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Drink like a King

Er ist „Sommelier des Jahres 2013“ und sorgt im renommierten Sterne-Restaurant TANTRIS in München für Qualität und Stimmung im Glas. In RIZE stellt JUSTIN G. LEONE (33) regelmäßig die neuesten Weintrends vor!.

Ein ehemaliger Punk Rocker, ein Pro Snowboarder und ein Doktor der Meeresbiologie gehen in eine Bar… klingt eher nach dem Beginn eines dreckigen Witzes als nach önologischer Bewegung, oder? Wie auch immer. Dieser bunt zusammengewürfelte Haufen aus halbstarken, dynamischen und ziemlich lustigen Typen führt Australiens Aufstieg zum Wein-Produzenten eleganter, raffinierter, manchmal sogar völlig natürlicher Stile an. Dabei ahmen sie die weltbekanntesten „Cool Climate“-Regionen nicht nur nach, sondern haben einen ganz eigenen Stil kreiert.

Von Melbourne bis Perth wurde die Erwartung eines sehr alkoholhaltigen, Marmelade-süßen Weines durch eine weniger-ist-mehr-Realität ersetzt. Mittlerweile streben die Winzer einen Alkoholgehalt eher in Richtung 12 statt 15% an. Sie nehmen biodynamische Weinbergprinzipien an und treten die Ära hyper-stilisierter, überproduzierter Flaschen in die Tonne. All das zugunsten ernsthafter, minimal intervenierter (siehe: zero Sulphur/ Low Extraction/ Whole-Bunch Fermentierung) und gänzlich präziser Abfüllungen mit einer Gesamtproduktion von gerade mal 20.000 bis 40.000 Flaschen pro Jahr. Es ist die Neudefinition von Boutique. Und das in einem Land, in dem alles größer, böser und gefährlicher erscheint als irgendwo sonst. Hier stelle ich einige meiner Favoriten aus Australien vor:

Sorrenberg, Sauvignon Blanc & Semillon blend – Beechworth, Victoria

Verlasse Melbourne in Richtung der Victorian Alps. Ungefähr auf halber Strecke nach Canberra triffst du auf die verschlafene Region Beechworth – und eine 500 Jahre alte, Mosel-Wein produzierende Familie (daher die nach der Heimatstadt benannte Kellerei), die auf lediglich 2,5 Hektar Weingut biodynamische Weine herstellt. Einer meiner persönlichen Favoriten ist diese Mischung. Den großartigen Blancs aus Bordeaux nachempfunden, trägt sie jedoch nicht die aufdringliche Dichte und brutalen Eichencharakteristika eines typisch französischen Pendants mit sich. Mit nur knapp über 12,2% Alkohol umschließen ihre klaren Linien die grasige Stachelbeer-und-Grapefruit-Typizität eines Sauvignon, arbeiten gleichzeitig jedoch sanft die wachsige Blume eines Semillon heraus.

Vinteloper, „Park Red“ Refosco – Norton Hills, Southern Australia

Angesichts einer Fertigung von exakt 1150 Einheiten ist es sehr unwahrscheinlich, diesen Wein einfach so irgendwo in Deutschland anzutreffen. Und selbst wenn, wahrscheinlich würdest du ihn angesichts seines mit einem Kronkorken vollendeten Bierflaschenformats mit einem Augustiner Bier verwechseln. Er wurde gemacht, um „im Park getrunken zu werden“. Als er diese verblüffend angenehm zu trinkende, knackige, dunkel morellokirschige Interpretation des Friaul-Klassikers Refosco kreierte, warf Winzer David Bowles buchstäblich jedwede Regel aus dem Fenster. Dieser Wein ist einfach unwiderstehlich – und gefährlich süffig (12,9% abc).

Polperro, Chardonnay „Mill Hill“ – Mornington Peninsula, Victoria

Nur ganz selten trifft man einen cooleren Typen als Sam Coverdale. Um ganz genau zu sein, ist Sam nämlich ähnlich cool wie eine Sommernacht auf der Halbinsel. Wenn du nicht selbst bereits dort warst, überzeug dich einfach selbst. In einer Sommernacht kann das Thermometer schon mal unter 13 Grad oder weniger fallen, was wiederum in der knackigen Säure, den schlanken Obstgartenfruchttönen und der reinen Eleganz dieser Single-Weingut-Auswahl offensichtlich wird! Dieses Zeug grenzt an einen großartigen Chablis. Blind würdest du sogar beinahe schwören, dass es einer ist. Dazu müsste er allerdings etwas mehr Alkohol enthalten (12,4% abv).

Picardy, Pinot Noir – Pemberton, South Western Australia

Dan Pannel hatte bereits eine von Australiens besten Winzereien gegründet, da beschloss er noch eine weitere zu gründen. Natürlich war Mosswood, seit 1969 die Definition des Bordeaux-Stils in Margaret River, zweifelsfrei sein Baby, dennoch findet der Burgunder stets seinen Weg in die entferntesten Winkel von Panels Herz. Zu einigen Anlässen arbeitete er sogar mit meinem Mentor Nicolas Potel in Burgund zusammen. Die Gründung von Pembertons meistverehrter Weinkellerei geriet für den erfahrenen Winzer also kaum zur Raketenwissenschaft. Zumal sich tatsächlich von Understatement sprechen ließe, bezeichnete man Pemberton angesichts eines Klimas, das sogar im Sommer nur zwischen 13 und maximal 21 Grad pendelt, als „kühl“. Die Pinots stechen sogar an der Spitze heraus; so burgundisch in ihrem coolen, selbstsicheren Auftreten, ihrer lebhaften Säure, ihrem reservierten und doch lippenschmatzenden Fruchtcharakter. Und wenngleich sie auch jung zugänglich sein mögen, sollte niemand das Alterungspotenzial unterschätzen. Hier haben wir es mit modernen Klassikern zu tun…