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Im Rausch der Höhe

Text: Alexandra Dobre

Gigantische Höhen – fantastische Ausblicke! Bergtouren, kleine oder größere, locken die Menschen auch im Winter raus in die Natur. Und immer mehr Bergbegeisterte träumen davon, sich der vielleicht größten Herausforderung ihres Lebens zu stellen, der Besteigung des Mount Everest! Der höchste Berg der Welt ragt 8.848 m hoch in den Himmel. Das „Dach der Welt“ ist nur wenige Wochen im Jahr zugänglich. Die Expedition bedarf intensivster Vorbereitung und höchster körperlicher Fitness. Unzählige Kletterfreaks haben auf der vermeintlichen Jagd
nach Rekorden am Mount Everest ihr Leben gelassen.

In RIZE berichten jetzt Berg- und Höhen-Experten exklusiv von ihren Erfahrungen. „Skyrunner“ Christian Stangl rannte in sieben Kontinenten binnen weniger Tage die größten Berge hoch. Über die Grenzerfahrung eines Normalsterblichen berichtet der Münchener Fotograf York Hovest (eigentliches Fachgebiet Mode), der einen Abenteuertrip auf den Spuren des Dalai Lama nach Tibet unternahm. Und der Amerikaner David Breashears, Produzent des Höhendramas „Everest“, macht die Essenz des Extrem-Bergsteigens begreiflich.

Genusswandern – Der Reiz intensiverAugenblicke

Die kleine oder größere Bergtour lockt immer mehr Menschen raus in die Natur. Lange galt Wandern als spießiges Senioren-Hobby, das dem Klischee von Wanderstock, Sepplhut und trällernden Volksliedern entsprach. Anders als noch vor etwa 20, 30 Jahren locken die Berge jetzt vor allem auch junge Menschen zu einem Kurztrip auf die Zugspitze, den Mont Blanc oder auch zu gemütlicher Runde mit Kuhglocken-Spiel von Alm zu Alm mit einer belohnenden Halbe Bier. Nicht mehr Mallorca oder Ibiza, sondern die eigene, schöne Heimat in den Bergen ist jetzt Trend. Von einem Wanderboom in Deutschland ist sogar die Rede. Vor allem Seltenheitswanderer kommen laut der Studie „Der Deutsche Wandermarkt
2014“ mehr und mehr auf den Genuss. Sagenhafte 70 Prozent der Deutschen wandern. Hape Kerkelings Jakobsweg–Bestseller „Ich bin dann mal weg“ bestätigt das Verlangen einer Generation: zurück in die (heimische) Natur. Beim „Genusswandern“ ist die Jagd nach den atemberaubenden Panoramen nicht nur Balsam für die Seele, sondern auch gut für die Gesundheit. Wie der Bregenzer Forscher Dr. Egon Humpeler feststellte,
hilft Bergwandern in mittleren Höhen zwischen 1.000 und 2.500 m gegen diverse Zivilisationskrankheiten. Der Berg, ein Gesundbrunnen? Humpelers langjährige wissenschaftliche Studien zu dem Thema bestätigen: Die dünnere Bergluft verbessert die Herz-Kreislauf-Leistung
deutlich. Sie wirkt gegen Bluthochdruck, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen. Der Grundumsatz verändert sich, da der Körper in der Höhe mehr Energie bei sauerstoffärmerer Luft verbrennen muss, wie ein Motor, der mit höherer Drehzahl mehr verbraucht. Schon viele Spitzensportler
machten sich dieses Prinzip zunutze und trainierten in Höhenlagen. Bei der sogenannten „Erythropoese“ wird der Sauerstofftransport verbessert, mehr rote Blutkörperchen werden gebildet und begünstigen den Transport von Sauerstoff ins Gewebe. Die Zellen erneuern sich dadurch viel schneller. Ein Wochenendtrip in die Alpen stärkt das Immunsystem spürbar und verjüngt mehr als jede Hyaluron-Creme.

