Sebastian Koch

Interview: Alex Gernandt

Sebastian Koch zählt seit vielen Jahren zu den renommiertesten Schauspielern des Landes. Er brillierte in „Das Leben der Anderen“, „Todesspiel“, „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ und „Stauffenberg“. Längst wird der 54jährige auch regelmäßig in großen Hollywood-Produktionen besetzt, etwa in Steven Spielbergs Agententhriller „Bridge of Spies“ (mit Tom Hanks), „Unknown Identity“ (neben Liam Neeson) „The Danish Girl“, „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“ (mit Bruce Willis) oder in der TV-Serie „Homeland“. Im exklusiven Interview mit RIZE spricht Koch über seinen neuen Film „Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka“, seine Anfänge in der Schauspielerei, über Hollywood und Kollege Leonardo di Caprio.

RIZE: Ihr neuer Kinofilm „Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka“ ist unglaublich spannend und dicht erzählt. Die Frage, ob der vermeintliche Täter Dr. Krombach – den Sie spielen – schuldig ist oder nicht, bleibt offen. Was ist ihr Empfinden: hat er oder hat er nicht?

Sebastian Koch: Dass er das Mädchen mit Absicht ermordet hat, glaube ich nicht. Dass er sich an ihr vergangen hat, schon! Aber das ist meine Sicht der Dinge. Hier geht es ja gerade um die Verschiebung der Wahrnehmung – im wahrsten Sinne des Wortes um eine Verrückung: die Sicht des vermeintlichen Täters ist „ver-rückt“. Und genau hier liegt die Spannung für mich als Schauspieler, die ganz eigene Realitätssicht dieses Menschen wiederzugeben. Denn offensichtlich kann er damit gut leben. Nach außen wirkt er nicht wie ein Verbrecher, sondern kommt ganz sympathisch rüber. Kalinka schwärmt ja regelrecht von ihm.

Der Film, eine französische Produktion, basiert auf einer wahren Begebenheit, die in einem regelrechten Rachefeldzug von Bamberski, dem Vater des ermordeten Mädchens, gegen ihre Figur Krombach gipfelt…
Ja, schon das Drehbuch las sich spannend. Der Film ist sehr gut recherchiert, da es sich um einen authentischen Fall handelt. Es wurde in allen Details mit großer Genauigkeit gearbeitet.

War es für Sie eine Herausforderung, in französischer Sprache zu drehen?
Es ging. Nach gut zehn Jahren habe ich es einfach mal wieder gewagt. Ich habe ja früher immer wieder französische Filme gemacht, allerdings waren es seit „Das Leben der Anderen“ eher englischsprachige Produktionen. Tatsächlich ist es schwer, zwischen zwei Sprachen hin und her zu springen. Für englischsprachige Filme hatte ich mich damals entschieden, weil da der Markt größer ist und damit auch die Wahrscheinlichkeit, ein tolles Drehbuch angeboten zu bekommen. Aber eine Herausforderung war das Französische schon – die Sprache ist zwar irgendwo im Hirn verankert, aber es dauert halt doch, bis die alte Maschine wieder hochfährt…  Während der Dreharbeiten hat sich das dann aber schnell gegeben. Ich wollte für mich auch prüfen, ob ich noch in der Lage bin, in französischer Sprache wirklich verantwortungsvoll zu drehen oder nicht. Und natürlich hat mich auch die Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Daniel Auteuil interessiert, der den Bamberski spielt und den ich sehr schätze. Ich wollte immer schon gerne mit ihm arbeiten.

Wie geht es Ihnen bei solch komplexen Rollen und Stoffen nach Drehschluss? Können Sie gut abschalten?
Eine berechtigte Frage, denn ich muss den Filmstoff tatsächlich nah an mich heranlassen, um glaubwürdig zu spielen. Man muss da einen eigenen Modus finden, um das zu verarbeiten und dann im Film diese bereits erwähnte „ver-rückte“ Welt möglichst genau aufbauen und darstellen zu können. Man kann dann aber auch wieder aussteigen – allerdings erst nach Drehschluss. Es ist ja quasi nur ein Gerüst, das man sich selbst gebaut hat und das man auch wieder verlassen kann. Nur als ich Albert Speer, Hitlers Architekten, gespielt habe, hatte ich ein Problem damit, weil sich die Dreharbeiten über drei Teile hingezogen haben, das heißt, die Dreh- und Vorbereitungszeit sich über fast ein Jahr hingezogen hat. Das war das einzige Mal, dass es für mich schwierig war…

Sie waren u.a. Albert Speer („Speer und er“), Klaus Mann („Die Manns“), Alfred Nobel („Eine Liebe für den Frieden“), Rudolf Höss („Der Stellvertreter“), Andreas Baader („Todesspiel“) – historische Figuren unterschiedlichster Couleur. Reizen Sie biografische Rollen ganz besonders?
Mit „Todesspiel“ von Regisseur Heinrich Breloer fing das vor 20 Jahren alles erst so richtig an. Man hatte zuvor nicht daran geglaubt, dass so ein biografischer Dokumentations-Spielfilm Erfolg haben könnte. Mit fünf Millionen Fernsehzuschauern damals! Das war ein Geniestreich und hat Tore geöffnet für weitere Filme dieser Art. Dadurch war plötzlich Geld da für die Produktion solch historischer Stoffe, die ich im Übrigen sehr gern spiele.

