Logo RIZE

The fear of missing out

Text: Mamé Gamamy

Tina sitzt in der Kantine, mit einer Hand schiebt sie sich eine Gabel Spaghetti Bolognese in den Mund. Mit der anderen scrollt sie eifrig durch ihre Facebookseite. Markus ist schon wieder auf Reisen in fernen Ländern und Anke war gestern auf einer megacoolen Privatparty. Patrizia hat wieder ein Selfie von sich gepostet – diesmal von der Vernissage eines angesagten Künstlers. Und Tina? Sie sitzt hier und macht Pause. Jeder scheint ein glamouröseres Leben zu führen als sie. tina liked den Eintrag von Patrizia und spürt, wie ihr ein kleiner Neidkloss im Halse stecken bleibt. Das Gefühl, die aufregenden Momente des Lebens zu verpassen, scheint durch Social Media immer präsenter geworden zu sein! Wir erfahren, was unsere Freude so alles machen und schätzen einerseits, virtuell daran teil zu haben, andererseits grämt es uns aber, nicht mit dabei zu sein, bei den vermeintlich angesagten Aktivitäten der Anderen. Dieses neuzeitliche Phänomen der Angst, etwas zu verpassen, hat einen prägnanten Namen: FOMO – „Fear Of Missing Out“! Längst existiert auch ein Wikipedia-Eintrag zu diesem Thema. FOMO gibt es aber natürlich nicht erst seit der Erfindung von Facebook, Twitter und Instagram. Dieses Gefühl des Versäumens kennt man sicherlich auch aus eigenen Jugendtagen, wenn man z. B. unnötig lange auf einer Party geblieben ist, weil man Angst hatte am nächsten Tag nicht zu den Insidern zu gehören.

Doch damals haben wir uns mit dem Gedanken daran nicht lange aufgehalten. Schliesslich wurde das nicht auf einer öffentlichen Plattform dokumentiert, was wir eventuell verpasst haben könnten. Das ist heute anders. Alles wird digital festgehalten, gepostet, geschönt, verzerrt. Dabei baut dieser soziale Vergleich mit der ganzen Welt ganz schön viel Druck auf. Der Trend zur Selbstinszenierung wird durch Überbetonung des visuellen Kanals noch verstärkt.

Von FOMO betroffene User verbringen enorm viel Zeit damit, ihr Handy zu beobachten und haben immer weniger Aufmerksamkeit für eigene Erlebnisse. Es macht sie gar traurig, wenn sie in den sozialen Medien Fotos von Freunden sehen, die gerade Spass haben. Und sie bekommen Angst, dass deren Erfahrungen gerade besser sein könnten als die eigenen. Diese Neidgefühle wirken sich schliesslich negativ auf die persönliche Lebenszufriedenheit aus. Bei den sozialen Medien steht die Selbst-PR Immer mehr im Vordergrund. Das, was du tust, was du bist und was du hast, muss hergezeigt werden, sonst zählt es nicht. Die eigene Grossartigkeit wird betont, damit man bei anderen punkten kann. Unter FOMO leidende User vergessen aber leider oft, dass es sich bei den Posts in den meisten Fällen um die positiven Momente des Lebens und wohl inszenierte Bildkompositionen handelt. Denn kaum einer wird seine Misserfolge, Niederlagen und schwierigen Augenblicke mit der Community teilen. Und so laufen FOMOBetroffene schnell Gefahr, die konstruierte Scheinwelt in den Posts mit der Realität zu verwechseln. Sie leben nur noch für den Post, wie es zum Beispiel vor ein paar Wochen die australische Instagramerin Essena O’Neill erläutert hat: In einem Video-Post verkündete sie ihren Ausstieg aus der Bilder-App, weil dort nicht das reale Leben dokumentiert wird. Letztlich, so sagt O’Neill, habe sie nur noch für vermeintliche Freunde und Follower und ihre heissbegehrten Likes gelebt.

EXPERTEN-INTERVIEW

Dr. Niko Hüllemann, Kinder- und Jugendpsychotherapeut, betreibt eine Praxis in München und erkennt vor allem bei Kindern und Jugendlichen eine massive Veränderung in Bezug auf Social Media, bei der die Angst, etwas zu verpassen immer mitzuschwingen scheint.

Dr. Hüllemann, welche psychischen Probleme werden durch undifferenzierten Social-Media-Konsum bei Kindern und Jugendlichen hervorgerufen?
NIKO HÜLLEMANN: In meiner psycho-therapeutischen Praxis sehe ich dadurch einen deutlichen Anstieg an Selbstwertproblemen und Identitätskrisen. Diese manifestieren sich reaktiv in Form von Ängsten, zwangsähnlichen Denk- und Verhaltensweisen, Depressionen, Sozialverhaltensproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten und Essstörungen. Die Betroffenen kommen also meist mit einem konkreten Symptom zu mir, und niemand denkt zu Beginn daran, dass die unreflektierte Nutzung von sozialen Medien einen nicht unerheblichen Beitrag zum aktuellen Leid beisteuert.

