“WIR WOLLTEN EINFACH KRACH MACHEN!!“

Text: Alex Gernandt

Im Milestone Hotel in London traf Alex Gernandt (RIZE) Led-Zeppelin-Legende Jimmy Page zum Exklusiv-Interview. Neben Jimi Hendrix und Eric Clapton gehört der Brite zu den bedeutendsten Gitarristen der Rockgeschichte. Hier ein Auszug aus dem Interview mit dem heute 72jährigen Gitarrenmagier, in dem er über sein Lebenswerk, Ärger mit dem Bandnamen, nervige Nachbarn, Abenteuer und Eskapaden spricht.

James Patrick Page, genannt Jimmy, wurde am 9. Januar 1944 in Heston bei London geboren. In den 1960er Jahren war der Ausnahme-Gitarrist zunächst gefragter Sessionmusiker, 1966 spielte er neben Jeff Beck bei den Yardbirds. 1968 gründete er Led Zeppelin, eine der größten Rockbands der Geschichte. Nach dem Tod des Drummers John Bonham löste sich die Gruppe 1980 auf. Heute ist Jimmy Page Solomusiker und Hüter des Led-Zeppelin-Erbes.

RIZE: Mr. Page, soeben haben Sie alte BBC-Aufnahmen von Led Zeppelin remastered. Ihre erste Berührung mit dem Sender hatten Sie aber bereits 1957 als Schüler…

Jimmy Page: Das stimmt. Mit 13 Jahren habe ich an einer Talentshow der BBC teilgenommen und war mit meiner Nummer „Mama don’t allow no Skiffle“ ganz erfolgreich. Ich war sehr jung, ein nervöser, verängstigter Teenager. Musik war mein einziges Hobby.

Träumten Sie davon, Rockstar zu werden?

Jimmy Page: Nein, an sowas war nicht zu denken in dieser Zeit. In der Show wurde ich nach meinen Zukunftsplänen gefragt. Ich antwortete, dass ich Biologe werden wolle, um ein Heilmittel gegen Krebs zu entdecken. Ich komme aus einer bürgerlichen, ganz und gar unmusikalischen Familie, da war Profimusiker keine Option. Es musste ein ordentlicher Beruf sein nach der Schule.

Soweit kam es nie. Statt dessen eroberten Sie mit Led Zeppelin die Welt. Welche Erinnerungen haben Sie an die BBC-Sessions zwischen 1969 bis 1971, die jetzt erschienen sind?

Jimmy Page: Ich erinnere mich, dass ich bei Zeppelin alles anders machen wollte als bei den Yardbirds, bei denen ich zuvor spielte. Die letzten Singles der Yardbirds waren keine Erfolge, was zu schlechter Stimmung in der Gruppe geführt hatte. Diesem sinnlosen Druck wollte ich mich mit meiner neuen Band nicht aussetzen. Ich wollte Spaß haben an der Musik, mit Leidenschaft spielen, keine Pop-Hits!

Led Zeppelin ist Ihr Lebenswerk. Was war Ihre Vision? Die Rockmusik zu revolutionieren?

Jimmy Page: Unser erstes Album sollte ein Frontalangriff auf die Ohren werden! Mein Ziel war, mit der Band einen Sound zu erschaffen, den man so noch nie gehört hatte: radikal, wild, intensiv und roh. Kurz: Wir wollten einfach Krach machen (lacht)!

Das Debütalbum – wie auch alle folgenden Platten – produzierten Sie selbst, anstatt sich einen namhaften Produzenten zu suchen. Warum?

Jimmy Page: Weil kein Produzent so eine genaue Vorstellung von dem haben konnte, was ich vorhatte. Ich wollte totale Kontrolle, und Ahmet Ertegun, Boss unseres Labels Atlantic, gab sie mir. Ein Wagnis, aber er vertraute mir, weil er mich als zuverlässigen Studiomusiker kannte. Die Studiokosten habe ich selbst getragen. Alle gaben ihr Bestes, die Kreativität strömte aus uns raus, es war wie eine Explosion. Besonders Robert Plants Vocal Performance war atemberaubend, so wild, so rauh. Seine Stimme hat unglaublich viele Farben.

Und keiner der Led-Zeppelin-Songs hört sich jemals gleich an…

Jimmy Page: Darauf habe ich immer Wert gelegt. Egal, ob „Whole lotta Love“, „Stairway to Heaven“, „Dazed and confused“ oder „Kashmir“ – auf keinem unserer Konzerte klangen diese Songs je gleich. Das war die musikalische Freiheit, die ich anstrebte. Ich will auf der Bühne improvisieren, Emotionen rauslassen, mich ausleben und nicht nach Schema F spielen.

