolling Stones, Pink Floyd und Jean-Michel Jarre.

MEIER: Ich bin ein echtes Jazz-Kind, obwohl meine Eltern nie Musik gehört haben. Mein Vater hatte keine Beziehung dazu. Aufgewachsen bin ich mit Jazzern wie John Coltrane, Thelonius Monk, Miles Davis. Mein bester Freund kam aus einer kultivierten Familie, der hat mich dafür begeistert. Ich war süchtig nach Jazz. Jeden Abend saß ich in meinem Zimmer, habe Musik gehört und die ersten Zigaretten geraucht. Im Regal hatte ich eine kleine Flasche Schnapps hinter meinen Büchern versteckt (lacht). Für mich war der Jazz mit 17 die erste Form einer möglichen Freiheit.

Als junger Mann wollten Sie Schriftsteller werden. Ihr Buch “Hermes Baby“ ist eine Liebeserklärung an Ihre Schreibmaschine, auf der Sie seit Jahrzehnten tippen…

MEIER: Genau. Aber ich habe nie was zustande gebracht außer ein paar Kurzgeschichten. Doch durch dieses haptische Erlebnis, dass ich auf eine Taste drücke und dann geht der Hammer nach vorne und lässt einen Buchstaben liegen auf dem Papier – da hatte ich das Gefühl: Dieterchen, endlich hast du was gemacht! Das Buchstabensetzen ist ein Glücksgefühl für mich. Ich genieße es bis zum heutigen Tag.

Sie sind auch passionierter Pokerspieler!

MEIER: Ich war früher ein “als Student getarnter Pokerspieler“Das Spiel hat mich fasziniert, es war eine absolute Weltflucht. Man ist am Pokertisch wie ein Boxer im Ring: Busy surviving! Hinter dem Pokertisch gibt es keine Welt. Du bist süchtig und du willst gewinnen, aber nicht um die Kohle wegzulegen und damit ein anderes Leben zu beginnen, sondern nur, um am nächsten Tag wieder spielen zu können.

Wie war denn damals das Verhältnis zu Ihren Eltern. Ihr Vater war Bankier und Sie sind ja, Pardon, etwas aus der Art geschlagen…

MEIER: Ich hatte aber ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, die liessen mich machen. Später war ich ganz links im politischen Spektrum, mein Vater dagegen strikt konservativ – trotzdem war da immer viel Liebe. Wir haben aber inhaltlich sehr scharf diskutiert, was zur Folge hatte, dass er aus der Freisinnig-demokratischen Partei ausgetreten ist, weil ihm die zu rechts wurde. Später haben meine und auch Boris’ Eltern noch miterleben können, wie ihre Bürschchen mit dem Erfolg haben, was sie gerne machen, mit der Musik. Und die Chance, als Musiker richtig Erfolg zu haben, ist in etwa 1 zu 100.000…