Klettern – Höhe braucht Talent

Intensive Momente in atemberaubender Natur faszinieren die Menschen seit jeher und haben eine immense Anziehungskraft, die immer mehr Amateurkletterer auf 5.000er und 6.000er ins Himalaya-Gebirge lockt. Doch mit dem neuen Massentourismus wächst auch die Zahl der Unfälle. Ist die extreme Höhe für jeden geeignet? „Von 1.000 m bis 4.000 m Höhe kann es jeder schaffen“, sagt Christian Stangl, 49, österreichischer Alpinist und Bergführer. „Hier merken viele wie ihr Körper auf eine immer dünner werdende Luft reagiert.“ Wer schon bei etwa 3.700 m Höhe Kopfschmerzen bekommt, kann sicher sein, dass das seine körperliche Grenze ist und sollte sich laut Stangl nicht mehr zumuten. Im Jahr 2013 stand Stangl als Erster auf den Seven Triple Summits, allen dritthöchsten Bergen in sieben Kontinenten. Schon früher, in den 1990er Jahren fragte sich der Leistungs-Bergsteiger, was im 21. Jahrhundert noch möglich ist. So folgte er seinem Sportler-Urinstinkt und stieg die Berge immer schneller hoch. Der Reiz des Neuen machte Stangl im Jahr 2002 zum „Skyrunner”, einem Sporthybriden aus Bergsteiger und Leistungssportler. „Für den Aconcagua, mit 6.962 m der höchste Berg Südamerikas, brauchte ich 1990 noch drei ganze Tage. Plötzlich schaffte ich ihn in nur vier Stunden und 25 Minuten”, erzählt der Extremsportler. Wie beim Marathon erfahre man dabei einen großen Endorphinschub. Es musste einen weiteren solchen Schub geben, als ihn Klettern – Höhe braucht Talent einige Zeit danach der Ausblick von der Everest-Nordseite auf die aufgehende Sonne im Süden überwältigte. „Meine Lieblings-Landschaft befindet sich jedoch in der Antarktis“, verrät Stangl, „diese endlose Weite in Weiß und Blau strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, ohne jede Spur von Zivilisation“, schwärmt er. Mit 35 Jahren hängte er seinen gut bezahlten Job als Elektrotechniker an den Nagel, um ein Jahr lang die Welt zu bereisen. „Ich wollte nie zurück. Wozu sollte ich mich noch dem Leistungsdruck aussetzen, der mir nichts brachte außer Geld? Wo war die Lebensqualität, wenn ich jeden Tag stundenlang im Bürostuhl saß und nicht artgerecht gehalten wurde?“, bringt der Spitzensportler seinen früheren Lebenswandel auf den Punkt. Dann entdeckte er das „Skyrunning“. Jahrelang trainierte er hart dafür. „Höhenbergsteigen kann nicht jeder. Dazu braucht man ein besonderes Talent, wie bei vielen Sportarten. Nicht jeder überlebt die Höhe“, warnt Stangl. Im Flachland joggen reiche nicht aus, um sich auf die dünne Luft und die steilen Wege vorzubereiten. Die meiste Energie floss in ein hartes Training für Grundlagenausdauer und einen funktionierenden Fettabbau. Denn wenn dieser erst gar nicht vorhanden ist, geht einem oben auf dem Berg sprichwörtlich der Saft aus. Alle Muskelgruppen, die für eine Steigung zum Wandern gebraucht werden, müssten langfristig aufgebaut werden. Anfänger sollten sich langsam und schrittweise an 2.000 m, danach 3.000 m und 4.000 m hohe Berge herantasten. Schmerzt der Kopf, plagen einen Schwindel oder Reizhusten, sollte man besser aufhören. Der ehemalige Manager weiß die Gefahr einzuschätzen: „Auf einen Berg zu klettern hat im Gegensatz zu gewöhnlichen Sportarten einen USP: Man ist völlig auf sich allein gestellt. Wer es schafft, ganz oben anzukommen, muss auch ganz alleine wieder herunter kommen. Im Notfall gibt es keinen Rettungsdienst.“ Der Grund für die häufiger gewordenen Todesfälle und Verletzungen liege an Selbst-Überschätzung, so der Extremsportler: „Man ist vollgepumpt mit Endorphinen und kann als Amateur im Bewegungsrausch nicht mehr richtig einschätzen, ob bzw. wie sehr erschöpft man ist.“ Die meisten sterben dann an Herz-Kreislauf-Versagen, an zweiter Stelle erst durch Stürze und Lawinen. Stangls erster „Serienskyrun“, der neun Sechstausender in nur 18 Tagen umfasste, brachte ihn wie viele Leistungs-Marathonsportler in einen tranceähnlichen Zustand. Neurowissenschaftler fanden heraus, welche Mechanismen zu intensiven Flow-Erfahrungen beim Klettern, Bergsteigen oder Wandern führen und kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis. Das, was die Evolution ausmacht, und den Menschen von Affen unterscheidet, der Frontalkortex oder auch Vorderstirnlappen genannt, wird dabei heruntergefahren. Dadurch erfahren Bergsteiger einen niedrigeren „State of Mind“ und nehmen eine Gefühlsveränderung wahr: Das eigene Ich wird im Flow nicht mehr als Individuum wahrgenommen, sondern intensiv als eins mit der Umwelt empfunden. Wie bei der Meditation, Hypnose, beim Malen oder gar Drogenkonsum löst der Bergsport ein gleiches Verbundenheitsgefühl aus. Umgeben von ästhetischen Panoramen wird das Naturerlebnis deutlich intensiver. Picasso hat einmal gesagt: „Wenn ich ins Atelier gehe, vergesse ich die Umwelt. Und wenn ich Glück habe, auch mich selbst. Und dann fange ich an zu malen.“ Was den Profi-Bergsteiger von Flachländlern unterscheidet ist dieses eine besondere Gen, das einen zu Hochleistungen und Risikobereitschaft motiviert.

