JON BON JOVI

Interview: Alex Gernandt

JON BON JOVI, geboren am 2. März 1962 als John Francis Bongiovi  in Perth Amboy/New Jersey, verkaufte mit seiner Band Bon Jovi 130 Millionen Alben und spielte vor über 34 Millionen Fans in 50 Ländern. Mit Hits wie “Runaway“, “Livin’ on a Prayer“ oder “It’s my Life“ regiert er weltweit die Charts. Eine Zeitlang versuchte er sich auch als Schauspieler. Mittlerweile engagiert er sich mit seiner Frau Dorothea mit der “Jon Bon Jovi Soul Foundation“ für soziale Zwecke und erhielt dafür die Ehrendoktorwürde zweier US-Universitäten. Ein Gespräch über seine Anfänge als Laufbursche, kriminelle Manager, Abenteuer in Moskau und Richie Sambora…

RIZE: Mit 18 schnupperten Sie, der Kleinstadtjunge aus New Jersey, erstmals ins Rock-Business. Die Adresse 441, West 53rd Street in Manhattan spielte dabei eine besondere Rolle…
Jon Bon Jovi: Wie wahr. Dort waren die Power Station Studios beheimatet, in denen ich meine ersten Gehversuche im Musikbusiness machen durfte. Ein umgebautes Kraftwerk, daher der Name.

Die Power Station Studios gehörten Ihrem Verwandten Tony Bongiovi, einem bekannten Produzenten. Hat Ihnen das den Einstieg erleichtert?
Nicht unbedingt. Tony heißt zwar auch Bongiovi, aber ich kannte ihn kaum. Er ist nur ein Cousin zweiten Grades. Eines Tages lud ihn mein Vater aber zu uns zum Abendessen ein. Hintergrund: Dad wollte von ihm als Musik-Produzent wissen, ob ich – damals 18 – überhaupt musikalisches Talent besitze. Mein Vater war nämlich extrem kritisch, was meine Musikerpläne anging. Ich hatte ihm nach Abschluss der Highschool klargemacht, dass ich weder aufs College gehen werde noch als Friseur arbeite wie er, sondern mich auf Musik fokussieren möchte.

Sie spielten damals bereits in einer Band?
Ja, ich hatte gerade meine Coverband Atlantic City Expressway aufgegeben und war bei der Gruppe The Rest eingestiegen, weil die eigene Lieder im Repertoire hatte. Das war für mich ein Schritt nach vorne.

Bei einem Auftritt mit ihrer Coverband Atlantic City Expressway war sogar mal ihr großes Vorbild Bruce Springsteen auf die Bühne gesprungen…
Das war 1979 im Stone Pony Club in Asbury Park, New Jersey und natürlich ein extremer Thrill, das kann man sich sicher vorstellen. Ich war 17 und hatte Riesenrespekt für diesen Mann. Er hatte damals sein Album “Darkness on the edge of town“ rausgebracht und wohl einfach Lust, in einer Bar aufzutreten. Das Stone Pony war sowas wie Bruce’ Wohnzimmer, er ist dort über hundert Mal aufgetreten. Und an jenem Abend fragte er uns, ob ein paar Songs mitspielen dürfe. Irre war das.

Zurück zu Produzent Tony Bongiovi – wie fiel sein Urteil aus?
Er meinte, meine Band sei Schrott, aber ich hätte eine gute Stimme. Wir blieben in Kontakt. Drei, vier Monate später hatte einen Job für mich. Ich wurde „Gopher“ (von: go for) in seinen Power Station Studios, für 50 Dollar die Woche. Abends hatte ich dann Zeit, um mit meiner Band in Bars aufzutreten.

