Interview: Alex Gernandt

MEIN LIFESTYLE BRACHTE MICH FAST INS GRAB!
Er ist einer der berühmtesten Gitarristen der Welt und längst zur Rock-Ikone geworden – Saul Hudson, besser bekannt als „Slash“! Im Interview mit RIZE spricht er über seine Jugend, Drogen, Herzschrittmacher, Guns N’ Roses und seinen Einsatz für den Tierschutz…

RIZE: Slash, Sie sind jetzt 50! Erinnern Sie sich noch, wie Sie als Kind mit Ihren Eltern vom beschaulichen Stoke-on-Trent in England nach Los Angeles umzogen?
SLASH: Ja, mein Gedächtnis ist zwar nicht das beste, aber daran erinnere ich mich. Ich war vier oder fünf. Plötzlich lebte ich in einer anderen Welt. In England war alles trist und grau, in Kalifornien wirkte alles happy und bunt.

Mit Ihren Eltern Anthony und Ola wuchsen Sie in der Künstlerkolonie Laurel Canyon oberhalb von Hollywood auf…
SLASH: Das war eine Welt für sich, unglaublich, fast magisch. Mein Vater, ein Brite, war Grafikdesigner, meine Mutter, Afroamerikanerin, Modedesignerin. Sie stammte aus L.A., war aber in ihrem Job immer viel unterwegs. Meine Eltern hatten sich in den Sechzigerjahren in Paris kennengelernt und bald geheiratet, weil meine Mutter mit mir schwanger war. In Stoke-on-Trent, der Heimatstadt meines Vaters, hat sie eigentlich nie gelebt.

Ihre Mutter war als Designerin für Stars wie David Bowie, John Lennon und Diana Ross sehr gefragt und musste viel reisen. Sie wuchsen also quasi ohne sie auf?
SLASH: Naja, nicht ganz. Sie jettete oft von Los Angeles nach England, um bei mir zu sein und gab mir immer viel Liebe und Zuneigung. Sie war in der Tat sehr busy. Aufgewachsen bin ich deshalb die ersten Jahre bei meinem Dad und meinen Großeltern – bis wir schließlich zusammen nach L.A. zogen. Dort kam dann mein Bruder Albion zur Welt, den wir „Ash“ nennen. Er ist sieben Jahre jünger als ich, der Coolere von uns beiden und lebt heute als Designer in Japan.

Wie war damals das Leben im Laurel Canyon? Hat Sie die Künstler-Atmosphäre geprägt?
SLASH: Ja, sie hat mich inspiriert. Wir wohnten im Canyon am Lookout Mountain, es herrschte dort ein unbeschreiblicher Spirit, über den auch Filme gedreht und große Songs geschrieben wurden. Das Leben im Laurel Canyon war ungezwungen, frei, ohne Konventionen. Man konnte die Kreativität förmlich riechen. Die Leute, die dort lebten, Musiker, Maler, Literaten, verachteten das Establishment.

Wie würden Sie sich als Kind beschreiben?
SLASH: Ich war eher der Einzelgänger, und meine wenigen Freunde waren Kinder der Freunde meiner Eltern. Ich war ein Tagträumer, zeichnete in meinem Zimmer stundenlang Comics und gehörte in der Schule zu keiner coolen Clique.

Wie und wann sind Sie dann auf die Idee gekommen, Gitarrespielen zu lernen?
SLASH: Das muss im Sommer 1979 gewesen sein, kurz vor meinem 14. Geburtstag. Steven Adler, der Originaldrummer von Guns N’Roses, mit dem ich seit unserer Schulzeit befreundet bin, war schuld daran. Eines Tages schwänzten wir den Unterricht und gingen zu ihm nach Hause. Er lebte bei seinen Großeltern, die in einer Bäckerei arbeiteten. Steven drehte das KISS-Album „Alive II“ volle Kanne auf und spielte dazu auf einer billigen E-Gitarre von Sears. Das hat mich schwerst beeindruckt.

ICH WAR EIN TAGTRÄUMER, ZEICHNETE IN MEINEM ZIMMER STUNDENLANG COMICS UND GEHÖRTE IN DER SCHULE ZU KEINER COOLEN CLIQUE.

Und dann?
SLASH: Habe ich meiner Mutter davon erzählt. Sie fand das toll, denn sie hatte ein Faible für Musiker und hat mich in die Fairfax Music School geschickt. Mein Gitarrenlehrer spielte mir Eric Clapton und Cream, die Stones und Jimi Hendrix vor. Großer Fan von Aerosmith war ich damals schon. Mein weiterer Weg war vorgezeichnet.

