„Ich hasse Kameras!“

Interview: Alex Gernandt

Treffen mit einem, der die legendärsten Stars ablichtete – und selbst zur Legende wurde – TERRY O’ NEILL.

Der Star-Fotograf wurde am 30. Juli 1938 in Romford/ London geboren. Als junger Zeitungsfotograf lichtete er in den frühen 1960er Jahren die Beatles und die Rolling Stones ab. Im Laufe seiner Karriere standen u.a. Queen Elizabeth II, Frank Sinatra, Steve McQueen, Elvis, David Bowie, Rod Stewart, Amy Winehouse sowie seine Ex-Frau Faye Dunaway vor seiner Kamera. In der Münchener Galerie Stephen Hoffman, in der seine Stones-Bilder zu bewundern sind, empfängt uns Terry zum Exklusiv-Interview.

Fotos (c) Terry O’Neill/ Iconic Images/ Galerie Stephen Hoffman München

RIZE: Mr. O’Neill, als junger Mann waren Sie Jazz-Drummer. Wie wird man dann zu einem der berühmtesten Pop-Fotografen der Welt?

Terry O’Neill: Mit viel Glück! Es stimmt, ich spielte damals zunächst Schlagzeug in den Clubs der US Airforce in und um London. Mein größter Traum war, irgendwie nach Amerika zu kommen. Also heuerte ich bei British Airways an als Flugbegleiter. Doch weil ich fotografieren konnte, wurde ich von denen als Fotograf am Airport London-Heathrow eingesetzt.

Fotograf am Flughafen?
Ja, im Auftrag der British Airways musste ich dort täglich Menschen in allen Lebenslagen fotografieren: Passagiere, Touristen, Ankommende, Wartende, Lachende, Weinende, Küssende. Eines Tages schoss ich einen älteren Herrn in einem Nadelstreifenanzug ab, der auf einer Sitzbank in der Wartehalle eingeschlafen war. Ich dachte mir nichts dabei. Aber als mein Boss das Foto sah, war er ganz aufgeregt…

Warum?
Well dieser schlafende Herr der britische Außenminister war – Rab Butler! Ich hatte ihn nicht erkannt. Das Foto wurde schließlich von der Tageszeitung Daily Sketch gedruckt – und ich hatte einen neuen Job.

Good bye Heathrow, hello Fleet Street?
Exakt. Mit Anfang 20 wurde ich damals in der Fleet Street der jüngste Zeitungsfotograf Englands.

Das war in den frühen 1960ern. Damals schossen Sie die ersten Fotos einer Newcomerband namens Rolling Stones. Fühlten Sie sich bei diesen „Bad Boys“ wie ein Dompteur im Rock’n’Roll-Zirkus?
Nein, das war nicht nötig. Die Stones waren zu Beginn ihrer Karriere noch richtig brav, fast unschuldig. Man konnte prima mit ihnen auskommen. Das Bad-Boy-Image entwickelten sie erst mit der Zeit.

Wie kam Ihre Zusammenarbeit mit den Stones damals zustande?
Über die Beatles! Die „Fab Four“ waren die erste Band, die ich je fotografierte, quasi mein „Aufwärmtraining“ für alles, was danach kam…

Erzählen Sie!
Ich war junger Zeitungsfotograf in London, der jüngste der ganzen Fleet Street übrigens! Eines tages bekam ich den Auftrag, diese Newcomer-Band aus Liverpool abzulichten in den Abbey Road-Studios – eben die Beatles! Sie nahmen dort ihr Debütalbum „Please please me“ auf und kein Mensch konnte ahnen, ob es ein Erfolg würde. Als das Foto am nächsten Tag im „Sunday Dispatch“ (der Zeitung) erschien, klingelte mein Telefon. Es war Andrew Loog Oldham, der Manager der Rolling Stones. Er fragte, ob ich seine Jungs auch mal fotografieren könne.

Aufregende Zeiten…
Für mich auf jeden Fall. Es war der Beginn der Bandfotografie wie wir sie heute kennen – und ich war der Pionier!

Können Sie das bitte näher erklären!
Zuvor gab es nur Sänger mit Begleit-Bands im Hintergrund. Der Sänger war der Star, und nur er wurde fotografiert: Sinatra, Elvis, Bill Haley, Cliff Richard. Die Beatles und die Stones waren dann die ersten echten Bands. Plötzlich mussten vier, fünf Musiker aufs Foto. Kaum zu glauben, aber damals war das was ganz neues. Ich musste mir also genau überlegen, wie ich die Musiker in Szene setze.

Haben die Stones gern für Fotos posiert?
Ja, sie genossen die Aufmerksamkeit, fühlten sich wichtig, wie Stars, obwohl sie ja noch keine waren.

