Nia Vardalos

Text: Alexandra Dobre

Die griechisch-kanadische Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin NIA VARDALOS (53) ist in Hollywood ein Begriff, seit sie 2002 mit ihrer Erfolgs-Komödie „My Big Fat Greek Wedding“ ausartende griechische Hochzeitsfeste populär machte. Sie schrieb auch „Mein fast perfekter Valentinstag“ und realisierte 2011 zusammen mit Tom Hanks, Julia Roberts und Bryan „Breaking Bad“ Cranston die romantische Komödie „Larry Crowne“. Jetzt wagte sich Nia Vardalos an die Fortsetzung ihrer großen griechischen Hochzeits-Komödie, in der die dritte Familiengeneration Humor in den ganz normalen Irrungen und Wirrungen des Familienlebens findet. Wir treffen Antonia Eugenia „Nia“ Vardalos, die am 24. September 1962 in Winnipeg, Manitoba/ Kanada geboren wurde, in einem Londoner Hotel zum Gespräch.

RIZE: Frau Vardalos, wie kamen Sie eigentlich darauf, neben der Schauspielerei noch Drehbücher zu schreiben?

NIA VARDALOS: Ich war bereits eine ganze Weile in Kanada auf der Bühne gestanden, zuerst mit Shakespeare-Dramen, danach im Musiktheater. Schließlich begann ich einfach, meine eigenen Stücke zu schreiben. In dem Moment spürte ich eine große Freiheit, alles schreiben und spielen zu können, was ich wollte.

Was änderte sich in dem Moment, als Sie nach Hollywood gingen?
Als ich nach Hollywood umgezogen bin, blieb von dieser Freiheit zunächst nichts mehr übrig. Ich wurde auf mein äußeres Erscheinungsbild reduziert: griechisch! Ich dachte mir: Wenn das Problem daran liegt, dass ich Griechin bin und auch so aussehe, und es einfach keine griechischen Rollen gibt, dann schreibe ich halt selbst ein Drehbuch – am besten etwas Autobiografisches aus meinem Leben. Und so entstand „My Big Fat Greek Wedding“.

Wie haben Sie denn Tom Hanks kennengelernt?
Über seine Frau, Rita Wilson. Ihr war das Drehbuch in die Hände gefallen und sie erzählte ihm davon. Dann kam Rita ins Theater, um sich meinen Bühnenauftritt anzusehen. Danach schickte sie Tom und seinen Partner Gary Goetzman in die Vorstellung. Und plötzlich rief Tom mich an…

Sowas kommt ja nicht alle Tage vor…
Allerdings! Er stellte sich einfach mit „Hi, hier spricht Tom Hanks“ vor, und ich war total perplex und glaubte „Forrest Gump“ zu hören (lacht). Ich stammelte nur ein „Hi Tom“. Er erklärte mir, dass er mit seinem Partner Gary Goetzman die Firma „Playtone“ gegründet hatte, und dass sie meinen „Big Fat Greek Wedding“ gerne als ihren ersten Spielfilm produzieren würden. Ist das nicht verrückt?

Von dem Moment an veränderte sich viel in Ihrem Leben. Sie schrieben mit Tom Hanks auch gemeinsam das Drehbuch u.a. für den Kinofilm „Larry Crowne“, mit ihm, Julia Roberts und Bryan Cranston in den Hauptrollen. Woher kam die Idee zu dieser sozialkritischen Komödie, die diesmal nicht autobiografisch war?
Es war Toms Idee, während er „The Da Vinci Code – Sakrileg“ drehte. Er versuchte sich vorzustellen, was passieren würde, wenn man 50 Jahre alt wäre und plötzlich seinen Job verliert. Auf die Idee kam er noch vor der Finanzkrise im Jahr 2008. Er ahnte deren Konsequenzen voraus. Dabei stellte er sich ganz simpel vor, wie es wäre, wenn man auf einer Vespa fährt und auf einmal keinen Sprit mehr kaufen kann, um weiter zu fahren. Ein interessanter Gedanke.

Warum gab es in „Larry Crowne“ keine Hauptrolle für Sie?
Ich entschied mich damals dazu, mehr als Drehbuch-Autorin am Set aktiv zu sein. Garry produzierte, Tom führte Regie – und ich kam mir vor, als würde ich wieder in die Filmschule gehen. Ich konnte es nicht ertragen, es war sterbenslangweilig! Das war der Moment, in dem ich realisierte, dass ich in erster Linie schrieb, um Schauspielen zu können.

Wie ist es, mit Hanks zusammen zu arbeiten?
Tom ist wirklich sehr großzügig, muss ich sagen. Ich bin taff und war es immer gewohnt, durchgehend am Drehmaterial zu arbeiten, wobei es leicht passieren konnte, dass der Regisseur zwei Tage vor Dreh entschied, dass eine Szene gestrichen wurde. Ich musste flexibel sein, mich immer schnell nach weiterem Drehmaterial umsehen. Tom blieb auch bei Stress immer ruhig und war eigentlich viel zu freundlich.

