Jürgen Vogel

Fotograf: Markus Hofmann www.white-photo.com
Stylist: Kingahorvath www.kingahorvath.de
Interview: Alex Gernandt

Er gehört zu den führenden Charakterdarstellern des deutschen Films. Der Durchbruch gelang Jürgen Peter Vogel, gebürtiger Hamburger, 1992 mit dem Kultfilm „Kleine Haie“ von Sönke Wortmann. Außerdem spielte er in Kinoerfolgen wie „Goodbye, Lenin!“, „Männersache“, „Keinohrhasen“, „Das Adlon“, „Der freie Wille“, in internationalen Produktionen wie „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ und ist seit gut 25 Jahren Stammgast im „Tatort“. In seiner Karriere wurde er mit vielen wichtigen Preisen wie der Goldenen Kamera und dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Wir trafen Multitalent Vogel, der auch Drehbuchautor, Komiker, Filmproduzent, Sänger und Motorsportfan ist, zum Gespräch…

RIZE: Jürgen, du gehörst zu den profiliertesten Schauspielern im Land. Wie bist du damals zur Schauspielerei gekommen? War das dein Traumberuf?
Jürgen Vogel: Nein! Zur Schauspielerei bin ich eher durch Zufall gekommen. Ich habe früher als Kindermodel gearbeitet und wurde plötzlich zu einem Casting für einen Film eingeladen und tatsächlich genommen. Damals war ich 15. Ich muss zugeben, dass ich wahnsinnig viel Glück hatte.

Gab es für dich eine Initialzündung, etwa einen Lieblings-Film, der dich diesem Beruf näher brachte?
Klar, es gab schon Filme, die ich toll fand, etwa „Taxi Driver“ mit Robert DeNiro und Jodie Foster. Der Streifen hat mich wirklich inspiriert. Viele Schauspieler haben ja so eine Art „Role Model“ und für mich war es dieser Film. Diese Art von Hollywoodkino beeindruckt mich. Das Kino der 1970er und frühen 80er Jahre finde ich stilistisch und auch filmisch wahnsinnig interessant. Da gehört auch „Dirty Harry“ mit Clint Eastwood dazu. Diese schmutzige, reale Form zu drehen, fand ich immer großartig, natürlich in Zusammenhang mit außergewöhnlicher, grandioser Schauspielleistung.

Wie bereitest du dich auf deine Rollen vor?
Ich lese die Drehbücher rechtzeitig und kann mir in dieser Zeit schon Gedanken darüber machen. Es gibt Gespräche mit dem Regisseur über die Figur und die Haltung des Films. Und so taste ich mich ran. Klingt nicht so spektakulär, aber das meiste findet in meinen Kopf statt und hängt zusätzlich von meinem Gefühl ab. Ich weiß meist schon einige Wochen zuvor, wie ich die Rolle anlegen muss.

Du hast dann die Falckenberg-Schauspielschule in München besucht und den Beruf professionell erlernt!
Die Zeit an der Schauspielschule war sehr spannend, da ich ja noch nicht wusste, ob ich Schauspieler werden darf oder kann. Ich hatte zwar schon ein paar kleinere Filme gedreht, doch zu diesem Zeitpunkt wusste ich eigentlich noch nichts über den Beruf. Mir wurde dann schnell klar, dass Schauspielerei mein Ding ist. Und ich bin dabei geblieben.

Was wäre für dich denn eine berufliche Alternative zur Schauspielerei gewesen?
Das ist schwer zu sagen! Ich habe mich mein Leben lang für Kampfsport interessiert. Also hätte ich mit großer Wahrscheinlichkeit eine Kampfsportschule aufgemacht.

Hast du heute noch einen Bezug zu München?
München ist eine sehr schöne Stadt. Ich habe Mitte der 80er Jahre dort gelebt. Damals habe ich diese ganze Münchner Schickeria hautnah miterlebt, lief selbst aber immer in Bomberjacke und Boxerschuhen rum – wie ein geborener Prolet. Damals war ich sicher eine Art Fremdkörper in dieser Szene, aber in Schumanns Bar durften meine Kumpels und ich trotzdem immer rein. Charles Schumann, der Besitzer, grüßt mich heute noch. Ich mag ihn, ein cooler Typ. Er hat ja auch geboxt und trägt das Herz an der richtigen Stelle. München hat etwas Gemütliches an sich. Ich arbeite immer sehr gerne in der Stadt.

„DAS KINO DER 1970ER UND FRÜHEN 80ER JAHRE FINDE ICH STILISTISCH UND AUCH FILMISCH WAHNSINNIG INTERESSANT.“

Hast du denn bestimmte Lieblingsorte in oder um München?
Ich war kürzlich mit Marcus, einem guten Freund und Fotografen, nach langer Zeit mal wieder draußen am Tegernsee. Dort waren wir in den Bergen wandern. Die Natur da ist wahnsinnig schön. Ansonsten fühle ich mich aber auch in meiner Wahlheimat Berlin sehr, sehr wohl. Ich drehe momentan in Berlin. Das ist klasse, weil ich dann nicht ins Hotel muss.

Flashback in die Vergangenheit: Hast du eine spannende Abenteuer-Story aus deiner Jugend für uns parat?
Abenteuerstory aus meiner Jugend? (er seufzt versonnen!) Ich bin damals schon mit 15 Jahren zu Hause ausgezogen. Vielleicht war das mein größtes Abenteuer. Ich bin mit 16 erstmals nach München gegangen und wollte auf die Schauspielschule. Aber nach nur einem Tag bin ich zunächst wieder weg und mit Richy Müller, der damals schon ein gefragter Schauspieler war, nach Berlin, wo ich eine sehr wilde und interessante Zeit erlebte. Das war in den 80ern, da hatte Berlin durch die Mauer einen ganz besonderen Status.