Was war Ihr Job im Studio?
Laufbursche! Ich habe Kaffee gekocht, geputzt, aufgeräumt. War aber spannend, denn ich kam zum ersten Mal mit dem Showbiz in Berührung. Ich sah dort Cher, die ganz junge Madonna, die Jungs von Aerosmith, die Rolling Stones, Nile Rodgers und Chic, Bryan Adams, alle nahmen sie dort auf. Ich war dabei, als David Bowie mit Queen den Hit „Under Pressure“ bei uns remixten. Hinter einer Glasscheibe beobachtete ich Freddie Mercury und David Bowie beim Arbeiten. Mit den Musikern sprechen durfte ich nicht, aber ihnen Kaffee bringen. Immerhin (lacht).

Sie legten dort den Grundstein zu Ihrer Karriere…
Tony konnte mir nur ein kleines Gehalt zahlen, deshalb schenkte er mir etwas Zeit im Aufnahmestudio. Die nutzte ich, um ein Demo aufzunehmen. Er half mir bei der Produktion des Songs „Runaway“ und organisierte mir Profimusiker. Die Band Bon Jovi existierte noch nicht. Für diese Gefälligkeiten wollte Tony Prozente am Song “Runaway“. Die Nummer wurde später mein erster Hit, es hat sich für ihn also gelohnt.

Und Sie starteten schließlich mit Bon Jovi durch!
Das war noch ein langer, langer Weg. Anfangs wurden wir erstmal von vielen großen Plattenfirmen abgelehnt und nicht ernst genommen. Das werd ich nie vergessen. Aber wir gaben einfach nicht auf…
…und feierten vor genau 30 Jahren Ihren großen Durchbruch mit dem dritten Album “Slippery When Wet“, das heute zu den 50 meistverkauften Alben in den USA zählt, mit Hits wie “Livin’ on a prayer“.
Das war schon eine Wahnsinnszeit. Ich habe dazu eine Anekdote: Mit 15 war ich in Ferien am Lake Erie in Pennsylvania. Abends gabs dort ein Open-Air-Konzert mit den Doobie Brothers, Heart und Rush auf dem Footballfeld der hiesigen Highschool. Es war die erste Rockshow meines Lebens und hat mich schwer beeindruckt. Viele Jahre später, 1987, bin ich dorthin zurückgekehrt – und spielte auf der “Slippery When Wet“-Tour mit Bon Jovi auf just diesem Footballfeld… als Headliner! “Gestern ist vorbei! Was zählt, ist das Heute und das Morgen…“

Mit welchen Gefühlen blicken Sie heute auf die wilden, bunten Achtzigerjahre zurück?
Ich schau mir nie alte Videoclips an. Und läuft mal einer im Fernsehen, denke ich mir: Wow, ist das echt schon 30 Jahre her? Irgendwie surreal. Aber Gestern ist vorbei, was jetzt zählt, ist das Heute und Morgen. Vor ein paar Tagen gab ich Interviews zum neuen Album im Avatar Studio, den ehemaligen Power Station Studios. Und es war in dieser Woche exakt 36 Jahre her, dass ich es zum ersten Mal betreten hatte. Wenn man mir damals prophezeit hätte, was in den kommenden 36 Jahren in meinem Leben passieren würde, niemals hätte ich es geglaubt. Nicht in 1000 Jahren. Wenn ich also zurückblicke auf die frühen Erfolgszeiten von Bon Jovi, dann war das eine wunderbare, wilde, bunte Welt. Aber ich lebe nicht in der Vergangenheit.

Sie sind längst zum seriösen Rocker geworden und haben es mittlerweile gar zum Ehrendoktor gebracht!
Zweifach! Ich habe einen Ehrendoktorhut von der Monmouth und einen von der Rutgers University in New Jersey.

Dr. h.c. Bon Jovi, wie kamen Sie zu dieser Ehre? Nur berühmt sein reicht da nicht aus…
Das hat mit meiner Charity-Arbeit zu tun. Zusammen mit meiner Frau betreibe ich die “Jon Bon Jovi Soul Foundation“. Wir haben 500 Wohnungen und Häuser für Bedürftige gebaut, dazu zwei Restaurants mit einem Konzept, das es so noch nie gab.

