PARTY IN THE PALACE!

Text: Alex Gernandt

Macy Gray Fotos: (c) Giancarlo Cattaneo, fotoswiss.com

Mondäner geht es kaum. Eine Verabredung an einem der exklusivsten Orte der Welt: Im Luxushotel BADRUTT’S PALACE in St. Moritz treffen wir Jazz-Sängerin MACY GRAY zum Interview. Sie ist heute anlässlich eines Gala-Konzerts hier im Badrutt’s, jener 1896 erbauten Edel-Herberge, in der bereits weltberühmte Künstler und Industrielle nächtigten wie Alfred Hitchcock, Coco Chanel, Charlie Chaplin, Greta Garbo, Andy Warhol, John Lennon, Gianni Agnelli, Audrey Hepburn, George Clooney – und natürlich der unvergessene Gunter Sachs, der im Turm des Palace jahrzehntelang eine Privatwohnung unterhielt, den berühmten Dracula-Club ins Leben rief und St. Moritz zu seinem Zweitwohnsitz erklärte. Im eleganten Embassy Ballroom im Parterre des Grand Hotels tritt heute abend Macy Gray auf. Eine geschichtsträchtige Kulisse. Hier stand vor vielen Jahren sogar schon Ikone Marlene Dietrich auf der Bühne und unterhielt eine Silvester-Gesellschaft.

Macy Gray kam am 6. September 1967 als Natalie Reneé McIntyre in Canton/ Ohio als Tochter einer Mathematiklehrerin zur Welt. Ihr Vater verließ die Familie früh. Macy, damals noch Natalie, besuchte in der überschaubaren Kleinstadt dieselbe Highschool wie Brian Warner, der später die Welt als Marilyn Manson schocken würde. Sie ist nicht nur eine begnadete R&B- und Jazz-Sängerin, sondern auch als Schauspielerin erfolgreich, mit Rollen in Filmen wie “Training Day“, “Scary Movie“ oder “Spider Man“. Im Rahmen ihrer Europa-Tour zum aktuellen Album “Stripped“ macht sie jetzt ein paar Tage in St. Moritz Halt. Nach Ihrem 70minütigen Auftritt treffen wir eine bestens gelaunte Macy in ihrer Garderobe zum Gespräch unter vier Augen…

RIZE: Miss Macy, nennt Sie eigentlich noch irgendwer bei Ihrem richtigen Namen Natalie?

Macy Gray: Ja, all die Menschen, die mich schon vor meiner Karriere kannten, meine Familie, alte Freunde – für die bin ich noch immer Natalie oder kurz “Nat“.

RIZE: Verraten Sie uns, wie Sie auf den Künstlernamen kamen?

Macy Gray: Als kleines Mädchen, so mit 6, hatte ich einen Unfall mit meinem Fahrrad. Ich stürzte auf den Gehweg und als ich mich wieder aufgerappelt hatte, war das erste, das ich sah, ein Briefkasten – und auf dem stand “Macy Gray“. Der Name, ich weiss gar nicht, ob er zu einem Mann oder zu einer Frau gehört, hat sich bei mir im Gehirn eingebrannt. Als ich später in der Highschool erste Kurzgeschichten schrieb, veröffentlichte ich diese unter dem Pseudonym Macy Gray. Das war lange vor meiner Gesangskarriere.

RIZE: Als Sängerin haben Sie den Namen dann beibehalten…

Macy Gray: Yes. Ich dachte da an Tina Turner, die ja auch nicht wirklich Tina Turner heißt, sondern als Annie Mae Bullock geboren wurde. Da beschloss ich, als Macy Gray aufzutreten…

RIZE: … mit beachtlichem Erfolg! Sie arbeiten auch mit den Black Eyed Peas, Common und Carlos Santana zusammen. Hatten Sie heute Spaß bei Ihrer Performance im Embassy Ballroom?

Macy Gray: I had a lot of fun! Es ist immer etwas ganz Besonderes und auch eine Herausforderung, wenn man bei einem Gala-Event vor gesetztem Publikum in Abendgarderobe auftritt. Man muss die Leute langsam aus der Reserve locken, sie zum Singen und Tanzen animieren. Das ist mir ganz gut gelungen. Die Leute haben schön mitgerockt, haben Party gemacht. Alle hatten ihren Spaß, das konnte man sehen. They were cool.

