HIGH-FASHION-UNDERDOG
MIT GROSSEM NAMEN!

Text: Alexandra Dobre

Seit vielen Jahren ist STELLA McCARTNEY eine international renommierte Modedesignerin. Die Britin wagte es als Erste in der High Fashion, auf jegliche Tiermaterialien zu verzichten und auf Umweltfreundlichkeit zu setzen. Die Tochter des legendären Beatle Sir Paul McCartney – selbst ein überzeugter Vegetarier und Tierschützer – ist eine echte Pionierin: Die heute 45jährige macht “vegane Mode“ mit ethischen Werten und kämpft als Underdog gegen das Establishment, indem sie Kleidung, Taschen und Schuhe entwirft, die nicht aus echtem Leder bestehen. Dafür wurde sie früher oft belächelt. Heute kann Stella auf eine fünfzehnjährige Karriere zurückblicken…

In der Automobil-, Konsumgüter und Lebensmittelindustrie hat ein Umdenken begonnen. Immer mehr Menschen wollen ein umwelt-freundlicheres Auto, Haushalts-Gerät oder Bio-Lebensmittel, das ihrem ökologischen Gewissen gerecht werden kann. In einer Zeit, in der Fast-Fashion mit immer häufigeren Kollektionswechseln die Kunden zum Kauf anregen will, entsteht aber jetzt langsam auch in der Mode ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Ethik. Tiere müssen geschützt werden! Sie sollen nicht länger für Mode leiden müssen. Merke: Eine Lederjacke ist auch in Lederimitat zu haben, und die passt genau so gut! Die Britin Stella McCartney gehört zu den ersten Designerinnen, die das erkannt haben. Ihr Vorbild, klar: Papa Paul… “Macca“, wie ihn Beatles-Fans nennen, ist bereits seit den 1970er Jahren Vegetarier und engagierter Tierschützer.

Gerade mal 25 Jahre jung war Stella McCartney, als das französische Modeunternehmen Kering sie für den Job als Chefdesignerin für das Pariser Modehaus Chloé einstellte. Vor ihr besetzte kein Geringerer als Karl Lagerfeld diese prominente Stelle. Ihr zur Seite stand Phoebe Philo als Assistentin, die sie während ihres Studiums an der Central Saint Martin’s School in London kennengelernt hatte. Mit 30 Jahren, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter Linda, wagte Stella, eine gute Freundin von Kate Moss, den endgültigen Schritt, eine erste eigene Kollektion als Joint Venture mit der Gucci-Gruppe vorzustellen. Doch Stellas Pariser Debüt-Show im Oktober 2001, ihr Eintritt in die Liga der High Fashion, wurde von gestrengen Modekritikern mit gemischtem Beifall aufgenommen: Angeblich würde sie sich “weniger spannend“ präsentieren als damals mit Chloé, hieß es etwa in der Vogue. Dabei entwarf sie eine supertrendy 80er-Disco-Kollektion von Satinblazern in Blau und blousonartigen T-Shirts
in Kombination mit langen, weiten Röcken. Insgesamt eine Linie, die männliche und weibliche Attribute in ein Spannungsfeld rückte. Übergroße Blazer brachen rüschige, feminine Silhouetten. Retro-Chic ganz neu inszeniert!

“Für mich gibt ein Männerjackett einer Frau etwas Scharfes, eine Haltung. Frauen, die immerzu kichern und lange Chiffonkleider tragen, sind uninteressant. Man kann ja mal kichern, aber man muss auch ein pointiertes, intellektuelles Gespräch führen können. Ich entwerfe für solche Frauen und habe schon immer Herrenschnitte verwendet”, sagt die Mutter dreier Kinder im Interview mit der “Welt”. Einen grauen “Boyfriend”-Blazer kombiniert sie zur sinnlich fließenden Seidenhose mit Schwanenmotiv. Midi-Röcke und Maxi-Kleider mit romantischen Rüschen zum Material-Mix von Samt und Seide lassen in weiten Silhouetten genug Bewegungsspielraum für Frauen mit Haltung. Die Trägerin von “Stella McCartney“ trägt nicht nur Mode, sondern verkörpert damit auch ihr Engagement und ihr Bewusstsein für ein nachhaltiges Leben. Mittlerweile
gibt es immer mehr Streetwear-Marken, die nachhaltige Mode produzieren, wie “Wunderwerk” oder “Qwstion”, das für seine “organic” Taschen den deutschen Ecodesign-Award 2015 gewann. Wie die Herstellung nachhaltiger Mode beweist, können atmungsaktive und wasserabweisende Strukturen auch ohne Einsatz von chemischen Substanzen entstehen. Sogar der Fast-Fashion-Anbieter H&M setzt mit seiner “Conscious”-Linie für nachhaltigere Artikel ein Zeichen. “Die Mehrheit der Unternehmen fängt jetzt an, sich zu verändern. Nur in der Luxus-Modeindustrie scheint keiner umzudenken“, so Stella. “Und wissen Sie, was am Lustigsten ist? Wenn sie Lederjacken und Krokodilledertaschen tragen und um die Welt jetten, denken diese Menschen: ‚Ihr könnt mich mal, ich bin eben Rock’n’Roll.‘ Dabei machen die nur, was alle anderen auch tun. In dieser Hinsicht bin ich die Einzige, die Rock’n‘Roll ist – eben weil ich anders bin”, war sich McCartney im Jahr 2009 in einem Interview über ihren USP bewusst.

