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Trinkgeld

Text: David Lemmer

Der moderne, erfolgreiche Mensch ist als knallharter homo oeconomicus verschrien. Er entscheidet pragmatisch und rational. Bei Dienstleistungen zahlt er dennoch freiwillig einen Betrag für eine bereits erbrachte und bezahlte Leistung – das Trinkgeld. Er tut dies selbst dann, wenn er davon ausgeht, den Empfänger nie wiederzusehen und er also von dieser Geste im Nachhinein nicht profitieren wird.

Warum tut er das? Weil es sich so gehört, werden Sie sagen. Und Sie haben damit vollkommen Recht. Aber das Geben von Trinkgeld ist mehr als das Befolgen einer gesellschaftlichen Norm. Das war es schon immer und ist es noch immer. Und dennoch hat sich die Bedeutung des Trinkgeldes bei uns im Laufe von rund sieben Jahrhunderten verändert.

Soweit nachgewiesen werden konnte, datiert der Beginn des Trinkgeldgebens in Deutschland auf das 14. Jahrhundert. Als Dank für Gefälligkeiten und Dienste warfen die Herrschaften dem niederen Personal ein paar Münzen zu Boden gingen davon aus, dass diese damit nichts besseres anzustellen wussten, als sie zu vertrinken. Möchte man dem Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm Glaube schenken, wurde das deutsche Trinkgeld sogar als „drink-money“ ins Englische und „trinkguelte“ ins Französische übernommen.


Fakt ist: In vielen europäischen Ländern war es bereits im Mittelalter üblich, die Dienstleistungen von Handwerkern, Boten, Helfern, Dienern oder Kellnern mit einem frei-
willigen und frei gewählten Geldbetrag zu honorieren. Wobei zu ergänzen ist, dass dabei die Grenzen zwischen „Honorieren“ und „Bestechen“ nicht immer eindeutig waren. Statt tatsächlich die Dienste angemessen zu würdigen, galt es vielmehr sich Loyalität und Exklusivität zu erkaufen.

Auch in der Gegenwart stolpert man noch über diese 
Ambivalenz. Im US-Amerikanischen zum Beispiel ist der Begriff „Tip“ gebräuchlich, der auch hierzulande zunehmend Verwendung findet. Während der Historiker Kerry Segrave davon überzeugt ist, dass das englische Wort „Tip“ von „to tipple“ („trinken“) kommt und damit in der gleichen Tradition wie im Deutschen steht, halten sich noch immer wacker Gerüchte, dass sich hinter dem Begriff viel eher „to insure promptness“ („Unverzüglichkeit sicherstellen“) verbirgt.

In der Tat war es im anglo-amerikanischen Kulturraum einst üblich den Tip bereits beim Betreten des Lokals zu entrichten. Erst allmählich entwickelte sich die Gepflogenheit, erst die Qualität des Service abzuwarten und dann im Anschluss entsprechend zu „tippen“.

Diese Sitte hat sich über die Jahre derart eingebrannt, dass das Trinkgeld vor allem in der Gastronomie in vielen Ländern zu einer entscheidenden Einnahmequelle geworden ist. Von einer Geste entwickelte es sich so zu einem Anrecht. Vor allem in den USA nahm diese Entwicklung in den letzten Jahren Züge an, welche die Amerikaner selbst mittlerweile verschrecken. „Tipping“, also Trinkgeldgeben, ist längst über die klassische Gastronomie hinaus gewachsen. Selbst in Coffee Shops, in denen es keinen Tisch-Service mehr gibt, sind Tip Boxes seit Jahren Alltag.


Wurde anfangs kleines Wechselgeld hineingeworfen, standen irgendwann Schilder mit der indirekten formulierten Aufforderung „We appreciate your tip“ („Vielen Dank für Ihr Trinkgeld“) daneben. In jüngster Zeit ist man nicht nur in der Formulierung des Schildes fordernder geworden („Tipping is not a city in China“), sondern drängt den Kunden mit kleinen Tricks zu höheren Beträgen. So werden dem Gast beim Bezahlvorgang per Kreditkarte zum Beispiel Beträge als Auswahlmöglichkeiten direkt angeboten. Mit einem Tastendruck ist dieser Betrag gleich mitabgebucht.