Was unterschied die Beatles damals von den Stones?
Die Beatles kamen mir als Band wie eine Person vor – alle vier tickten gleich, hatten denselben schrägen Humor, waren berechenbar. Ganz anders die Stones: Da hatte ich es mit fünf grundverschiedenen Individuen zu tun. Das war nicht immer einfach, aber spannend!

Wie haben Sie Brian Jones, der ja anfangs der Bandboss war, erlebt?
Schwierig! Er war ja manisch-depressiv. Ich wusste nie, in welchem Zustand ich ihn antreffen würde. Mal war er total überdreht, mal todtraurig. Brian konnte sehr nett und charmant sein, manchmal aber auch ziemlich ruppig und unhöflich.

Erkannten Sie früh das Star-Potential der Gruppe?
Ich war mir da nicht sicher. Als ich meinem Chef die ersten Bandfotos zeigte, meinte der nur: Oh Gott, die sehen ja aus wie prähistorische Monster!

Wie meinte er das?
Die Stones steckten eben nicht in adretten Anzügen wie die Beatles und hatten wildere Frisuren, für damalige Verhältnisse zumindest. Der uniforme Anzug-Look der Beatles war eine Marketingidee von Brian Epstein, ihrem Manager. Andrew Oldham, der die Stones managte, liess seine Jungs tragen, was sie wollten. Er mischte sich nicht ein.

Haben Sie mit den Stones auch wild gefeiert?
Ab und zu, meist im „Adlib“-Club am Leicester Square. Die Beatles waren auch fast jeden Abend da, dazu die hübschesten Models der Stadt. Ich habe mich aber stets kurz nach Mitternacht verabschiedet, während die Stones bis früh um fünf weiterfeierten. Um diese Uhrzeit musste ich schon bald wieder aufstehen und ab in die Redaktion zur Arbeit. Von Drogenexzessen habe ich mich auch ferngehalten, weil ich fit sein musste für meinen Job.

Wie haben Sie die ersten Erfolge der Stones erlebt?
Natürlich wurden die ersten Charterfolge kräftig begossen. Aber ich erinnere mich auch gut, wie ich mit Mick, Keith, Brian, Bill und Charlie zusammensaß und sie sich überlegten, was sie wohl in zwei, drei Jahren arbeiten würden, wenn ihre Pop-Karriere zu Ende ist. Wir amüsierten uns über die Vorstellung, dass Mick noch mit 30 auf der Bühne rumhampeln würde und ich vor der Bühne stünde und ihn dabei fotografierte.

Waren Sie auch zu Gast in ihrer sagenumwobenen Wohngemeinschaft in Chelsea?
Ja, aber das war eher unerfreulich…

Inwiefern?
Weil die Bude total versifft war, wie Junggesellen und Rockmusiker eben so hausen. Chaos in jeder Ecke. Das Viertel in Chelsea, in der das Haus lag, nennt sich World’s End – und so sah es auch aus. Mick, Keith und Charlie lebten zusammen in der WG, wenn ich mich recht entsinne. Ich ging meist nur hin, um den Jungs meine neuesten Fotoabzüge vorbeizubringen und sah zu, dass ich schnell wieder weg war (lacht).

In Ihrem Bildband „Breaking Stones 1963 – 1965“ wird deutlich, wie nah sie an der Band dran waren – zu Zeiten, als in Flugzeugen noch geraucht werden durfte…

Ja, ich fotografierte Charlie Watts paffend im Flieger. Oder Mick, wie er in der BBC-Garderobe die Haare gemacht bekommt. Heute sind solche Bilder fast unvorstellbar. Überall wuseln jetzt PR-Agenten rum, die alles unterbinden wollen. Die Künstler sind ja selten das Problem. Es sind die Wichtigtuer außenrum, die ihr Gehalt irgendwie rechtfertigen müssen durch oft sinnfreie Aktionen. Das nervt – und war auch mit der Grund, warum ich das Fotografieren vor ein paar Jahren aufgegeben habe.

Sind Sie heute noch mit den Rolling Stones in Kontakt?
Bill Wyman treffe ich regelmäßig. Er hat gerade eine Ausstellung – „Exhibitionism“ – über die Geschichte der Band in der Saatchi Galerie in London zusammengestellt. Leider geht es ihm nicht so gut, er hat Prostatakrebs. Charlie und Keith sehe ich auch noch, aber seltener.

Und Mick Jagger?
Kaum! Mick hat sich mit der Zeit extrem verändert. Er ist nur noch am Geld interessiert. An seinen Aktien und Beteiligungen. Er ist überambitioniert, will auf jedem Gebiet der Größte sein – aber floppt jedes Mal fürchterlich, ob als Solosänger oder Schauspieler. Ohne die Stones ist Mick nichts!

Haben Sie eigentlich Ihre alten Kameras alle aufbewahrt?
Nein, ich bin kein Sammlertyp – und ich hasse Kameras!