RIZE: Sie haben in Ihrer Show mit einigen coolen Coverversionen überrascht. “My Way“, den Klassiker von Frank Sinatra, habe ich noch nie in einer Bossanova-Version gehört…

Macy Gray: Das sind alles Lieblingslieder von mir, die ich selbst gerne singe. “Creep“ von Radiohead“, “Do ya think I’m sexy“ von Rod Stewart, Sinatras “My Way“. Ich versuche diesen Nummern meinen eigenen Stempel aufzudrücken, sie eben nicht nur nachzusingen.

RIZE: Wann war Ihnen bewusst, dass Sie eine Karriere im Showbusiness einschlagen wollen?

Macy Gray: Nach der Highschool. Meine Mutter Laura war Mathelehrerin und ziemlich streng. Mit sieben Jahren schickte sie mich in den Klavierunterricht. Sie war stets darauf bedacht, dass ich gute Noten nach Hause bringe. Und das hab ich auch gemacht. Ich hatte fast nur Straight-A’s (Einsen) im Zeugnis stehen. Ich habe nie einen Tag in der Schule gefehlt, geschweige denn blau gemacht. Doch später wurde mir bald klar, dass ich meine Heimatstadt Canton/Ohio verlassen werden müsse. Das einzige Highlight, das man dort findet, ist ein Football-Museum.

RIZE: Es zog Sie also Richtung Kalifornien, nach Los Angeles…

Macy Gray: Ich ergatterte einen Platz an der USCLA, der University of Southern California. Ich begann dort Screenplay zu studieren, wollte ins Film-Business. Ich habe immer gern geschrieben und war sehr kreativ ubnd fantasievoll, wenn es darum ging, sich fiktive Geschichten auszudenken. Das wollte ich hier professionell vertiefen.

RIZE: Um Ihren Unterhalt zu finanzieren, jobbten Sie nebenbei in einem Restaurant in Beverly Hills…

Macy Gray: Genau. Ich war Kassiererin in Larry Parker’s Diner. Der Laden war populär in Showbiz-Kreisen, wie ich bald erfuhr. MTV veranstaltete dort oft Castings, es wurden  einige Musikvideos da gedreht. Einige Berühmtheit erlangte der Diner, weil Quentin Tarantino dort die Milkshake-Szene mit John Travolta für “Pulp Fiction“ gedreht hatte. Zu den Stammgästen gehörten große Stars wie Eddie Murphy, Denzel Washington, Jennifer Lopez, Snoop Dogg und Stevie Wonder.

RIZE: Apropos Stevie Wonder! Der gehört zu Ihren ganz großen Vorbilder. Sie haben sogar ein ganzes Album mit seinen “Talking Book“-Songs veröffentlicht…

Macy Gray: Ja, Stevie ist für mich der Größte. Außerdem haben mich die Jazz-Sängerin Billie Holiday beeinflusst, Sly & The Family Stone, Aretha Franklin und Led Zeppelin. Ich mag Funk, Soul und auch harten Rock!

RIZE: In Larry Parker’s Diner wurden schließlich die Weichen für Ihre Musikkarriere gestellt…

Macy Gray: Das habe ich selbst in die Hand genommen. Eines Tages saß dort ein Typ, der wie einer aus der Musikbranche aussah. Ich sprach ihn ganz frech an, ob er Musiker sei…

RIZE: Und war er?

Macy Gray: Ja. Musiker, Songwriter und Produzent. Ich hatte den richtigen Riecher, mein “Musiker-Radar“ funktioniert eben. Der Typ hieß Joe Solo. Ich erzählte ihm, dass ich eine aufstrebende Sängerin sei. Er sah mich etwas überrascht an – und lud mich dann tagsdrauf in sein Tonstudio ein. Dort sang ich ihm was vor, und was soll ich sagen: Er war ziemlich beeindruckt von meiner Stimme. Von da an arbeiteten wir zusammen, Ergebnis war schließlich mein größter Hit “I try“, für den wir sogar einen Grammy gewannen.

RIZE: Sie hatten damals auch eine eigene Band.