Bis ans Limit – 100Tage Tibet, das Versprechen

Der Mode-Fotograf York Hovest porträtierte im Jahr 2011 den Dalai Lama, dessen Geschichte ihn schon lange faszinierte. Als er dem Friedensnobelpreisträger begegnete, gab er dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter das unglaubliche Versprechen, dessen Heimat Tibet in seiner Schönheit und in seinem Leid so zu dokumentieren, wie es noch keiner vor ihm geschafft hat. Nachdem der Dalai Lama in Dharamsala im indischen Exil lebt, wollte York sehen, wie die Tibeter trotz ihrer Unterdrückung durch die chinesische Besetzung leben, und ob sie es tatsächlich noch schaffen, an ihn zu glauben. Auf einer gefährlichen Expedition gewann der Fotograf seltene Einblicke in entlegene Klöster fern von Reiseführern. Er ging dabei bis an sein Limit. Vom normal sterblichen Flachländler zum Bergsteiger war es für ihn ein harter Weg. Sein erster Versuch im Jahr 2012 wurde vorzeitig beendet, als die Chinesen alle Touristen zwangsweise nach Hause schicken mussten, nachdem sich zwei Tibeter auf offener Straße verbrannten, um auf ihre Unterdrückung aufmerksam zu machen. Es kostete den Fotografen viel Zeit und Kraft, sich erneut ein Jahr lang auf die größte Expedition seines Lebens vorzubereiten und seine Sponsoren erneut zu überzeugen. „Man kann keine Garantie abgeben, dass man es überhaupt schaffen wird“, erklärt er. Nach Tibet darf im Prinzip jeder einreisen, sobald er ein Permit arrangiert hat, dann aber nur mit einer staatlichen Reisebegleitung. „Es gibt keine längere Aufenthaltsgenehmigung als 30 Tage und alleine reisen darf man auch nicht. Ich wollte dort jedoch unbedingt meine Individualreise planen“, erzählt der Fotograf, der 100 Tage in Tibet blieb. Allein das war schon verboten. Er musste ein Team von 20 Leuten finden, vom Fahrer, Träger, Koch bis zum Arzt, die sich alle auf das gefährliche Abenteuer einlassen wollten. Täglich stellten sich ihnen nicht nur die Zäsuren und die chinesische Überwachung in den Weg. Völlig unerwartet brach Anfang April 2013 ein Winter ein, der selbst auf dem Hochplateau von Tibet ein besonders eiserner wurde. „Die Menschen vor Ort haben uns gesagt, wir können unmöglich zum Mount Kailash fahren, weil es wegen Eis und Schnee keinen Zugang gibt. Das schlägt natürlich auf die Psyche, wenn man als Expeditionsleiter seine Leute überreden muss das dann trotzdem zu machen, gegen den Willen der Einheimischen“, erzählt der Abenteurer. Den ganzen Tag über marschierten sie bei minus 20, 30 Grad. Der eiserne Wind machte das Leben schwer. Irgendwo gab es immer eine kleine Stelle am Körper, wo er hindurch zog, und wie ein Messerstich schmerzte. Mit steigendem Erschöpfungsgrad und wenig Sauerstoff wurde das Voranschreiten immer härter. Als einer der wenigen Haushunde aus dem Dorf mit ihnen zufällig mitlief, konnten sie von ihm lernen. Wann immer er den Pfad verließ oder die Richtung änderte, waren ihm die Bergsteiger hinterher gegangen. „Mit seinem feinen Gespür merkte er, wo das Eis dick genug war. Wenn er sich auf den Bauch zurück schob, wussten wir Bescheid, dass es zu dünn war“, ist Hovest dankbar. Schon der kleinste Fehler konnte den Tod bedeuten. Die unglaubliche Kälte verfolgte sie, als sie auf einem Seitenberg vom Mount Kailash auf 6.000 Meter Höhe gingen, um ihn von oben zu fotografieren. Für diese einmaligen Aufnahmen froren und schmerzten die Füße so sehr, bis sie heiß und schließlich taub wurden: „Du hast Angst, dass da irgendwas passiert, aber du kannst nicht nachschauen. Du kannst nicht einmal die Schlaufe auf und zu machen. Alles ist komplett eingefroren.