Sie hassen Kameras?
Ja, weil sie mir ständig im Weg sind (lacht). Meine Fotos entstehen im Kopf. Die Kamera ist für mich ein notwendiges Übel, um die Motive festzuhalten. Heute besitze ich nur noch eine kleine Leica für den privaten Gebrauch. Meine Fotokarriere habe ich nach einem Shooting mit der großartigen Amy Winehouse beendet. Es gibt heute einfach keine interessanten Talente mehr.

Apropos Talente: Mit David Bowie haben Sie auch oft gearbeitet!
Und das sehr gern. Ich habe ihn gleich zu Beginn seiner Karriere, Ende der Sechziger, kennen gelernt und war viel mit ihm unterwegs, auch in Amerika, wo ich ihn einmal mit Liz Taylor fotografierte. Bowie war ein sehr angenehmer, interessanter und kultivierter Zeitgenosse. Ich war immer gern mit ihm zusammen. Er hatte stets eine klare Vision von dem, was er wollte, war dabei aber immer easy going. Seine Stimme mochte ich zwar nicht, aber ich war fasziniert von seinen Ideen und seiner Phantasie.

Ihr Bowie-Porträt wurde Vorlage für das Cover seines Albums „Diamond Dogs“…
Das war 1974. Ich brachte damals eine Riesendogge mit ins Fotostudio und fotografierte Bowie mit ihr. Ein Motiv zeigt Bowie auf allen Vieren, wie ein Hund. Dieses Foto hat dann der belgische Künstler Guy Peellaert fürs Plattencover bearbeitet. Davids Tod Anfang des Jahres hat mich schockiert. Als Hommage veröffentliche ich im September einen großen Bildband mit seinen besten Fotos.

Zu Ihren berühmtesten Motiven zählt das Foto von Faye Dunaway samt Oscar am Pool…

Ich hatte damals den Auftrag, Faye für ein US-Magazin (People) zur Oscar-Verleihung 1977 zu begleiten. Keiner konnte ahnen, dass sie am Ende den Oscar gewinnen würde. Nach durchfeierter Nacht sind wir im Beverly Hills Hotel gelandet. Im Morgengrauen kam mir dann die Idee zu dem Foto am Pool. Der Oscar steht auf dem Tisch, überall sind Zeitungen verstreut und sie sitzt da, erschöpft, gedankenverloren, mit melancholischem Blick – so, als sei ihr noch gar nicht bewusst, wie drastisch sich ihr Leben nun durch den Oscar verändern würde.

Später haben Sie Faye Dunaway geheiratet.
Wir waren sehr verliebt. Aber letztlich hat die Beziehung nicht funktioniert. Der Hollywood-Glamour, den eine Film-Diva nunmal umgibt, ging mir bald auf den Geist. Überall beobachtet und fotografiert zu werden, kann nervtötend sein. Ein totaler Verlust der Privatsphäre, unerträglich. Ich habe Hollywood dafür gehasst.

Erkennen Sie einen Unterschied zwischen Musik- und Film-Business?
Musiker sind meist umgänglicher, unprätentiöser. Filmstars spielen auf der Leinwand oft Superhelden, das steigt manchen zu Kopf.

Kommen wir zum Hochadel! Wie war es, Queen Elizabeth II. zu fotografieren?
Die größte Ehre! Es war das einzige Mal, dass ich vor einem Job nervös war. Ich habe mir immer wieder vorgestellt, was alles schief laufen könnte…

Und, lief etwas schief?
Nein, ich hatte Glück! Und meine Nervosität war unbegründet. Die Queen ist eine ganz bemerkenswerte Person, einfach großartig. Sie hat das Talent, dass man sich sofort wohl und sicher fühlt, sobald sie den Raum betritt. Ich habe sie insgesamt dreimal fotografieren dürfen, in Windsor, Sandringham und im Buckingham Palace. Am schönsten war es, wenn sie ihre geliebten Corgis um sich hatte. Einmal war auch Prinz Philip dabei.

Welchen Künstler haben Sie am liebsten abgelichtet?
Den „Chairman of the Board“ – Frank Sinatra. Von 1967 an habe ich ihn 30 Jahre lang begleiten dürfen. Ich kannte seine Frau, die Schauspielerin Ava Gardner, aus Hollywood. Sie hat uns vorgestellt. Eine unvergessliche Zeit. Sinatra war für mich der Größte, als Künstler und als Mensch.

Haben Sie sich in all den Jahren angefreundet?
Nicht wirklich. Wir haben den einen oder anderen Whisky miteinander getrunken und ich mochte seinen trockenen Humor. Aber ich habe mich nie bei ihm angebiedert. Professionelle Distanz zu wahren war mir immer wichtig.

Einestages: Wen hätten Sie noch gern fotografiert?
Nur eine einzige – Marilyn Monroe! Das war immer mein großer Traum. Leider verstarb sie viel zu früh…