Du hast mit Richy Müller zusammen in einer WG gelebt…
Ja. Die Zeit in dieser WG war schon richtig geil. Mitte der 80er mit Richy unterwegs zu sein, das war die tollste und schönste Prägung, die man sich vorstellen kann. Er war eine Art Vaterersatz für mich. Wir hatten eine wahnsinnig tolle Zeit. Darüber hätte man ein Buch schreiben können oder vielleicht besser nicht (er lacht)…

Ihr teilt auch die Leidenschaft zum Motorsport…
Absolut. Ich bin früh Zweirad gefahren. Als erstes hatte ich ein Mofa von Peugeot. Ich habe damals mit 14 den Mofa-Führerschein gemacht. Dann war mein erster Motorradtraum eine Yamaha XT 500. Nach wie vor ein schönes Motorrad, perfekt für den Einstieg. Die Maschine haben sie mir leider geklaut. Die Leidenschaft fürs Motorradfahren ist geblieben.

Erinnerst du dich an dein erstes Auto?
Logo. Mein erster Wagen war ein Ford Taunus, 1,3 Liter, glaube ich. Der sah so ein bisschen „Ami“-mäßig aus. Mein großer Traum war aber immer der Jaguar E-Type. Ich hatte immer schon ein enges Verhältnis zu Autos, vor allem zu Jaguar. Ich bin in diese Marke irgendwie vernarrt.

Wie würdest du dich als Fahrer charakterisieren?
Ich brauche keinen Nervenkitzel und kein Risiko, weil mein Leben schon spannend genug ist. Ich fahre sehr gerne Auto und Motorrad, weil es eine große Leidenschaft von mir ist und einfach das Gefühl Freiheit vermittelt, aber ich fahre kontrolliert. Ich bin keiner, der die Gefahr sucht.

Wie hältst du dich fit?
Durch Kampfsport! Angefangen habe ich mit 14 Jahren. Ich mache Jiu Jitsu in der Randori Pro Sportschule in Berlin, die haben da auch ein paar MMA-Kämpfer und eine Junioren-Weltmeisterin in Mixed-Martial-Arts. Sie hat sogar schon in Las Vegas gekämpft. Kampfsport ist für mich die perfekte Art, sich fit zu halten.

Was ist deine Einstellung zum Thema Ernährung?
Gesunde Ernährung finde ich gut und wichtig. Ich finde es aber auch in Ordnung, wenn man sich davon auch mal eine Auszeit nimmt und einfach isst, worauf man gerade Lust hat. Ich bin prinzipiell aber schon sehr diszipliniert, weil mein Körper mein Werkzeug ist. Daher will und muss ich ihn fit halten.

Wer sind im Leben denn deine persönliche Helden?
Helden sind für mich die Väter, die mit ihren Kindern auf Spielplätze gehen und keine großen Sprüche reißen. Helden sind für mich keine, die immer nur den Harten schieben. Die wahren Helden sind die, die sich um ihre Kinder kümmern und Verantwortung übernehmen können. Das finde ich toll.

Hast du noch berufliche Ziele?
Mein berufliches Ziel ist immer, meine nächste Rolle so gut zu machen wie es nur geht. Ich habe das große Glück, dass ich immer interessante Rollen angeboten bekomme. Ich hoffe, dass es weiterhin so gut läuft. Ich lerne in diesem Job immer neue Schauspieler und Regisseure kennen, und ich mag ich es, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Ich schaue auch anderen gern dabei zu, auf welche Art und Weise sie ihre Arbeit bewältigen. Das ist für mich wahnsinnig spannend.

„ICH BIN KEINER, DER DIE GEFAHR SUCHT!“

Du bist auch leidenschaftlicher Musiker. Wann hört man wieder was Neues von deinem Projekt, der Hansen Band?
Die Hansen Band wird es so wahrscheinlich nicht mehr geben. Meine Mitmusiker Marcus Wiebusch (Kettcar) und Thees Uhlmann (Tomte) sind ja mit ihren eigenen Bands und Projekten unterwegs und haben deshalb auch nicht die Zeit, um mit mir jedes Jahr oder alle zwei Jahre, ein Album zu machen. Ich bedauere das etwas, denn ich würde gern mehr Musik machen. Also, wenn ihr das unbedingt wollt, tut mir einen Gefallen und schreibt an Thees und Marcus. Ich wäre bereit, aber ich denke den Jungs fehlt es momentan an Zeit.

Was geht aktuell bei dir ab? Verrätst du uns deine neuen Projekte?
Momentan drehe ich für das ZDF einen Zweiteiler, der Arbeitstitel ist „Familie!“. Ich spiele eine Hauptrolle neben Iris Berben und Anna Maria Mühe. Wie der Titel schon sagt, handelt es sich um eine Familiengeschichte. Oliver Berben von der Moovie – The Art of Entertainment GmbH kümmert sich um die Produktion und Dror Zahavi ist der Regisseur, er macht tolle Sachen für das Fernsehen. Dass ich momentan in Berlin drehen kann, ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann. Kurz zuvor habe ich „Nachtschicht“ abgedreht, ein 90-Minuten-Krimi, auch fürs ZDF. Regisseur ist Lars Becker. Ich spiele darin einen Comedian. Man muss schließlich vielseitig sein. Ansonsten stehen für den Herbst noch ein paar Projekte an, über die ich aber noch nicht sprechen kann. Auf jeden Fall ist dieses Jahr sehr spannend, mit interessanten Rollen und viel Spaß – und Zeit fürs Motorradfahren bleibt auch noch. Was will ich mehr!?