Den US-Amerikanern ist der ständige und aufdringliche Wunsch nach einem Tip mittlerweile selbst zu viel geworden. Sie beklagen die Entwicklung und fürchten damit eine Abwertung sämtlicher Dienstleistungsberufe und sogar die Folge sinkender Grundlöhne. Der Historiker Kerry Segrave, der sich intensiv mit dem Thema „Tipping“ beschäftigte, ruft in seinen Arbeiten zum Trinkgeld in Erinnerung, dass dieses anfangs als undemokratisch und damit unamerikanisch empfunden wurde. Nur Sklaven wurden mit einem Tip abgetan, eine vornehme Geste sei es keineswegs gewesen. Und so genormt wie es sich gegenwärtig im Alltag beobachten lässt, ist es auch heute von einem edlen Ausdruck des Danks weit entfernt.

Doch wie damit umgehen? Ist Trinkgeld einfach als Zusatzzahlung zu akzeptieren? Oder ist es als fast schon abwertende Geste gar grundlegend zu überdenken?

Einblicke in den Berufsalltag von Gastronomen helfen weiter. Marc Hofbauer ist General Manager im Restaurant „Yew Seafood + Bar“ des Four Seasons in Vancouver. In seiner Karriere arbeitete er bereits in mehreren Hochkarätern der Fine Dining Restaurant-Szene in London, New York, den Seychellen, La Réunion oder auf einem Kreuzfahrtschiff. In dieser Zeit bediente er nicht nur unzählige Kunden aus sämtlichen Kulturkreisen, er lernte auch unterschiedliche kulturelle Normen kennen. Seine doch so überraschend simple Erkenntnis: „Trinkgeld bekommt man oder nicht. Eigentlich relativ einfach.“

Auch trotz seines Ursprungs wird Trinkgeld selbstverständlich keineswegs als abwertend wahrgenommen, sondern ist gern gesehen. Die Art und Weise wie das Trinkgeld entrichtet wird, kann jedoch entscheiden, ob es positiv wahrgenommen wird. Institutionalisiertes Tipping wie in den erwähnten US-amerikanischen Coffee Shops raubt Gästen die Möglichkeit auf ein Geben mit Stil komplett. Der Gast wird in gewisser Weise entmündigt.

In welche Richtung sich das Tipping jedoch entwickelt, liegt allein in den Händen der Gäste. Denn Normen wie diese werden nicht aufoktroyiert. Sie werden durch das alltägliche Handeln der Gemeinschaft geschaffen. Mit jeder Rechnung haben wir also die Möglichkeit, zu entscheiden: Lassen wir aus dem ursprünglichen, wörtlich und damit abwertend gemeinten „Trinkgeld“ eine kultivierte Art Danke zu sagen heranwachsen? Oder ergeben wir uns dem Drängeln nach einer Zusatzzahlung in Höhe von 5, 10 oder gar 20 % des Rechnungsbetrags und lassen so die Herausbildung eines genormten Kostenpunkts zu.

Wollen wir dem Trinkgeld seinen kulturell wertvollen Aspekt nicht gänzlich entziehen, sollten wir der Frage nachgehen, was das „Geben mit Stil“ überhaupt ausmacht. Marc Hofbauer fasst es mit einem griffigen Grundsatz zusammen: „Über Trinkgeld spricht man nicht, man zeigt es nicht und erwähnt es auch nicht.“

Natürlich gibt es ungeschriebene Gesetze und Gepflogenheiten. In jedem Reiseführer lässt sich nachlesen, wie viel Prozent der Rechnung üblich sind. Doch das kleine Wörtchen „üblich“ darf man durchaus ernst nehmen. Es ist weder Regel, noch Gesetz. Es ist allein die Qualität des Service, die entscheidet, wie hoch das Trinkgeld wirklich ausfällt. Die „übliche“ Prozentangabe ist vielmehr als Durchschnitt zu betrachten. War der Service überdurchschnittlich gut, spricht nichts dagegen mehr zu geben – im Gegenteil!