Was ist denn Ihr Konzept?
Die Gäste, die es sich leisten können, zahlen freiwillig etwas mehr für ihr Essen und davon profitieren die, die es sich normalerweise nicht leisten können, ins Restaurant zu gehen. Die zahlen nichts. Die Idee ist, dass es keine Ausgrenzung sozial Schwacher gibt, keine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Bisher haben wir in beiden Läden über 50.000 Mahlzeiten verkauft. Es funktioniert und kommt gut an. Dafür wurde mir gerade der “Clinton Global Institute Award“ von Bill Clinton verliehen.

Sie erwähnten Ihre Frau. Mit Dorothea sind Sie schon seit Highschool-Tagen zusammen. Eine Seltenheit im Rockbusiness…
Ich habe Dorothea Hurley 1980 auf der Stevens- Highschool in Sayreville kennengelernt und die richtige Entscheidung getroffen. Ich habe sehr viel Glück gehabt.

Geheiratet haben Sie 1989 standesgemäß in der “Graceland Wedding Chapel“ in Las Vegas…
Ich erinnere mich zu gut. Aber wir sind alles andere als ein Hollywood- oder Glamour-Paar. Hollywood ist nichts für mich und war es auch nie. Der Lifestyle ist mir zu oberflächlich. Viele dort bleiben auch in ihrem Privatleben Schauspieler, machen sich was vor und manche gehen daran zugrunde. Ich bin dafür zu bodenständig aufgewachsen in Sayreville, einer Kleinstadt, in der man sich noch kennt.

Sie haben wohl aber mit Hollywood angebandelt…
Ja, Anfang der 90er habe ich den Titelsong für den Western “Blaze of Glory – Flammender Ruhm“ gemacht und bekam neben Emilio Estevez eine Minirolle im Film.
Hat diese Erfahrung Ihr Interesse an der Schauspielerei geweckt?
Nach fünf erfolgreichen Alben mit Bon Jovi wollte ich einfach etwas Neues kennenlernen, die Filmerei. Aber wenn mich ein Regisseur in der Rolle eines Rockstars besetzen wollte, habe ich sofort abgesagt. Ich mochte mich nicht selber spielen.

Stattdessen spielten Sie einen Maler in “Moonlight & Valentino“ oder einen Leutnant im Kriegsdrama “U-571“. Ihr letzter Film “New Years Eve“ ist einige Jahre her. Haben Sie die Lust verloren?
Die Schauspielerei ist mir nicht mehr wichtig. In meiner damaligen Lebensphase war sie es und ich habe gern Filme gedreht. Schauspielerei hat mir geholfen, als Künstler zu wachsen. Es übt einen in puncto Demut, wenn man in einem Faltstuhl sitzt und aufs Probesprechen warten muss!
Zu meinem letzten Film “New Years Eve“ gibt’s eine nette Story. Regisseur Garry Marshall rief an und bat mich, ausnahmsweise mal einen Musiker zu spielen. Er meinte: Du wirst im Film auch mit Halle Berry rummachen! Sie will, dass du diese Rolle spielst. Wow! Halle Berry! Okay! Ich bin dabei! Als ich das Zuhause erzählte, habe ich Highfives bekommen von meiner Frau, meiner Mutter und von meiner Tochter (lacht). Die finden Halle Berry auch toll. In letzter Sekunde sprang sie dann aber leider ab …

Zurück zu Bon Jovi! Der kriminellen Energie Ihres Managers Doc McGhee haben Sie einen ganz besonderen Auftritt im Osten zu verdanken – hinter dem “Eisernen Vorhang“…
Das war das “Moscow Music & Peace Festival“ im August 1989, zu Zeiten von Glasnost und Perestroika. Wirklich ein besonderes Erlebnis, zumal die Russen für uns Amerikaner ja jahrzehntelang die bad guys waren, die bösen Kommunisten. Russland war No-Go-Area. Der kalte Krieg hatte in Amerika Ängste geschürt, US-Sportler etwa mussten nach Ansage von Präsident Carter 1980 die Olympischen Spielen in Moskau boykottieren. Und wir durften plötzlich das Lenin Stadion rocken. Allein die Story, wie es dazu kam, ist ja abenteuerlich…