“, Sie waren noch nicht oben angekommen. Und auch noch lange nicht unten. Wer stellt sich dabei nicht Pioniere wie Reinhold Messner vor, der seine Zehen verlor. Noch vor der Kora um den Mount Kailash kämpfte York mit der Höhenkrankheit. Während diesem Umrundungsweg vom Kailash erfahren Buddhisten der Sage nach ihr Leben neu. Es ist in drei Etappen unterteilt, 56 km lang und bis zu 5.700 Meter hoch. „Im Base Camp war in der zweiten Nacht jemand im Zelt neben uns gestorben. Ein Mann in meinem Alter ist am nächsten Morgen nicht mehr aufgestanden, weil er einen Hirnschlag hatte. Das ist die Höhenkrankheit. Das kann jedem passieren, sofort“, erinnert sich der Abenteurer. Obwohl er starke Anzeichen für die Höhenkrankheit hatte – von heftigen Kopfschmerzen, Kreislaufproblemen, Übelkeit, Reizhusten bis zu Fieber – und schließlich selbst höhenkrank wurde, besiegte sein eiserner Wille den gesunden Menschenverstand, der ihn direkt nach Hause geschickt hätte. „Es ging nicht anders. Bei mir hing so viel davon ab, es jetzt endlich zu schaffen. Nach einem Jahr wieder am gleichen Punkt zu stehen, so kurz vor dem Ziel“, macht Hovest begreifbar. Der Höhenkrankheit wirkt man mit Absteigen entgegen. In gewissen Regionen auf dem Hochplateau war das mit einem Boden von 5.500 Metern Höhe nicht möglich. Eine eineinhalb Tagesfahrt mit dem Jeep bis an die Grenze hätte das für ihn bedeutet, um erst wieder absteigen zu können. Hovest ging bis an sein Limit und entschied sich dafür, seine Expedition mithilfe starker Medikamente fortzusetzen. „Du musst echt deinen Schweinehund überwinden. Und zwar jeden Tag aufs Neue. Da ist keine Zeit zum sentimental werden“, sagt der Familienvater. Nur das Ziel hatte er vor seinen Augen: Das Versprechen an den Dalai Lama einzuhalten und den Kailash in drei Tagen zu umrunden. Und dann, als er endlich ankam, brach er in Tränen aus. Am Ziel hatte es ihn gepackt. „Man muss daran glauben. Viele Menschen vor mir haben es nicht geschafft, so weit zu kommen“, beteuert York Hovest, der am Ziel seiner Reise vor Glück und Befreiung weinte. Große Dankbarkeit überkam ihn, diesen Schatz der tibetischen Kultur erleben zu dürfen. „60 bis 70 Prozent ist das, was man sich mit selbst ausmacht, und der Rest ist die Verbundenheit im Team. Man hilft sich gegenseitig und pusht sich. Ich bewundere Einzelgänger, die sowas alleine auf sich nehmen. Das ist für mich unvorstellbar“, stellt der Unerschütterliche fest. Auf der Suche nach der Wahrheit fing York Hovest Undercover-Filmaufnahmen, Interviews und einmalige Erlebnisse mit Einheimischen ein, von denen er später dem Dalai Lama persönlich berichtete und sie in einem Bildband festhielt.