Mit Guns N’Roses wurden Sie zur Legende. Wo haben Sie Sänger Axl Rose damals kennengelernt?
SLASH: Seine Band hieß Hollywood Rose und ich sah sie live im Gazzarri’s Club in Hollywood. Axl war der Sänger und Gitarrist war Izzy Stradlin. Mein Kumpel Steven Adler hatte mir zuvor von diesem irren Sänger mit der Wahnsinnsstimme vorgeschwärmt. Soweit so gut. Irgendwann habe ich mich dann auf eine anonyme Stellenanzeige als Gitarrist bei einer Band beworben – und siehe da, es waren Hollywood Rose. Nach einigem hin und her wurden dann Guns N’Roses daraus und ich bin im Sommer 1985 eingestiegen. Danach ergatterten wir ein großen Plattendeal bei Geffen Records und der Rest ist Geschichte.

Sie verließen die Band 1993 im Streit. Stimmt es, dass sie dann 20 Jahre keinen Kontakt mit Axl hatten?
SLASH: Das ist so. Aber ich sprach nie gern darüber, denn egal was ich sagte, es wurde sofort interpretiert – und zwar meist falsch. Jetzt haben wir jedenfalls alle Streitigkeiten beigelegt und versuchen es mit der Band nochmal. Bisher klappt es ja auch ganz gut.

Das Thema Drogen war bei Guns N’Roses allgegenwärtig.
SLASH: Das kann ich nicht leugnen! Besonders schlimm war es bei mir immer nach dem Ende einer Tournee. Ich saß zu Hause rum und wusste nichts mit mir anzufangen. Aus purer Langeweile habe ich dann harten Stoff genommen. Ohne die Tour-Routine – Aufwachen! Soundcheck! Konzert! Party! – war ich aufgeschmissen. Als das wegfiel, hatte ich ein Problem. Ich musste immer beschäftigt sein, sonst kam ich auf dumme Gedanken.

Im Jahr 2000 schlug sich der Rock’n’Roll-Lifestyle dann auf Ihre Gesundheit nieder…
SLASH: Ich wäre fast drauf gegangen, ja. Nach einer Alkoholvergiftung musste ich zum Check ins Krankenhaus. Die Ärzte stellten bei mir eine akute Herzerkrankung fest, verursacht durch meinen Lebensstil. Sie gaben mir noch sechs Wochen, im günstigsten Fall sechs Monate. Sie hielten es für eine gute Idee, mir vorsichtshalber einen Herzschrittmacher einzubauen. Mit 35! Sie bezweifelten, dass ich im Stande sei, mein Leben zu ändern.

Das waren Sie aber!
SLASH: Absolut. Ich nahm diese niederschmetternde Diagnose verdammt ernst. Ich fand es noch zu früh, mich von dieser Welt zu verabschieden, nicht zuletzt meiner Kinder wegen. Ich sagte mir, ich darf mir und den Menschen um mich herum nicht soviel Stress machen mit meinen Exzessen. Seit neun Jahren habe ich nun keinen Drink und keinen Stoff angerührt. Es geht mir gut.

Sie sind bekannt für Ihre Tierliebe und Ihre Vorliebe für Reptilien…
SLASH: Stimmt. Schon als kleiner Junge bekam ich eine Ratte namens Mickey geschenkt, von Sylvester, einem damals berühmten Entertainer und Freund meiner Eltern. Die hatten nichts dagegen und Mickey konnte sich im Haus frei bewegen. Später legte ich mir Echsen und Schlangen zu, Pythons und Boas. In meinem Haus hatte ich zu Guns N’Roses-Zeiten mal bis zu 25 Exemplare. Das war für manche Besucher sicher gewöhnungsbedürftig.

Auf ihrem aktuellen Album „World On Fire“ machen Sie sich für den Tierschutz, in diesem Fall für Elefanten, stark. Haben Sie eine neue Berufung gefunden?
SLASH: Ich denke, ja. Tiere liebe ich schon mein Leben lang, aktiv engagiere ich mich aber erst seit einigen Jahren. Den Song „Beneath The Savage Sun“ haben Sänger Myles Kennedy und ich nach einem Südafrika-Trip geschrieben, bei dem wir lokale Naturschützer getroffen haben. Der Text ist aus Sicht eines Elefanten geschrieben, der gejagt wird. Ich habe schon mehrere Safaris in Afrika gemacht und das Thema Tierschutz liegt mir am Herzen. Ich liebe alle Tiere. Dass aus Habgier alle 15 Minuten ein Elefant getötet wird wegen des Elfenbeins, kann nicht sein. Mit unserer Musik wollen wir auf diese Missstände aufmerksam machen. Ich selbst boykottiere Elfenbein und auch Instrumente, in denen welches verarbeitet wurde.

Zum Abschluß – gibt es etwas, dass Sie in Ihrem Leben bereuen?
SLASH: Das werde ich öfter gefragt. Die Antwort ist: NEIN! Ich bereue gar nichts! Ich habe nie einen Menschen umgebracht, alles gut.