Rod Stewart

Interview: Alex Gernandt

Der Sänger mit den schottischen Wurzeln und der unvergleichlichen Reibeisenstimme hat ein bewegtes Leben hinter sich. Aus dem einstigen Bad Boy und Herzensbrecher ist längst ein guter Familienvater und honoriger „Commander Of The British Empire“ geworden. Doch auch mit 71 ist Rod Stewart kein bisschen leise. Hier spricht „Roddy“ über seine bescheidenen Anfänge, wilde Eskapaden – und ein Dinner bei Prinz „Charlie“.

RIZE: Mr. Stewart, wenn man Ihr Leben so betrachtet, wirkt das schon ziemlich abenteuerlich und aufregend…
ROD STEWART: Das können Sie laut sagen! Ich bin 71 und noch immer auf Tour. „Never a dull moment“ hieß ja eines meiner frühen Alben. Der Titel ist Programm, es gibt wohl nie einen langweiligen Moment mit mir…

Schon zu Zeiten Ihrer Band The Faces haben Sie es Ende der Sechzigerjahre ordentlich krachen lassen und wurden neben den Rolling Stones zum Prototyp des wilden Rock-Rebellen.
Wohl wahr. Wir haben uns als Band damals um keinerlei Konventionen geschert. Es ging um Mädels und ums Trinken – mehr nicht.

Ein Faces-Musiker meinte mal in einem Interview: „Wir hätten größer werden können als die Stones“!
Ich war das nicht (lacht). Ich liebe die Stones, noch heute. Beatles-Fan war ich nie. Dazu bin ich doch zu sehr Londoner, so wie die Stones eben. Wir haben Mick Jagger und Keith Richards immer bewundert, es gab nie eine Rivalität. Mit einer anderen Einstellung hätten wir vielleicht mit ihnen mithalten können, aber wir waren jung und viel zu chaotisch.

Um 1975 haben Ihnen die Stones dann Ihren Gitarristen Ron Wood „geklaut“…
Haha, ja! Ronnie! Das war schon okay damals. Mir war immer klar, dass er eines tages bei den Stones landen würde. Er ist der geborene Rolling Stone, er hat das in seinen Genen. Außerdem habe ich während während der Faces-Zeit auch schon meine Solokarriere vorangetrieben. Und Ronnie ist trotzdem mein bester Freund geblieben!

Wie kamen sie damals darauf, reihenweise Hotelzimmer zu zerstören? Hatte das mit Alkohol und Drogen zu tun?
Nur bedingt! Auf unseren großen USTourneen buchte uns unser Manager in jeder Stadt in ein Hotel derselben Kette, Holiday Inn, ein. Jeden Tag. Überall war die Einrichtung absolut identisch. Da haben wir irgendwann einen Lager-Koller gekriegt und angefangen, die Zimmer zu zerlegen – aber so richtig!

Das gab doch sicher Hausverbot!
Ja und zu Recht! Aber anstatt in ein Hotel einer anderen Kette zu wechseln, haben wir aus Trotz in der nächsten Stadt einfach als „Fleetwood Mac“ eingecheckt, die waren damals nämlich noch nicht ganz so bekannt. Und so bekamen wir die Zimmer (grinst).

Zurück in den rauen Norden Londons. Hier sind Sie im Januar 1945 geboren worden und aufgewachsen…
Ja, noch während des Krieges. Mein Vater Robert war Schotte, meine Mutter Elsie Engländerin. Ich wuchs mit vier älteren Geschwistern in High Gate auf, einer ziemlich tristen Arbeitergegend.

Wie sind Sie erzogen worden, eher streng?
Es war eine gute Mischung aus Strenge und Liebe. Im Grunde hat mich meine ältere Schwester erzogen, weil meine Mutter mit den anderen Kindern genug um die Ohren hatte. In meinem Song „Way back home“ erzähle ich von dieser Zeit, von meiner Jugend nach Kriegsende.

„Der liebe Gott hat mich mit einer einzigartigen Stimme gesegnet, sie ist das einzige, was ich habe.“

Wie kamen Sie denn schließlich mit Musik in Berührung?
Bei uns Stewarts wurde unheimlich oft gefeiert und dabei auch viel gesungen. Heute nennt man das wohl Karaoke. Jeder in der Familie dachte von sich, ein großartiger Sänger zu sein. Dem war aber leider nicht so, die meisten klangen grausam (verzieht das Gesicht).