Klingt harmonisch. Sind Sie ein guter Teamplayer?
Ich musste Tom mal einen Ruck geben, damit er endlich sagte, was er wirklich dachte und aufhörte, immer nur „ja“ zu sagen. Er konnte mir nie widersprechen. Eines Tages kam ein sanftes „vielleicht“ aus ihm heraus. Ab da liefs. Ideen sprudelten nur aus ihm heraus und wir schrieben die Rollen im Drehbuch neu. Jetzt diskutieren wir offen und ehrlich und ziehen dabei immer am gleichen Strang.

„My Big Fat Greek Wedding“ wurde ab 2002 zum Synonym für berauschende Hochzeitsfeste. Erst jetzt, vierzehn Jahre nach dem ersten Teil, folgt nun das Revival.
Stimmt. Es brauchte seine Zeit. Aber als wir diese eine Szene auf der Straße im Auto filmten, sagte einer: „Waren wir hier nicht gerade vor sechs Monaten?“. Dabei war es 14 Jahre her… Zeit fliegt. Es ist ein höchst emotionaler Prozess, wenn man eine Folge weiter produziert, nachdem einige Zeit verstrichen ist. Mittlerweile haben alle darüber reflektiert, was sie in der Zwischenzeit gemacht haben. Sie gingen damals noch zur Schule, jetzt arbeiten sie bereits. Ist das nicht schön, an gute Zeiten zurück zu denken? Die Zeit vergeht viel zu schnell!

Warum haben Sie so lange mit der Fortsetzung gezögert?
Ich schreibe in „My Big Fat Greek Wedding“ ja über mein echtes Leben. Da ich mich aber am Ende des ersten Teils als Mutter ausgegeben habe, was zu der Zeit nicht stimmte, musste ich für den zweiten Teil lange warten, bis es soweit war und ich diese Erfahrungen machen konnte. Ich habe dann aber gleich losgelegt, all diese Emotionen, die ich endlich nachempfinden konnte, ins Drehbuch einzubauen. Und hier ist es!

Von welchen Emotionen meinen Sie konkret?
Von Sehnsucht, tiefsten Wünschen, vom Bedürfnis Leben zu beschützen – und zu kochen (lacht).

Gewöhnlich stehen Griechen für eine großzügige Esskultur. Was können Sie am besten kochen?
Ich habe ein wenig dazu gelernt und beherrsche mittlerweile verschiedenste Gerichte. Kinder würden am liebsten nur Pasta mit Butter essen, so einfach wären sie zufrieden zu stellen. Mein Plan war es aber, meine elfjährige Tochter förmlich darauf zu bringen, den Geschmack von abwechslungsreichem, gesundem Essen schätzen zu lernen.

Haben Sie einen Trick, um Kinder zum Essen zu bewegen?
Mir halfen dabei kreative Namen und ein Pfund Hamburger. Meinen Fleischbällchen gab ich Namen wie „herumrollende, wachsende Fleischbälle“, die meine Tochter und ihre Freunde schnell mit der Gabel zerstampfen und essen mussten, damit sie nicht größer wurden. Auf solche seltsame Tricks war ich gekommen. Immer wenn sie mit dem Essen spielen durften, haben sie es gegessen.

In „My Big Fat Greek Wedding 2“ geht es auch um den Kampf der Eltern, von ihrer Tochter akzeptiert zu werden. Fürchten Sie sich vor der Pubertät Ihrer Tochter?
Jetzt nicht mehr, denn ich habe in einem schlauen Buch etwas gelesen, was mich sehr beruhigte. Den Zustand der Pubertät muss man akzeptieren. Es ist immens wichtig für den Teenager, seinen Verstand von dem der Eltern zu trennen. Nur das formt seine eigene Identität. Als ich davon las, kam mir ein „Heureka“. Alles gut, ich akzeptiere es!

Wie haben Sie es als Kind von Migranten, die aus Griechenland nach Kanada eingewandert waren und ihre eigenen Traditionen bewahren wollten, geschafft, eine eigene Identität aufzubauen?
Ich war der ultimative Inbegriff einer Rebellin! Als Teenager sagte ich meinen Eltern, dass ich Schauspielerin werden wolle. Sie sind ausgerastet! Für meine Eltern bedeutete die Schauspielerei, dass ich ausreißen und einem Zirkus beitreten würde. Dabei gelten Griechen ja als Erfinder der Komödie, mit Vertretern wie Aristophanes im 4. Jahrhundert vor Christi Geburt.

Für meine Eltern bedeutete meine Schauspielerei, dass ich ausreißen und einem Zirkus beitreten würde!

Gibt es griechische Traditionen, die sie gerne mögen?
Ich liebe griechische Ostern. Noch mehr liebe ich es, wenn wir an Neujahr eine Münze im Brot verstecken. Wir schneiden es auf, und jedes Stück wird einem Familienmitglied vorbestimmt. Je eines für den Vater, für die Mutter, die Tochter, den Sohn… Sobald jedes Stück seinen Platz auf dem Teller eingenommen hat, dreht man es um. Derjenige, der die Münze in seinem Brot findet, wird ein glückliches Jahr haben. Ist das nicht ein Spaß? Dieses Mal war ich an Silvester bei jüdischen Freunden, also versteckte ich eine Münze in das große Halal-Brot. Ich rechtfertigte es damit, dass dies nunmal bei uns Tradition sei (lacht). 