„100 Tage Tibet – Das Versprechen“, National Geographic Verlag

David Breashears – Am Berg gibt es keine Camouflage

Im Berliner Hotel Ritz-Carlton treffen wir auf David Breashears. Der 60-Jährige ist einer der bekanntesten amerikanischen  Bergsteiger – und Filmregisseur. 1983 nahm er als Erster eine TV-Live-Übertragung vom Gipfel des Mount Everest vor und bestieg ihn 1985 als erster Amerikaner zum zweiten (!) Mal. Während der Katastrophe im Mai 1996 war er als Co-Produzent und Co-Regisseur bei den Dreharbeiten zur ersten IMAX-Dokumentation „Everest – Gipfel ohne Gnade” vor Ort und erlebte alles hautnah mit. Beim ersten Versuch, den Mount Everest 30 Menschen für ein Ticket von 65.000 Dollar zugänglich zu machen, begann im Mai 1996 ein dramatischer Staffellauf von unvorhersehbaren Katastrophen. 20 Jahre später wagte sich jetzt Hollywood an diese Story: In „Everest” wird der Kampf ums Überleben am Berg in 3D gezeigt. Wir führten ein Gespräch mit Augenzeuge und Co-Produzent David Breashears.

RIZE: Was war Ihre Motivation, den Mount Everest fünfmal zu bezwingen?

DAVID BREASHEARS: Ich wollte schon als kleiner Junge Bergsteiger werden. Als ich elf Jahre alt war, entdeckte ich ein Buch mit Bildern von den ersten Bergsteigern auf dem Gipfel des Everest, dem Sherpa Tenzing Norgay und dem Neuseeländer Sir Edmund Hillary. Ich dachte mir, diese Menschen machen das Heroischste und Bedeutsamste, was jemand machen kann… Das wollte ich auch.

Um was geht es beim Bergsteigen im Prinzip?

Wenn ich Sie an ein Seil binde, muss ich auf Ihre Fähigkeiten vertrauen und Sie auf meine. Wenn Sie sich verletzen und sich ein Sturm anbahnt, dann verlasse ich Sie nicht. Das ist Selbstlosigkeit. Man lernt dort, sich wirklich auf jemanden verlassen zu können. Das ist für mich die Essenz des Bergsteigens.