Obwohl die ambitionierte Designerin im ersten Geschäftsjahr 2001/2002 einen Verlust von 3,8 Millionen Euro und einen Umsatz von gerade mal 600.000 Euro verzeichnete, positionierte sie sich weiter standhaft: „Ich kann jedem nur raten, nicht beim ersten Buh den Kopf einzuziehen. Brust raus, weitermachen”, sagt sie selbstbewusst. Stellas Strategie: internationale Expansion mit weiteren Eröffnungen von Stores in Metropolen wie New York und London. Ihr Schlüsselstoff: Keypieces aus Viskose – nachhaltig aus zertifizierten Waldgebieten in Schweden. Die gesamte Frühjahrskollektion 2017 besteht zu 100 % aus dieser nachhaltiger Viskose. Das kann ihr im Moment keiner nachmachen. Leider. Denn, wie die wenigsten wissen, kommt Viskose von Bäumen, und meistens aus vom Aussterben bedrohten Wäldern. Um den Blick auf das Thema Waldrodung zu lenken, verbandelt sich die Britin mit ihrem NGO Partner CanopyPlanet. Ihre Beharrlichkeit zahlt sich aus. Heute zieht der Umsatz ihres Unternehmens, das inzwischen zur Kering-Gruppe gehört, eine zweistellige Bilanz. Die Erlöse stiegen auf über 40 Millionen Euro mit einem weltweiten Aufgebot von 30 Läden, darunter ein Zuwachs in Madrid, Peking, Palo Alto (Kalifornien) und im chinesischen Chengdu. Mit dem jährlichen EP&L, einem gläsernen Geschäftsbericht zur ökologischen Gewinn- und Verlustrechnung der Kering-Gruppe, kann jeder einsehen, welches ihrer Unternehmensziele tatsächlich erreicht wurde. Fast alleinstehend führt die High-Fashion-Modemarke, die sich Respekt für den Planeten und für die auf ihm lebenden Menschen und Tiere zur Mission gemacht hat. Sie ist zukunftsweisend, was ihre Auswirkungen auf die Umwelt messen ließen. Und immer mehr Kunden greifen mittlerweile zu Lederimitaten, wie eine Studie des Fachmagazins “Textilwirtschaft” im Jahr 2015 zum Konsum von Handtaschen belegte. Aber, Vorsicht! Vegane Mode ist nicht automatisch umweltfreundlich! Wie eine aktuelle Untersuchung von ÖKO-TEST beweist, beinhalten zwei Drittel der getesteten Kunstleder-Handtaschen aus dem unteren und mittleren Preissegment höchst giftige Chemikalien, darunter polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Formaldehyd, Blei und Chrom. Es lohnt sich, in nachhaltig hergestellte, hochwertige Mode zu investieren. Mit Aktionen wie einer Lingerie-Serie mit Topmodel Cara Delevigne für eine
Brustkrebs-Kampagne erreicht McCartney ein breites Publikum, um auf wichtige Themen aufmerksam zu machen. Ihr Statement: #StellaCares. “Aufrichtigkeit und Verantwortungsbewusstsein sind eng miteinander verbunden. Wir wissen, dass wir nicht perfekt sind. Wir wissen auch, dass Nachhaltigkeit nicht nur aus einem Aspekt besteht – mit Bio-Baumwolle allein ist es nicht getan! Bio-Baumwolle plus Windenergie plus Verzicht auf PVC plus tausende weiterer kleiner Schritte sind es, die uns nach und nach zu einem verantwortungsvolleren und umweltbewussteren Unternehmen machen”, so „Stella Steel“ – ein Spitzname, den sie bekommen hat, weil sich die strikte Vegetarierin stets eisern weigerte, Leder und Pelz zu verarbeiten. Als Stella McCartney im Jahr 2004 eine DOB-Linie für adidas entwarf, bekam sie die Aufmerksamkeit des Mainstream, der ihre funktionellen und doch modisch-weiblichen Entwürfe zu schätzen wusste. Es war ein kommerzieller Erfolg. Im Jahr 2005 schätzte der Vorstandschef des deutschen Sportartikelherstellers Adidas, Herbert Hainer, das Umsatzpotenzial für „adidas by Stella

McCartney“ bei 100 Millionen Euro. Ihre Mode wird in 43 Ländern vertrieben und in drei Flagship- Stores in London, New York und Los Angeles. Seite an Seite mit Rapper und Produzent Kanye West, dem Disney-Konzern und Google gehört sie zu den wenigen Open-Source-Partnern, die Adidas für eine “Creator Farm” in New York berufen hat, um im Designstudio kreative Talente einzuladen und Innovationen zu kreieren. Der Zeit immer einen großen Sprung voraus: Im Oktober 2014 war Stella McCartney die Erste, die eine gesamte Capsule Collection mit der als Marke geschützten Zertifizierung der Green Carpet Challenge® (GCC) kreiert hat. Die 13-teilige Kollektion wurde nach höchsten Umweltstandards und unter ausschließlicher Verwendung von recycelten oder zertifiziert nachhaltigen Materialien produziert. Stella McCartneys Weg zum Erfolg war in der Tat eine „long and winding Road“. Sie hat etwas geschaffen, wofür die Zeit nun endlich gekommen ist. Mit ihrer „veganen Mode“ hat sie eine neue Ära eingeläutet. Sie weiß: Eine Zukunft ohne Nachhaltigkeit gibt es nicht! Mit ihrer Mode verkörpert sie das Lebensgefühl einer Generation, bei der Verantwortung für die Umwelt großgeschrieben wird – und die sie zu ihrer smartsexycoolen Frontfrau erklärt hat, ganz nach dem Beatles-Motto: We can work it out!