Ist es schwieriger, eine Figur der Zeitgeschichte zu spielen, die man kennt oder eine unbekannte Person?
Das spielt für mich ehrlich gesagt überhaupt keine Rolle. Nur bei Richard Oetker in „Der Tanz mit dem Teufel“ war mir wichtig, dass ich ihn vor den Dreharbeiten persönlich kennenlernte. Ich wollte wissen, wie er mittlerweile zu seiner Entführung, und dem ganzen Sachverhalt steht. Nach zehn Sekunden war mir klar, dass Herr Oetker da sehr entspannt war. Natürlich habe ich den Personen gegenüber, die ich verkörpere, eine große Verantwortung. Und wenn diese Person noch lebt, hat das nochmal eine ganz andere Dimension.

Stimmt es, dass während Ihrer Dreharbeiten zu „Der Fall Kalinka“ eine Anfrage von Steven Spielberg kam, der sie für seinen Agententhriller „Bridge of Spies“ (mit Tom Hanks u.a.) engagieren wollte?
Das stimmt, ja. Der Anruf kam überraschend und hat mich sehr gefreut. Aber den Dreh in Frankreich musste und wollte ich natürlich fortsetzen. Am Ende hat sich dann aber alles prima gefügt, und ich konnte die Rolle des Wolfgang Vogel in „Bridge of Spies“ übernehmen. Die Dreharbeiten fanden größtenteils in Warschau und Berlin statt.

Kann man sagen, dass Ihnen die Filme „Das Leben der Anderen“ (2006, Oscar-prämiert) und „Black Book“ (von Paul Verhoeven) die Tür nach Hollywood geöffnet haben?
Ja, das kann man so sagen. Eindeutig.

Was ist für Sie das Besondere am Filmemachen in Hollywood? Wie würden Sie eine Produktion dort charakterisieren?
Das kommt immer auf die jeweiligen Regisseure und die Produktionen an. Mit Steven Spielberg zu drehen ist Hollywood, wie man es sich vorstellt, und mit einem Riesenaufwand verbunden. Aber was bei ihm am Set und im direkten Umkreis der Kamera passiert, ist sehr privat, sehr geschützt, sehr kreativ und sehr frei. Spielberg schützt seine Schauspieler und das finde ich sehr beeindruckend. Bei „Die Hard“ war das anders, da war dieses „Big Bang“-Gefühl – passend zum Film – am Set immer spürbar. Man kann das also schwer verallgemeinern.

Ihre schauspielerische Bandbreite ist spektakulär. Sie sind nicht auf einen Charakter-Typ abonniert…
Danke, das nehme ich als ein großes Kompliment. Es ist jedes Mal eine Herausforderung für mich, eine Rolle abzusagen, wenn ich kurz zuvor bereits Ähnliches gespielt habe. Selbst wenn es ein Erfolg versprechender Film zu werden scheint. Aber ich möchte mich eben nicht wiederholen und will immer Neues probieren.

Sie haben bereits viele Filmpreise für Ihre großartigen schauspielerischen Leistungen erhalten und auch beim Oscar-prämierten „Das Leben der Anderen“ mitgewirkt. Welche Rolle spielt es für Sie, selbst einen Oscar zu gewinnen?
Der Gedanke an einen Oscar bestimmt nicht mein Tun und hat es auch noch nie. Ich gehe dahin, wo ich mich wohlfühle und wo ich glaube, etwas transportieren zu können. Wenn ich das Gefühl habe, es ist ein Film, den es geben muss. Dafür setze ich meine Energie ein. Ob ein Film am Ende einen Preis bekommt, habe ich ja eh nicht in der Hand.

Erinnern Sie sich noch an Ihre schauspielerischen Anfänge?
Ja. Ich war damals in den 1980ern an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München, als ich für einen Sechsteiler ausgesucht wurde, „Reschkes großer Dreh“, eine realistische Familienserie von Regisseur Reinhard Schwabenitzky, eine Satire gegen das Fernsehen, sehr humorvoll. Schwabenitzky hat mich dann gleich in seinem „Tatort“ („Die Macht des Schicksals“, 1986) besetzt. Und wenn Sie einmal im „Tatort“ gespielt haben, sind Sie mit auf dem Karussell. Danach habe ich mich aber erstmal vom Film zurückgezogen und zehn Jahre Theater gespielt. Die recht magere Theatergage habe ich damals mit TV-Auftritten zwischendurch etwas aufgebessert. Ab 1993, nach meinem Ausstieg aus dem Schiller-Theater, habe ich mich dann wieder ganz auf Film und Fernsehen konzentriert.