Nach oben gibt es jedoch durchaus Grenzen. Ist das Trinkgeld zu üppig, ist dies dem Kellner nicht nur unangenehm, es kann ihn auch ernsthaft in Bedrängnis bringen. „Auf dem Kreuzfahrtschiff hatten wir mal den Fall, dass ein Kollege von einem Gast einen 500-Euro-Schein als Trinkgeld bekam. Für einen Moment dachte er nicht nach und warf im Anschluss vor den Augen seiner Kollegen einen Blick darauf. Das macht man nicht. Denn Neid und Missgunst kommen da schnell auf. Auch wenn sich die Kellner in dem Moment natürlich freuen – für den gesamten Ablauf im Restaurant wäre es besser, wenn Tips solch außergewöhnlicher Größenordnung gar nicht vorkommen.“

„Zu viel Tip entgegenzunehmen, vielleicht auch noch zur falschen Zeit, am falschen Ort, ein freundliches Lächeln für die Kamera und dergleichen kann dich deinen Job kosten“, erklärt Marc.


Auf der anderen Seite gibt es aber auch Gäste, die Rechnungen in Höhe von 299 Euro auf 300 Euro aufrunden. Ein solcher Betrag steht in keinem Verhältnis und ist viel eher als Fauxpas zu werten als gänzlich auf Trinkgeld zu verzichten – natürlich nur für den Fall, dass man nicht zufrieden war. „In der gehobenen Gastronomie ist es von Haus aus Standard, kein Trinkgeld zu geben, wenn man nicht zufrieden war. Wir, die wir selbst in der Gastro arbeiten, machen das nicht anders, wenn wir ausgehen“, erzählt Marc.

Dass sich über zu wenig oder fehlendes Trinkgeld beklagt wird, komme natürlich vor, gesteht Marc. Doch mit einem Erlebnis eines Kollegen macht er klar, dass dies nicht der Standard sei, den sich anspruchsvolle Restaurants setzen: „Ein Manager-Kollege wollte sich mit einem Kellner solidarisch zeigen. Dieser hatte bei einer 2.436-Dollar-Rechnung lediglich 14 Dollar Trinkgeld bekommen. Der Manager erkundigte sich daraufhin freundlich und diskret, ob auch wirklich alles nach Wunsch und Geschmack des Gastes war. Der Gast merkte, dass es aufs Trinkgeld hinauslief und beschwerte sich. Tags drauf war der Manager seinen Job los! Die Moral von der Geschichte: Don’t mess around with tips!“

Das Gleiche gilt jedoch auch für den Gast: Denn wie diese Anekdote zeigt, ist das Verhältnis zwischen Kellner und Gast sehr sensibel. Vermutlich war der Herr sehr wohl zufrieden mit dem Service. Doch die Nachfrage nach dem Trinkgeld empfand er als aufdringlich und schon bekommt der Besuch im letzten Moment eine unschöne Note. Um auszudrücken, dass man mit dem Service zufrieden war, reicht ein Trinkgeld kaum aus. Denn die Höhe des Betrags fungiert nicht im Sinne einer Schulnote.

Hinzu kommt: Guter Service ist etwas Zwischenmenschliches. Ein guter Kellner arbeitet daher nicht standardisiert. Stattdessen geht er auf die Wünsche seiner Gäste ein und versucht sich in sie hineinzuversetzen. Was fehlt? Was könnte gefallen? Womit könnte man überraschen? Ebenso persönlich wie er einem entgegentritt, sollte man demnach auch ihm entgegentreten. Mit einem kommentarlosen Aufschlagen von 10% begegnet man den Leistungen des Kellners nicht auf Augenhöhe. Ein paar dankende persönliche Worte, dazu ein Blick in die Augen, werten das Trinkgeld zu dem auf, was es sein sollte: ein stilvolles, ehrliches Dankeschön.