Erzählen Sie!
Ich hatte keine Ahnung, dass mein Manager Doc McGhee im Nebenjob Drogendealer ist. Er hat seine Bands, also uns, Mötley Crüe und später die Scorpions, mit Geldern aus Drogenschmuggel finanziert. Eines Tages wurde er verurteilt, weil er ein Drogenkartell beim Schmuggeln von Marihuana unterstützt hatte. Ein Teil der Strafe war sogenannter “Community Service“. Da kam ihm die Idee zu einer Anti-Drogen-Kampagne und einem dazugehörigen Musikfestival. Über den Sänger Eddie Money hatte Doc kurz zuvor einen Russen namens Stas Namin kennengelernt, ein russisches Rock-Urgestein. Zusammen heckten sie den Plan aus, ein bahnbrechendes Friedens-Festival in Moskau zu veranstalten. Vor Gericht schlug McGhee dem Richter diese Idee vor und der willigte ein. Das Music & Peace-Festival wurde zum “Woodstock des Ostens“.

Welche Eindrücke haben Sie damals aus Moskau mitgenommen?
Dass wir als Rockband dort die olympische Fackel entzünden durften, war für uns ein großes Ding! Ich erinnere mich, dass wir nach der Landung in Moskau am Flughafen jede Menge Kriegsbomber aufgereiht sahen, ein ganz schön martialischer Anblick zur Begrüßung. Im Stadion betrieb die Militärpolizei mehr Aufwand für die Sicherheit des Hamburgerstandes im Backstage-Bereich, der vom “Hardrock Café“ in London gesponsort war, als für die 200.000 Zuschauer oder für uns Bands. Die Russen kannten Hamburger und Fritten ja nur vom Hörensagen. Die Polizei hatte Angst, sie würden den Stand stürmen. Aber die Menschen, die uns während dieser Reise begegneten, waren sehr herzlich und friedlich. Mir wurde klar, dass die Musik alle einte – Ost und West! Sogar die Militärpolizisten warfen irgendwann ihre Schirmmützen in die Luft. So was war bis dahin unvorstellbar. Wir haben damals politisch und kulturell Barrieren eingerissen.

Für Ihr neues Album “This House is not for sale“ sind Sie zu Ihren Wurzeln zurückgekehrt. Es entstand in Manhattan in der 441, West 53rd Street…
Stimmt. Die Power Station Studios heissen heute allerdings Avatar Studios. Aber es war ein Wahnsinnsgefühl, an den Ort zurückzukehren, wo vor 36 Jahren alles begann.

War Nostalgie der Grund, warum Sie nicht wie sonst in Ihrem hauseigenen Sanctuary Studio in Red Bank, New Jersey produziert haben?
Nein. Ich bin mittlerweile nach New York umgezogen. Unser Haus in New Jersey nutzen wir nur noch an Wochenenden. Und das Privatstudio habe ich aufgegeben. Es hat sich von den Unterhaltskosten her nicht mehr gerechnet. Das Equipment habe ich meinem Toningenieur Obie O’Brien vermacht, der das Studio damals mit mir gebaut hat.

“This House is not for sale“ ist das erste Bon-Jovi-Album ohne Gitarrist Richie Sambora. Es heißt, sie hätten Sie Ihren langjährigen Partner gefeuert.
Ein absolutes Missverständnis. Niemand hat Richie gefeuert. Er erschien einfach nicht mehr zur Arbeit. Und ich stand deshalb bei unseren Fans als Buhmann da, weil sie dachten, ich hätte ihn gefeuert. Richie musste wegen Alkohol und Drogen in Rehab – und kehrte nie wieder zur Band zurück. Ich habe seit dreieinhalb Jahren nichts von ihm gehört und ihn schlußendlich ersetzt, denn mit Bon Jovi muss es weitergehen. Das bin ich unseren Fans schuldig. Und die Band ist mein Leben!