Ihre Mutter soll Sie früh im Wunsch bestärkt haben, Schauspieler zu werden.
So früh war das bei mir gar nicht. Manche wissen ja bereits mit acht Jahren, dass sie Schauspieler werden wollen. Ich war aber immerhin schon 16, als ich das für mich entdeckte. Ich war zuvor Sänger und Gitarrist in einer Band in Stuttgart, wo ich aufwuchs. Ich dachte damals, dass ich gutes Hochdeutsch spreche. Bis ich mir eines Tages eine Liveaufnahme von uns anhörte: Ich sprach zwischen Songs in breitestem Schwäbisch! Da wusste ich, dass ich auf eine Schauspielschule gehen sollte, um mir das abzutrainieren und richtig Deutsch zu lernen (lacht). Ich kam also über die Musik zur Schauspielerei.

Wie ging es dann für Sie weiter?
Ich habe immer mehr Menschen kennengelernt, die mit dem Theater zu tun hatten. Und das hat mir gut gefallen. Es gab Theater-AGs und meine damalige Freundin Angelika Lenz war auch sehr theateraffin… So lernte ich diese Welt kennen. Ich erinnere mich, wie wir damals Straßentheater gemacht haben und viel Spaß hatten. Irgendwann habe ich dann Norbert Beilhartz kennengelernt, einen schwäbischen Regisseur. Der hat mich sehr darin bestärkt, bei der Schauspielschule in München vorzusprechen. Ich habe die Aufnahmeprüfung bestanden und los ging’s…

Gab es jemals eine alternative Berufsidee?
Ich wollte ursprünglich in Heidelberg Musiktherapie studieren und hatte auch schon die Bewerbungsunterlagen angefordert. Aber dann kam mir die Schauspielerei sozusagen dazwischen und das war’s dann.

Mittlerweile sind Sie längst einer der renommiertesten Schauspieler des Landes. Was fehlt Ihnen denn noch zum Glück?
Ich müsste jetzt mal nach einigen aufeinander folgenden Drehs wieder mein Privatleben etwas reaktivieren (lacht). Das ist in letzter Zeit ein wenig zu kurz gekommen. Man ist während eines Drehs einfach zu lang weg – von Familie, von Freunden…

Sie leben in Berlin und London. Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, nach Hollywood zu ziehen?
Nein. Ich bin da auch nicht so oft. Die meisten Hollywood-Produktionen, bei denen ich mitwirke, werden ja mittlerweile in Europa gedreht. Das finde ich auch nicht so tragisch… (lacht).

Kürzlich haben Sie die faszinierende Tier-Dokumentation „Unsere Wildnis“ gesprochen. War das für Sie eine Herzensangelegenheit?
Ja. Den Regisseur Jacques Perrin kenne ich schon lange und schätze seine Filme sehr. Auch „Unsere Ozeane“. Ich war sehr begeistert von diesem Film und wollte dieses sicherlich nicht einfache Projekt gerne unterstützen.

Die Liebe zur Natur scheint Sie mit ihrem Kollegen Leonardo di Caprio zu verbinden…
Mir gefällt das, was Di Caprio in dieser Hinsicht macht, ausgesprochen gut, weil ich ihm glaube, was er sagt. Es gibt viele Prominente, die sich vermeintlich für gute Zwecke einsetzen, um ihr eigenes Ego zu streicheln. Das ist bei Di Caprio meiner Meinung nicht der Fall. Er meint das wirklich ernst. Bei ihm kommt das nicht aus einer Eitelkeit, sondern aus dem Bedürfnis, etwas zu verändern. Ich fand seine Oscar-Rede damals großartig. Mit welcher Lässigkeit er da auf das Wesentliche kam, in einer sehr entspannten und glaubwürdigen Art.

Zuguterletzt: Wo finden Sie eigentlich Ausgleich zu Ihrem anstrengenden Job?
Ich versuche, mir regelmäßig eine Auszeit zu nehmen. Das ist wichtig, um runterzukommen und neue Kräfte zu sammeln. Ich habe ein kleines Häuschen in Brandenburg, direkt am Wasser. Da sitze ich dann, schaue auf den See und relaxe.  Ich liebe es auch zu kochen und mache etwas Sport – aber nur das Nötigste, was man zum Überleben eben halt so braucht …(lacht)

“DER GEDANKE AN EINEN OSCAR BESTIMMT NICHT MEIN TUN!”