Je mehr Likes desto besser: Die Selbstinszenierung hat scheinbar ihren Höhepunkt erreicht. Was aber macht diese ständige Selbstdarstellung mit der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen?
Das „like“ der Anderen kann als eine soziale Verstärkung gesehen werden und führt zur Ausschüttung von Dopamin in unserem Belohnungszentrum. Wir fühlen wir uns zufrieden und glücklich und wollen mehr. Erfährt ein Kind oder Jugendlicher in der realen, analogen Welt zu wenig Aufmerksamkeit von seinen Bezugspersonen, wie Eltern und Freunden, kann sich dieser Belohnungskreislauf auf der Grundlage eines unzureichend befriedigten Grundbedürfnisses nach Anerkennung und Wertschätzung etablieren. Aus solch einem Sog kann es so gut wie kein Entrinnen geben, schon gar nicht als junger Mensch, dem Introspektionsfähigkeit, Selbstregulation oder Verzicht noch viel schwerer fallen, als einem Erwachsenen.

Wächst beim ständigen Vergleich mit anderen und der Profilierung des Selbst eine Generation von Narzissten auf?
Das Tragische ist nicht die Selbstüberhöhung, die gerade in der Jugendzeit als alterstypischer Egozentrismus zu werten ist, sondern die sich unbewusst zunehmend selbst-perfektionierende Fassade, die mit viel Glamour und Glitzer von der unzureichenden, „morschen Substanz” ablenken soll. Der oberflächliche Vergleich suggeriert jedoch, dass „Substanz“ gar nicht von Nöten sei, weil sie meist nicht Thema der virtuellen Kommunikation in sozialen Medien ist. Und trotzdem weiß der junge Mensch, dass das, was er vorgibt zu sein, sich irgendwie nicht passend anfühlen mag, weil er sich im tiefsten Inneren als mehr erlebt, als nur ein stets gut gelaunter, gut trainierter, erfolgreicher, intelligenter, dynamischer, kreativer, einzigartiger Held und Globetrotter. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Diskrepanz zwischen überzogenem, künstlich aufgebauten „Soll“ und tatsächlichem „Ist“ zu groß wird, und sich Unzufriedenheit, Unruhe, Gereiztheit oder psychisches Leid einstellen.

Jugendliche machen ihr Selbstbewusstsein immer mehr von Likes und Selfies abhängig. Der Cloud-Score bestimmt den Einfluss in der neuen Social-Media-Welt. Können Kinder und Jugendliche so lernen, wie es ist, sich selbst einzuschätzen, ohne die Meinung anderer?
Selbsteinschätzung gelingt immer nur in der Interaktion mit anderen. Die Qualität der Interaktion ist dabei entscheidend. Differenzierte Beschreibungen von Gefühlen lernt man in der Interaktion mit ihren Bezugspersonen. Der Cloud-Score ist damit alles andere als ein sinnvolles Co-Regulativ und lebt in gewisser Weise ein krankmachendes Modell vor.

Gepostet werden meist nur positive Erlebnisse. Wachsen Kinder und Jugendliche da nicht mit einem verzerrten Realitätsbild heran?
Wohl kaum, dafür sorgen leider schon die täglichen Nachrichten aus aller Welt. Jedoch gilt auch hier, dass die Diskrepanz zwischen positiv dargestellten eigenen und fremden Erlebnismomenten und dem aktuellen, tatsächlichen, nicht kommunizierten Befinden in der momentanen Lebens-
-situation, zu großem seelischen Leid führen kann.

GEDANKEN EINER 17-JÄHRIGEN

 

Klick auf „SHARE”,
7 Milliarden Menschen,
14 Milliarden Gesichter,
hinter dem Rücken nur whisper, whisper,
doch vorne die strahlenden Augen,
das Lächeln lässt dich alles glauben,
es wird gelacht, es wird geweint,
es wird getrennt und wieder vereint,
es wird gedemütigt und drüber gelacht,
jeder weiß, was der andere macht,
doch keiner hat den Mut auszusprechen, was hier jeder tut,
man lebt für die anderen und nicht für sich,
es geht schon lange nicht mehr um mich und dich,
was erleben, klick auf „SHARE“,
eigentlich ist das nicht fair,
aber im Strome der Masse stehenzubleiben,
und nicht meilenweit davon zu treiben,
ist anstrengend und schwer,
ich glaube doch, viele wünschten es sich sehr,
Wer ist man wirklich, wer will man sein,
was macht einen glücklich, was ist nur Schein?
Wieder mal merken, was ist wichtig,
was ist falsch und was ist richtig,
Sich den Abend nicht vor facebook versauen,
sondern mal wieder in den Sternenhimmel schauen,
Daran denken, wie es früher war,
warst du da nicht auch schon da?
Es reicht auch einfach danke sagen,
wie lang könnten wir das sonst noch ertragen?
Die Schwachen stärken, die Traurigen drücken,
was haben wir doch für Gesellschaftslücken…
Einfach mal kurz offline gehen und merken:
Die Zeit bleibt nicht stehen.

Gedicht von Lara Strauß, 17, Schülerin aus München