Snoop Dogg

Interview: Alex Gernandt

Im Pariser Hotel Molitor trafen wir uns mit US-Rap-Superstar Snoop Dogg (44) zum Interview. In einer von merkwürdigem Rauch (…) vernebelten Suite erzählte die HipHop-Ikone nicht nurvom neuen Album „Bush“ und der kongenialen Zusammenarbeit mit Soundgenie Pharrell Williams, sondern berichtete auch von der harten Jugend in East Long Beach, dem Leben in der „Crips“-Gang und wer ihn letztendlich da rausholte…

RIZE: Sie wuchsen in East Long Beach auf und waren vor Ihrer Rap-Karriere in jungen Jahren als Drogendealer aktiv – bis Sie Ihre Mutter erwischte und zu Hause rausschmiss. Wo kamen sie unter?
SNOOP DOGG: Nirgendwo. Ich pennte die nächsten Monate in meinem Wagen, einem 1969er Chevrolet Camaro, den ich von meinem Großvater geerbt hatte. Er war mit diesem Auto einst aus seiner Heimat Mississippi nach Los Angeles übersiedelt, mit Sack und Pack. Der Wagen bedeutete mir was. Irgendwann stand ich im Parkverbot, der Camaro wurde abgeschleppt und ich hatte keine Kohle, um ihn bei der Polizei auszulösen. Ich stand also da mit nichts!

War das die Zeit, als Sie sich einer Gang anschlossen?
Ja. Jeder bei uns hatte Onkel, Cousins, Brüder und Freunde, die in Gangs waren. Das war ganz normal. In unserer Gegend gab es zwei Optionen: die „Insane Crips“ oder die „Rolling 20s Crips“. Ich landete bei den „Rolling 20s“. Ich war sehr jung, wollte cool sein und dazugehören. Es ging mir nie darum, Schlägereien anzuzetteln oder Leute auszurauben. Für mich zählte die Freundschaft. Wir waren eine Einheit und sind es bis heute. Trotzdem muss natürlich gesagt werden, dass die herrschende Gewalt in Gangs kein Märchen ist. Man darf das nicht romantisieren.

Ihr Kumpel Warren Griffin, später selbst als Warren G erfolgreich, erkannte Anfang der 90er Ihr Raptalent und soll Sie tatkräftig unterstützt haben.
Das stimmt. Warren glaubte an mich, er sah mein Showtalent und wurde mein „Hypeman“. Warren G war für mich das, was der legendäre Trainer Angelo Dundee für Muhammad Ali war, ein Top-Motivator. Als ihn sein Halbbruder Dr. Dre zu seiner Party einlud, nutzte er die Chance und überreichte ihm meine Democassette. Das war Anfang der 90er. Dre war mit seiner Gruppe N.W.A zum Rap-Superstar geworden und hatte begonnen, selbst zu produzieren. Meine Tracks und meinen Stil fand er gut. Der Rest ist Geschichte.
Dr. Dre engagierte Sie 1992 als Gastrapper für sein genre-prägendes Solo-Debüt „The Chronic“…
Und daraufhin produzierte er mein erstes Album „Doggy-
style“. Es erschien im November 1993 und schaffte es bis Platz 1 der Billboard-Charts. Ich war plötzlich ein Superstar. Ich dachte, ich träume. Das alles habe ich Dr. Dre und Warren G zu verdanken. Sie haben mir das Leben gerettet.

Dr. Dre berichtete mir vor Jahren in einem Interview, dass noch heute eine Kugel von einer Schießerei in seinem rechten Oberschenkel steckt.
So ist es. Ich stand damals direkt daneben, als er angeschossen wurde… Es war in Inglewood bei L.A., mitten auf der Straße. Ich war mit Dre, Warren G und einer Freundin unterwegs. Unser Homegirl machte plötzlich einen Typen dumm an. Der ließ sich das nicht gefallen und stieß sie weg. Das brachte Dr. Dre dazu, ihm eine zu verpassen. Daraufhin zog der Typ eine Waffe und schoss wild um sich. Wir flüchteten so schnell wir konnten.

Der Schütze schien aber getroffen zu haben.
Ja. Doch wir bemerkten es in der Panik nicht. Dre meinte irgendwann, sein Bein würde höllisch brennen. Plötzlich war da überall Blut. Erst dann war uns klar, dass er getroffen worden war.

Harter Cut! Auf Ihrem neuen Album „Bush“ arbeiten Sie wieder mit Pharrell WIlliams zusammen. Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit ihm beschreiben?
Mit Pharrell zu arbeiten, inspiriert mich immer aufs Neue. Es ist ein kreativer Prozess, und es herrscht auch eine gewisse Rivaliät zwischen uns – jeder will die cooleren Ideen haben. Er ist zwar etwas jünger als ich, aber er schafft es, mich am Mikro immer wieder zu Höchstleistungen zu pushen. Er fordert mich und macht mich damit nicht zum Besten, sondern zum Größten!

Gangsta-Rap ist auf Ihrem neuen Album nicht zu finden. Was sagt das über den Zustand des US-HipHop aus?
Richtig, „Bush“ ist ein reines Funk-Album geworden, mit Oldschool-Gästen wie Stevie Wonder oder Charlie Wilson von der GAP Band. Ich bezeichne meinen Sound gern als „retro-futuristisch“! In meiner Kindheit habe ich bei meiner Mutter immer coolen Funk gehört, daher der Einfluss. Und dass ich jetzt eine Funk-Platte mache, bedeutet, dass der HipHop in einem sehr guten Zustand ist und nicht von mir gerettet werden muss…

Einer Ihrer früheren Tracks heißt „Gangstaz don’t live that long“. Haben Sie etwa Angst um Ihr Leben? Ihre Kollegen 2Pac und The Notorious B.I.G. fielen beide Attentaten zum Opfer.
Nein, ich habe keine Angst. Ich kann nachts sehr gut schlafen, denn ich habe meinen inneren Frieden gefunden, auch dank meiner Frau und Kinder. Ich denke durch und durch positiv und lasse mich nicht mehr von negativer Energie beeinflussen. Snoop Dogg steht heute für „Love, Peace and Harmony“.

Tragen Sie dennoch eine Waffe?
Nein, niemals. Das brauche und das will ich nicht. Der liebe Gott passt auf mich auf.