Was war dann der entscheidende Musik-Moment in Ihrem Leben?
Als mich mein älterer Bruder zu einem Konzert von Bill Haley and his Comets mitnahm. Ich war elf, und das war mein Urknall. Die Show hat mich total fasziniert, die Saat war gesät.

Es wurde aber zunächst kein Berufswunsch aus diesem Erlebnis?
Nein! Auch die Schule interessierte mich nur am Rande, denn mir klar, dass ich mal Fußballstar werde. Alle Männer in unserer Familie spielten Fußball, und ich war in der Jugend beim FC Brentford aktiv. Am Ende hat es aber doch nicht gereicht für die Profi-Laufbahn, die mir mein Vater prophezeit hatte.

War Musik für Sie also nur „Plan B“?
Kann man sagen. Als ich 14 war, schenkte mir mein Vater eine Gitarre zum Geburtstag, aber ganz ohne Hintergedanken. Etwa zur gleichen Zeit hörte ich das Debütalbum von Bob Dylan zum ersten Mal. Das haute mich total um und inspirierte mich, Gitarre zu lernen. Ich konnte irgendwann alle Dylan-Songs auswendig und mich dabei selbst auf Gitarre begleiten.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten öffentlichen Auftritt?
Das war in der Schule. In der Pause trällerte ich was und die Mitschüler standen um mich rum, hörten mir zu und applaudierten am Schluß. Das war ein neues Gefühl. Da dachte ich mir, vielleicht steckt da eine Karriere drin. Jetzt bin ich 71 und singe immer noch. Manchmal denke ich, ich träume…

Ihr Vater soll damals besorgt gewesen sein und gemeint haben, Sie seien zu sensibel fürs harte Musikbiz!
Zu sensibel, sehr gut (lacht)! Mein Dad hatte nur Angst, dass ich unter die Räder komme und bei Drogen lande!

Sicher nicht ganz unbegründet…
Nun, eines will ich hier klarstellen: Ich war niemals ein Junkie und habe auch selbst nie Drogen gekauft, noch nie in meinem Leben. Aber probiert habe ich schon mal, das will ich nicht leugnen. Irgendwann war aber auch mal gut damit.

Themawechsel: Haare und Frisuren sind schon seit Elvis und dem Beginn der Pop-Kultur ein entscheidendes Thema.
Ja, und ich hatte großes Glück mit meinen Haaren. Alles echt bei mir, obwohl mein Vater schon relativ früh kahl war. Das bereitete mir zu Beginn meiner Gesangskarriere auch richtig Kopfzerbrechen.

Stimmt die Story, dass Sie Ihre Mähne früher mit dem Bügeleisen getrocknet haben?
Oh ja, die stimmt (lacht). Wir konnten uns damals keinen Fön leisten. Also hab ich meine Matte auf den Tisch gelegt, Handtuch drauf und dann mit dem Bügeleisen getrocknet. Ich musste immer höllisch aufpassen, dass ich mir meine schönen Haare nicht versenge. Krass, ich weiss. Aber wenn man arm ist, muss man eben kreativ sein.

Heute leben Sie in einer Villa in Beverly Hills. Als großer Fußball-Fan und Celtic-Glasgow-Supporter sollen Sie sogar ein Celtic-Logo auf Ihrem Gartentor angebracht haben!
Das ist stark untertrieben. Mein ganzes Haus ist ein einziger Celtic-Schrein! Ein Celtic-Logo, ein vierblättriges Kleeblatt, ist auf der linken Torhälfte angebracht, ein weiteres auf der rechten. Und wenn Sie die Einfahrt zu meinem Haus hochfahren, kommen Sie an meinem Tennisplatz vorbei, den ich in ein kleines Fußballfeld umgestalten ließ. Auch dort an der Wand prangt ein riesengroßes Celtic-Logo. Im Haus auch an mehreren Stellen. Deshalb heißt es „Celtic House“. Ich verpasse kaum ein Spiel meines Teams, ob am Fernseher oder auch mal im Stadion.