Funktioniert das denn auch in gefährlichsten Situationen?

Da erkennt man dann sein wahres Gesicht. Auf dem Berg gibt es keine Camouflage, keine Tarnung. Jeder Fehler kann fatal sein und wird bestraft. Ohne genügend Sauerstoff trifft man schnell falsche Entscheidungen. Auch das Schicksal spielt eine Rolle. Man kann kollabieren, von einer Lawine überrollt oder von einem Sturm überrascht werden.

Klingt lebensgefährlich…

Das ist es. Wenn man Glück und einen wärmenden Schlafsack und ein Zelt hat, frieren nur die Füße, Zehen, Finger oder die Nase ab. Als bei der Expedition von 1996 plötzlich ein brüllendes, schwarzes Gewitter tobte, Wind mit einer Geschwindigkeit von 150 km/h und Schnee bei Minus 40 Grad schoss, versetze es einige Männer in thermisches Koma. Die Funkgeräte funktionierten noch, als der Sauerstoff ausging. Ich konnte Menschen bei ihren letzten Atemzügen hören. Acht Teilnehmer kostete es das Leben.

Wie haben Sie die Situation im Mai 1996 erlebt?

Damals glaubten gewisse Everest-Touris, dass sie sich den Berg mit einem Ticket für 65.000 Dollar und ein wenig Kondition kaufen können. Bereits während der vorbereitenden Proberouten zur Akklimatisierung wurden manche überfordert. Oben ab 8.000 Metern beginnt die Todeszone, in der die Organe nicht genügend Sauerstoff bekommen und sich selbst abbauen. Das haben viele unterschätzt.

Waren in diesem Fall Komplikationen nicht vorhersehbar?

Niemand konnte es ahnen. Der Bergführer Rob Hall hatte jahrelang routiniert Menschen zum Gipfel gebracht, mehr als jeder andere zuvor. Er war dafür bekannt, alles akribisch zu planen und zu kontrollieren. Am liebsten hätte er dir noch gesagt, wie viele Atemzüge du nehmen musst. Aber viele Dinge liefen schief.

Bekamen Sie keinen Höhenrausch?

Nein, denn ich bin mittlerweile dort zu Hause. Mein Körper funktioniert auf 8.000 Metern recht gut. Wenn man so häufig ins Himalaya-Gebirge geht wie ich, freut man sich auf diese ganz besonderen, herzlichen Menschen in Nepal. Das ist mein High!

Immer mehr Topmanager leiden unter Burnout und finden kaum zu einer Work-Life-Balance. Würden Sie diese Menschen direkt in die Berge schicken, damit sie lernen, mit sich selbst umzugehen und sich ihren Ängsten zu stellen?

Das ist eine sehr interessante Frage. Ich doziere viel über Führung in Unternehmen. Was man oft bei Menschen sieht, die in der Arbeit oder auf dem Berg nicht ausgeglichen sind, ist ihre verzerrte Sicht auf die Welt. Manchmal kann unsere Welt sehr einengend sein.

Mit welchem Problem ist man konfrontiert?

Um so mehr wir uns an den Erfolg gewöhnen und bequem Ziele erreichen, um so weniger sind wir imstande, uns in einer sich schnell verändernden, wandelnden Welt zurecht zu finden. Im bildlichen Sinne bedeutet das, wenn man sich dem Gipfel nähert, denken diese Leute an alles, was schief laufen könnte. Es wäre am bequemsten, seiner Angst nachzugeben. Am Ende vom Marathon solltest du aber nicht daran denken, dass dein Bein blutet, sondern daran, dass du siegen wirst. Und das Beispiel erklärt auch, warum im Film „Everest“ Rob Hall weitergeht, um seinen Partner Doug an den Gipfel zu bringen. Auch wenn sein Verstand ihm sonst davon abraten würde.