(Sur)reale Reflektion – Über die Schonheit von Corinna Holthusen

© Corinna Holthusen, Reflections , www.lumas.com

„Mich fasziniert die Möglichkeit Dinge zu zeigen, die praktisch nicht abbildbar sind. Letztlich bin ich immer auf der Suche, die sogenannte Schönheit in Frage zu stellen.“

Was ist die Realität von Menschenbildern und wie sieht deren Darstellung in der heutigen Fotografie aus?

Strahlender Teint, makellose Körper, glänzende Haare – das Bild der Perfektion begegnet uns täglich überall in Magazinen, auf Plakaten und in der Werbung. Es sind Abbilder einer idealisierten Welt, der wir versuchen nachzueifern, jedoch größter Wahrscheinlichkeit nach so niemals erreichen werden. Es sind gerade diese allgegenwärtigen und schon zur Normalität gehörenden stilisierten Schönheitsideale, die die Hamburger Künstlerin Corinna Holthusen in ihren fotografischen Arbeiten aufgreift und kritisch reflektiert.

„Mich reizt es, das perfekt inszenierte, beleuchtete, retuschierte Bild wieder aufzubrechen. Dabei finde ich die Konvergenz von Schönheit – Ekel – Künstlichkeit – Natürlichkeit sehr spannend,“ erklärt Holthusen.

Die in tiefrot und mitternachtsblau getauchten großformatigen Portraits ihrer Serie [M] Reflections, fangen den Betrachter ein und lassen ihn nicht mehr los. Mit intensivem, fast durchdringendem Blick, fesseln diese menschlich anmutenden, zauberhaft schönen Wesen ihr Gegenüber, und lassen dabei dennoch erkennen – konträr zu dem, was die Werbewelt suggerieren uns möchte – dass sie nicht real sein können. Denn bei genauerer Betrachtung stellt man fest, das dass perfekte Bild durch feinste Überlagerungen gestört wird. Gerade die intensiv glitzernden Augen, in denen man die Lichter verschiedener Kameraeinstellungen erkennt, verraten die Illusion. Die Komposition der Schönheit erfährt durch diese Entdeckung einen sanften Bruch.

„Die Fotografie gilt seit jeher als das Abbild der Wahrheit. Dies hat sich in kürzester Zeit, durch die Möglichkeit der digitalen Manipulation, geändert. Doch traut die Mehrzahl der Menschen noch immer der Fotografie. Damit spiele ich gerne und mache die Manipulation sichtbar. Doch ahnt man die Manipulation, sollte man sie in meinen Arbeiten nicht immer herleiten können. Meine Porträts beinhalten immer mehrere Personen bzw. Körperteile,“ sagt Holthusen, die mit ihrer Serie [M] Reflections bereits 2006 begonnen hat und sie aufgrund ihrer Faszination für die Dekonstruktion der Schönheit, bis heute fortführt.

Holthusens Bilder erwecken den Eindruck, simple Aufnahmen zu sein, die durch verschiedene Farbüberlagerungen dramatisiert werden. In Wahrheit sind ihre Arbeiten sehr komplex. Was in der finalen Darstellung so einfach aussieht, ist das Ergebnis eines langen künstlerischen Prozesses. Die Grundlage ihrer Arbeiten, unzählige Fotografien der gleichen Person in sich minimal unterscheidenden Posen, entstehen meist im Studio mit einer Großbild- oder Mittelformatkamera. In der Nachbearbeitung kombiniert Holthusen schließlich alle Aufnahmen und kreiert mittels digitaler Fotomontage Kompositionen aus mehreren Versatzstücken. Neue fiktive Abbilder der Realität entstehen!

Die Inspiration, sich mit der digitalen Manipulation ihrer Fotografien künstlerisch auseinanderzusetzen, kommt nicht von ungefähr: „In meiner Familie gab es einigen kreativen Einfluss. Mein Großvater war Werbefilmer, meine Großmutter väterlicherseits gründete schon in jungen Jahren eine Modezeichenschule in Prag“, so Holthusen. „Durch meinen Vater, der auf der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HFBK) sechs Jahre Kunst studierte und dann in die Entwicklung von Fotosatzmaschinen ging, wurde ich früh an Kunst und Fotografie herangeführt. Er war es auch, der mich von Anbeginn des Bildbearbeitungprogramms Photoshop an den Computer brachte.“

Im Spiel mit den stilistischen Mitteln der klassischen 
Portrait-Fotografie und den vielfältigen Darstellungsmöglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung, vermittelt Holthusen mit ihren höchst ästhetischen Bildern dem Betrachter, dass nicht alles real sein muss, was real zu sein scheint. Ihre Bilder fordern dazu heraus, Perfektion und Schönheit ganz bewusst zu hinterfragen.

Corinna Holthusen lebt und arbeitet als freie Fotografin in ihrer Heimatstadt Hamburg. Sie studierte Kunst in den Studio Art Centers International in Florenz und Fotografie am Istituto Europeo di Design 
in Mailand. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Lead Award und dem Prix de la Photographie Paris.