Interview: Mamé Gamamy

M IT IHREM SONG ‚LIEBLINGSMENSCH‘ BEFLÜGELTE SIE UNSER LEBEN UND KREIERTE GLEICHZEITIG EIN NEUES KOSEWORT FÜR ALLE LIEBENDEN HIERZULANDE. IHREN GROSSELTERN SEI DANK, DENN SIE ZOG ES IN DEN 50ER JAHREN AUS DER MAROKKANISCHEN KÜSTENSTADT NADOR IN DIE MAIN-METROPOLE FRANKFURT. HIER WÄCHST NAMIKA, ALIAS HANAN HAMDI, IM BESCHAULICHEN GOLDSTEIN-VIERTEL AUF. IM JUGENDZENTRUM MACHT SIE IHRE ERSTEN MUSIKALISCHEN GEHVERSUCHE. UND FÄLLT WEGEN IHRES TALENTS ZUM SCHREIBEN AUF. ZUNÄCHST ERFINDET SIE ALS HÄN VIOLETT DEN „FLOWSANG“ – LAUT EIGENER AUSSAGE RAPTEXTE, DIE MAN AUCH SINGEN KANN. NACH IHREM ABITUR VERÖFFENTLICHT SIE EIN 20-TRACK-STARKES MIXTAPE, FLOW ZUM GESANG“. MIT 21 WIRD SIE VON JIVE RECORDS GESIGNT, EINEM TOCHTERLABEL VON SONY MUSIC. UND SCHON BALD WIRD DANK FINDIGER PRODUZENTEN AUS HÄN VIOLETT NAMIKA – WAS AUCH FÜR IHREN SOUND EINE NEUAUSRICHTUNG BEDEUTET. STATT RAP JETZT POP! ZUSAMMEN MIT DEN BERLINER ERFOLGSPRODUCERN BEATGEES BASTELT NAMIKA ZWEI JAHRE LANG AN IHREM DEBÜT. UND SEITDEM GEHT ES FÜR DIE 24JÄHRIGE NUR NOCH BERGAUF…

Namika, herzlichen Glückwunsch zu deinem Riesenerfolg mit deinem Debütalbum „Nador“ und der Single „Lieblingsmensch“, die gleich auf Platz 1 der Charts schoss!

Mal ehrlich, wie fühlt es sich an, plötzlich im Rampenlicht zu stehen?
NAMIKA:
Das ist echt der Wahnsinn. Ich hätte niemals damit gerechnet! Dass meine Lieder so gut ankommen, ist die größte Wertschätzung für mich als Künstlerin. Auf jeden Fall kam das alles sehr, sehr überraschend.

Letztes Jahr hast du auch beim Bundesvision Song Contest teilgenommen und Platz 7 belegt. Wie kam es überhaupt zu deiner Teilnahme?
Stefan Raab castet ja immer Musiker querbeet. Er hat mich angesprochen. Das war alles megaspannend, als ich die Zusage bekommen habe. Aber mir ging schon ein bisschen die Pumpe bei dem Gedanken vor 10.000 Leuten aufzutreten.

Deine Musik bezeichnest du als Alternative Pop. Deine Karriere hat aber zunächst ganz anders angefangen. Als Hän Violet mit Battlerap und Represen ten. Das ist ein ganz schöner Stilwechsel. Wie kam der zustande?
Das Mixtape, das ich als Hän Violett aufgenommen habe, war mein eigenes Ding nach dem Abitur. Ich habe die Texte und Beats in meinem Kinderzimmer entwickelt. So wurden ein paar Leute auf mich aufmerksam. Dann habe ich einige gute Produzenten kennengelernt und gemerkt, dass Pop mir thematisch näher ist. Ich wollte einen eigenen Sound kreieren. Da hat auch der alte Name nicht mehr gepasst.

Was heißt denn Namika überhaupt?
„Die Schreiberin“ auf Berbisch.

Ist das die Sprache deiner Eltern, die beide aus Marokko stammen?
Ja, genau. Ich spreche sie auch.

Du schreibst deine Texte selbst. Wann hast du dein Talent dafür entdeckt?
Das Schreiben war für mich immer ein Mittel, um meine Gefühle auszudrücken. Ich war schon in der Schule total begeistert von Lyrik. Das hat mich einfach fasziniert.

Wer sind denn deine musikalischen Vorbilder?
Als Kind der 90er bin ich mit der Musik der US-Rap-Elite um Missy Elliott, Snoop Dogg und Dr. Dre großgeworden. Das hat mich sehr geprägt. Meine eigene Musik ist eine Mischung aus verschiedenen Stilen, wie Alternative Pop, HipHop-Beats und orientalischen Klängen.

Deine Gesangssprache ist Deutsch. Schon mal darüber nachgedacht Englisch zu singen, um auch international durchstarten zu können?
Ich habe es auch schon mal auf Englisch probiert, aber das geht einfach nicht. Da fehlen mir die richtigen Worte. Ich kann mich auf Deutsch einfach am besten ausdrücken.

Im deinem Song Nador lautet eine Zeile „…fühl mich zuhause…fühle mich verloren“. Was bedeutet Heimat für dich?
Frankfurt und Deutschland sind mein Zuhause geworden – es ist das Land, in dem ich wohne und auch wählen gehe. Ich bin durch meinen Background aber gleichzeitig auch irgendwie fremd hier. Und in Marokko werde ich auch als Ausländerin bzw. die Deutsche gesehen. Naja, man ist ja fast überall auf der Welt ein Besucher. Darum geht es auch in dem Lied „Nador“. Ich bin in der dritten Generation in Deutschland und sehe mich als Kulturhybrid. Ich bin nirgendwo wirklich zu Hause, fühle mich aber wohl damit.

Was nimmst du als „Kulturhybrid“ aus der marokkanischen, was aus der deutschen Kultur mit?
Ganz klar, ich liebe das Essen in Marokko und ich bin sicher sehr temperamentvoll. Aber ich bin auch Deutsch in Sachen wie Pünktlichkeit und Disziplin.

In „Wenn sie kommen“ geht es um einen obdachlosen Jungen, der vor der Polizei flieht. Irgendwie erinnert mich das an die aktuelle Flüchtlingsthematik. Wie stehst du dazu?
Ich interessiere mich für Politik. Die Flüchtlingspolitik ist meiner Meinung nach eine Schande. Es kann nicht angehen, dass so etwas in Europa geschieht. Wir müssen unsere Willkommenskultur wirklich noch verbessern.

Auf deinem Album geht es um ziemlich viele unterschiedliche Themen…
Bei meiner Musik lasse ich mich einfach vom Leben inspirieren. Und das hat eben viele Facetten. Es geht um Identitätssuche, Freunde, Liebe, Gewalt, Freude und Trauer. All das verarbeite ich in meiner Musik. Und so lange das Leben so abwechslungsreich bleibt, bleibt es meine Musik auch.

Bisher hattest du viele kleinere Gigs in Clubs. Freust du dich schon auf deine eigene Tournee, die in Kürze beginnt?
Ja, und wie. Ich kann es echt kaum erwarten. Ich hoffe, wir sehen uns bei einem meiner Konzerte!