In einer meiner Lieblingsszenen in „MBFGW 2“ besteht die Mutter Maria nach über dreißig Jahren Ehe auf einen richtigen Heiratsantrag von ihrem Mann, da er sie früher einfach nur danach fragte, ob sie mit ihm nach Amerika auswandern würde – ohne jede Spur von Romantik. Auf eine humorvolle Weise macht sie ihm deutlich, wie pragmatisch auch sie sein kann…
Ich glaube daran, dass Beziehungen, seien es Freundschaften, feste Beziehungen mit einem Lebenspartner oder Ehen, nach einigen Jahren an den Punkt gelangen, an dem man feststellen muss, dass alles für selbstverständlich gehalten wird. In diesen Momenten ist es wichtig, für sich einzustehen und den Partner mit der direkten Frage „Schätzt du mich eigentlich?“ zu konfrontieren. Das wollte ich mit der Rolle von Mutter Maria zeigen, weil ich glaube, dass Ehepartner nach Jahren alles für selbstverständlich halten.

Haben Sie sich von Ihren Eltern dazu inspirieren lassen?
Ja, auch! Als meine Eltern uns mal für einen Monat zu Hause besuchten, beobachtete ich ihre Ehe-Dynamik genau. Während meine Mutter im Nebenzimmer ihren Nachmittagsschlaf hielt, entdeckte mein Vater eine Schale mit Obst. Und was macht er? Weckt Mum auf, nur damit sie ihm das Obst wäscht. Und was macht sie? Steht tatsächlich auf! Nicht zu fassen! Ich musste ihr das sofort vorhalten und darüber diskutieren. Am Ende sah sie es ein und hinterfragte, warum sie das mit sich machen ließ. Meine Eltern sind der Grund dafür, warum ich mich entschied, dass das alte Ehepaar im zweiten Teil von „My Big Fat Greek Wedding 2“ vorhat, nochmal richtig zu heiraten.

Ist Ihnen je etwas Ähnliches passiert?
Sogar mit meinen Freundinnen gerate ich in Situationen, in denen sie mir vorhalten, Eltern wie die meinen nicht haben zu wollen. Nach dem Motto: „Guck sie dir mal an!“ Da muss ich auch mal einschreiten und sie darum bitten, damit aufzuhören. Es verletzt meine Gefühle. Aber eine deutliche Reaktion ist schon wichtig, wenn eine Beziehung sich verändert hat und nicht mehr weiterwächst.

Es findet sich im Film auch Platz für sozialkritische Themen, die verdeutlichen, wie Migranten ihren Platz in der Gesellschaft finden.
Das bekamen wir sogar direkt während dem Dreh an Set zu spüren, als unser Küchenchef die Hochzeitsvorbereitungen für eine Szene traf und darauf aufpasste, dass sich keiner der Schauspieler am Set mit einem der vielen Feuerwerkskörper verletzt, die zum Einsatz kamen. Gerade zwei Wochen vor Drehbeginn war er aus Griechenland nach Nordamerika gekommen, um einen besseren Job zu finden. Ich dachte mir nur, dieser arme Mann ist 35 Jahre alt und muss komplett neu anfangen! Er hatte so eine gute Lebenseinstellung und entgegnete nur, ob ich Witze mache: Er sei kaum in Amerika und schon in einem Kinofilm (lacht).

In Betracht der politischen Spannungen, die in den USA in Bezug auf die Flüchtlings- und Migrations-Problematik bestehen, verraten Sie uns, wem Sie Ihre Stimme geben würden? Hillary oder Donald?
Nein, geheim! Aber bei den Vorwahlen in den USA stieß es mir regelrecht auf, dass einige Menschen gar nicht wählen gehen konnten. Es stellte sich später heraus, dass sie sich in ihrem Bundesstaat nicht registriert hatten, nachdem sie umgezogen sind. Ich halte den Leuten vor, dass es nicht darum geht, wen sie wählen, sondern dass sie es überhaupt tun! Wir müssen wählen gehen und unser Recht ausüben, wenn wir weiterhin in einer Demokratie leben wollen. Menschen kämpften einst mit ihrem Leben dafür. Also bitte registriert euch. Das ist meine Botschaft: Geht wählen!

Nochmal zurück zu „My Big Fat Greek Wedding“: Über was würde wohl ein dritter Teil handeln? Etwa von einer vierten Generation griechischer Einwanderer oder gar einer griechischen Staatspräsidentin?
Mir kam da schon eine ganz gute erste Idee, als ich zusammen mit meinem Casting-Team auf der Premiere von Teil 2 in New York war. Wenn ich habe, was ich will, öffne ich einfach meinen Computer und feuere los. Aber eines ist gewiss: ich werde das Publikum diesmal nicht weitere vierzehn Jahre darauf warten lassen…

Ich war der Inbegriff einer Rebellin!