Macy Gray: Oh ja, unser erster Auftritt fand vor sage und schreibe acht (!) Zuschauern statt (lacht). Der zweite war auf einer Barbecue-Party des Onkels meines Bassisten. Da kamen dann schon etwas mehr Leute. Wir hatten jedenfalls unseren Spaß. Das Motto war: Jeder Gig ist ein guter Gig!

RIZE: Was hat sich 1999 durch Ihren großen Hit “I try“ für Sie verändert? Das war ja kein Übernacht-Erfolg.

Macy Gray: Nein, war es nicht. Ich habe lange dafür gearbeitet. Eigentlich war damals alles positiv, ich wollte ja Erfolg haben, ich wollte gern Star sein, habe immer davon geträumt – und habe es geliebt, als es dann soweit war. Viel eher ändern sich die Menschen im eigenen Umfeld, in ihrem Verhalten einem selbst gegenüber. Aber das ist ok. Ich habe die Zeit genossen, habe die Welt kennengelernt. Früher gab es für mich nur Canton in Ohio, L.A. und Atlanta. Heute treffen wir uns hier in den herrlichen Schweizer Berger, in diesem Weltklasse-Hotel im wunderbaren St. Moritz. Ist doch Wahnsinn!

RIZE: Dem entnehme ich, dass Sie gern Reisen…

Macy Gray: Nach wie vor! Ich bin immer noch neugierig auf andere Länder, Kulturen und Menschen. Ich denke, das ändert sich nie.

RIZE: Hollywood kann für junge Talente bisweilen auch gefährlich sein…

Macy Gray: Hell yeah. Besonders wenn sich ihre bunten Träume nicht verwirklichen. Alle wollen dort Sänger oder Schauspieler werden und weltberühmt. Klappt das nicht, landen manche auch mal ganz schnell beim Porno, weil sie ihre Miete zahlen müssen. Aber auch diesen Job muss irgendjemand machen.

RIZE: Sie haben als Musikerin einen begehrten Grammy gewonnen und dann als Schauspielerin in Filmen wie “Training Day“, “Scary Movie“ und “Spider Man“ mitgespielt. Arbeiten Sie etwa gerade an Ihrem ersten Oscar?

Macy Gray: Oh well, we will see… (lacht). Zur Zeit bin ich jedenfalls total im Musikmodus und freue mich auf die Tournee. Ich bin mit klasse Musikern unterwegs!

RIZE: Wie sind Sie denn überhaupt zum Film gekommen?

Macy Gray: Durch Zufall. Wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde. Ich hatte mir als Sängerin gerade mit “I try“ einen Namen gemacht, mein Videoclip rotierte auf MTV, da wurde mir aus dem Nichts eine Rolle im Thriller “Training Day“ angeboten. Ich las das Script und checkte den Cast, Denzel Washington, Dr. Dre, Snoop Dogg – ok, great, ich mache mit! Da musste ich nicht lange überlegen. Und so kam eines zum anderen, weitere gute Rollen folgten. Ich hatte nie richtigen Schauspielunterricht, aber am Set bekomme ich immer viel Unterstützung. Trotzdem sehe ich mich eher als Musikerin denn als Schauspielerin. Musik liegt mir mehr am Herzen. Für die Musik quäle ich mich gern, aber nicht für Filme.

RIZE: Sie sind eine starke Persönlichkeit. Was halten Sie von anderen Powerfrauen wie Beyoncé oder Lady Gaga, die vor kurzem die NFL-Superbowl gerockt hat?

Macy Gray: Beide sind großartig! Hut ab. Solche Frauen, die ihren Mund aufmachen und sich für eine gute Sache einsetzen, brauchen wir. Ich zähle mich da auch dazu. Ich trage gern meinen Teil dazu bei, wenn auch sicher nicht so spektakulär wie Lady Gaga. Eine Frau sollte – bei aller Power – aber immer auch Frau bleiben, finde ich.

RIZE: Können Sie Ihre Zeit in St. Moritz genießen oder sind Sie bereits im Tourstress?

Macy Gray: Nein, ich genieße meine Zeit hier total. Von meiner Suite aus habe ich einen wunderbaren Ausblick auf den See und die herrlichen Berge und das bei strahlend blauem Himmel. Ich werde mich hier im Hotel so richtig verwöhnen lassen, um dann frisch und gestärkt meine große Tournee zu starten. Es ist eine komplette andere Welt für mich hier in St. Moritz – aber eine sehr schöne Welt…