Ziemlich bald schon gab es Probleme mit den Nachkommen des Grafen von Zeppelin wegen des Bandnamens…

Jimmy Page: Das ging von einer Dame namens Eva von Zeppelin aus, einer dänischen Baronin und Enkelin des Zeppelin-Erfinders Ferdinand von Zeppelin aus Konstanz. Sie war entrüstet über die Benutzung ihres Namens und wollte uns gar juristisch belangen. Als sie dann noch das Cover unseres ersten Albums mit dem brennenden Zeppelin, der Hindenburg, vor die Augen bekam, ist sie förmlich explodiert (grinst). Ich verstand gar nicht, was die Frau von uns wollte. Ich suchte jedenfalls keinen Streit.

Wohl aber Frau von Zeppelin…

Jimmy Page: Sie drohte ernsthaft, unseren Auftritt in Kopenhagen verbieten zu lassen. Naja, unser Manager Peter Grant hat ausnahmsweise mal nachgegeben und Led Zeppelin traten an jenem Abend unter dem Pseudonym „The Nobs“ auf. Den Namen hatten wir blitzschnell erfunden, inspiriert durch Claude Nobs, unseren Konzertpromoter und Organisator des Montreux Jazz Festivals.

Die Fans, besonders in Amerika, verehrten Sie von Beginn an abgöttisch, die Medien dagegen weniger…

Jimmy Page: Wir bekamen durch die Bank schlechte Kritiken in den USA, die Medien hassten uns. Einer schrieb: Plant singt Töne, so schrill, dass sie nur für Hunde hörbar sind. Im Nachhinein wird oft vieles verklärt und schöngeredet, aber für uns war das damals hart! Trotzdem haben wir unbeirrt an unserem Kurs festgehalten.

Statt mit Hits sorgten Sie eher mit Drogen- und Groupie-Eskapaden für Aufsehen.

Jimmy Page: Aus der breiten medialen Ablehnung uns gegenüber hat sich letztlich unser Benehmen ergeben, das sicher nicht immer astrein war. Natürlich haben wir über die Stränge geschlagen, in allem. Wir waren jung, hungrig nach Abenteuern. Irgendwann war uns alles egal, wir konnten es den Medien eh nicht recht machen. Erst als wir immer größere Konzerte spielten, wurde den Schreibern klar, dass hinter dem Hype auch eine gewisse Substanz stecken musste.

In Ihrem Leben scheinen Häuser eine besondere Rolle zu spielen: Als Sie mit Ihren Eltern von Heston bei London nach Epsom umzogen, sollen Sie im neuen Heim eine alte Gitarre gefunden haben.

Jimmy Page: Ja, die hatte der Vorbesitzer dort wohl vergessen. Da keiner in meiner Familie ein Instrument spielte, nahm ich die Klampfe an mich. Mein Interesse war geweckt.

Später kauften Sie das sagenumwobene Boleskine-Haus am Loch Ness in Schottland, im dem früher der berüchtigte Okkultist Aleister Crowley gelebt hatte.

Jimmy Page: Korrekt. Im Boleskine-Haus habe ich selbst aber nicht lange gewohnt. Ich erinnere mich, dass wir Fantasy-Szenen für unseren Film „The Song remains the same“ (1976) auf dem Grundstück drehten. Da passierte wirklich etwas Seltsames: Ich Vorfeld hatte ich gesagt, dass ich mir für den Dreh Vollmond wünsche und dass oben auf dem Berg Schnee liegen sollte. Und so kam es! An jenem Abend war der Himmel wolkenlos und der Vollmond gut zu sehen, und oben auf dem Berg lag tatsächlich Schnee. Ich musste zweimal hintereinander hochkraxeln, bis alles im Kasten war. Das war eine echte Tortur.

1972 erwarben Sie das altehrwürdige Tower House in London-Kensington, das im 19. Jahrhundert erbaut wurde und unter Denkmalschutz steht. Stimmt es, dass Sie mit Ihrem neuen Nachbarn Robbie Williams seit einiger Zeit im Clinch liegen?

Jimmy Page: Die Sache wurde von den Medien aufgebauscht. Tatsache ist, dass er seit einiger Zeit Renovierungen und Umbauten an seinem Haus durchführen lässt und ich jemand bin, der ein ruhiges Leben bevorzugt. Ich will meine Ruhe. Alles andere interessiert mich nicht.

Was ist denn heute der status quo bei Led Zeppelin? Sie scheinen viel mehr hinter der Band zu stehen als etwa Sänger Robert Plant, der seine eigenen Projekte verfolgt.

Jimmy Page: Dazu kann ich nur Folgendes sagen: Seit Tag 1 habe ich mich Led Zeppelin gegenüber verpflichtet, qualitativ hochwertiges Material zu veröffentlichen. Das ist meine Aufgabe und der habe ich mich verschrieben. Und jetzt, wo all unsere Werke remastered sind, werde ich wohl mal wieder meine Gitarre abstauben…

Sind Sie eigentlich jemals mit einem Zeppelin geflogen, Mr. Page?

Jimmy Page: Noch nie! Ich habe immer nur ganz fasziniert Zeppelin-Dokus im Fernsehen verfolgt. Aber das wäre tatsächlich noch interessant: Einmal in einem Zeppelin um die Welt fliegen und dabei die Pyramiden überqueren, ein Traum!