Ihre neuen Songs haben Sie erstmals in Ihrem „Celtic House“ produziert. Warum zu Hause, wie ging das vonstatten?
Nach all den Jahren bin ich es leid, stundenlang in einem Studio rumsitzen zu müssen und darauf zu warten, dass der Bassdrum-Sound passt. Da bin ich doch lieber in meinen eigenen vier Wänden und kann während dessen was anderes machen. Also haben wir in meiner Bibliothek ein professionelles Aufnahmestudio eingerichtet und losgelegt. Das Ergebnis kann sich hören lassen.

Aus Ihrer Feder stammen Hits wie „Maggie May“, „Mandolin Wind“, „Baby Jane“ oder „I was only joking“. Aber erst jüngst haben Sie die Kunst des Songschreibens wiederentdeckt. Wie kam es dazu?
Ich habe eine längere Songwriting-Pause eingelegt, weil ich keine Zeit hatte. Ich war einfach zu beschäftigt damit, Spaß zu haben! Aber Spaß beiseite. Vor drei Jahren begann ich, mein verrücktes Leben zu Papier zu bringen für meine Biografie. Dabei kam es mir in den Sinn, meine vielen Erlebnisse und Erinnerungen auch in Songs zu verwandeln. Auf dem letzten Album „Time“ etwa der Titel „Brighton Beach“. Dort habe ich als junger Mann meine erste Geliebte geschwängert. Ergebnis war meine uneheliche Tochter Sarah, zu der ich mittlerweile regelmäßig Kontakt habe, was kein einfacher Prozess war. Das Album kam jedenfalls gut an und hat mich ermutigt, mit dem Komponieren weiterzumachen.

Ihr aktuelles Album „Another Country“ haben Sie den Soldaten der westlichen Welt gewidmet. Wird der Rock’n’Roller Rod Stewart jetzt etwa noch politisch?
Nein, ganz sicher nicht. Aber es liegt mir am Herzen, meinen Respekt zum Ausdruck zu bringen gegenüber denjenigen, die täglich ihr Leben aufs Spiel setzen, damit wir hier in Freiheit leben können. Meine politische Meinung behalte ich für mich. Ich mache das wie Elvis damals. Der gab auch nie politische Statements ab, obwohl er oft nach seiner Meinung gefragt wurde. Wir sind Entertainer, keine Politiker.

Große Stars haben ihre eigenen Musicals, etwa ABBA oder QUEEN. Hätten Sie Ihr Leben lieber als Musical oder Film verewigt?
Ein Film wäre sicher interessant, ich fürchte nur, der würde unter der Kategorie Porno laufen (grinst). Ein Musical gab es bereits – „Tonight’s the Night“ basiert auf meinem Leben. Es geht um einen jungen Sänger namens Lucky, der es ganz nach oben schafft und seinen Traum lebt. Das lief anderthalb Jahre erfolgreich im Londoner Westend. 14 meiner Songs sind darin zu hören.

Sie sind 2007 als „Commander Of The British Empire“ geehrt worden. Werden Sie jetzt regelmäßig von Queen Elizabeth zum Tee eingeladen?
Ich liebe unsere Queen und habe sie schon oft getroffen. Aber noch enger bin ich mit Prinz Charles und Camilla befreundet. Ich bin gar versucht zu sagen, Charlie ist mein Fan – und ich seiner! Meine Frau Penny und ich sind Ehrenbotschafter des „Prince Charles Trust“. Letztens gab er auf seinem schottischen Landsitz ein exklusives Dinner für 20 Gäste. Penny durfte den ganzen Abend neben Charlie sitzen. Ich muss sagen, sie macht auch in Adelskreisen eine wirklich gute Figur. Nicht schlecht, für ein Mädchen aus Chelmsford.

Was ist eigentlich Ihr Überlebensgeheimnis, dass Sie nach all den wilden Jahren noch immer am Start sind?
Privat ist das ganz klar meine große Familie, die ich über alles liebe – und die mir Kraft gibt. Im Business ist es meine Stimme! Der liebe Gott hat mich mit einer einzigartigen Stimme gesegnet, und sie ist das einzige, was ich habe. Also muss ich dieses Talent nutzen. Schau dir die anderen an, etwa Elton John oder die Stones – die bringen immer wieder großartige Songs raus, über all die vielen Jahre. Das hat nichts mit Mode, Trends oder Frisuren zu tun. Das ist Talent, verbunden mit harter, harter Arbeit. Auch wenn es bei mir nicht immer danach aussieht…