VINCENT CASSEL – “Man muss den Schritt ins Ungewisse wagen!“

Text: Alex Gernandt

In “Gauguin“ spielt Vincent Cassel (50) den Maler Paul Gauguin (1848 – 1903), Wegbereiter des Expressionismus und Avantgardist der Moderne, der um 1891 seine Familie in Frankreich zurückließ, um in der Wildnis im fernen Tahiti ein neues Leben zu beginnen. Wir trafen den französischen Superstar im Pariser Mama Shelter-Hotel zum Exklusiv-Interview, unweit des 18. Arrondisements, wo Cassel einst aufwuchs.

RIZE: Monsieur Cassel, in Ihrem neuen Film (“Gauguin“) spielen Sie den bedeutenden französischen Maler Paul Gauguin. Was hat Sie an dieser historischen Figur gereizt?

Vincent Cassel: Gauguin war ein faszinierender Mensch, ein besessener Künstler, der sogar seine Familie in Frankreich zurückließ, um in Tahiti ein neues Leben anzufangen, weil er in seiner Heimat nicht die erhoffte Anerkennung bekam und sich unverstanden fühlte. Es hat mich interessiert, in dieses Leben einzutauchen und seine Art der Malerei zu studieren. Der Film zeigt die spannendste Episode seines Schaffens. Für die Rolle habe ich eigens Malen gelernt.

RIZE: Was war für Sie das Besondere an Gauguin?

Cassel: Seine Radikalität! Er verlässt die Zivilisation, um im Dschungel zu leben und dort Inspiration zu finden. Er kämpft mit Einsamkeit, Hunger und Krankheit. Während Erkundungstouren über die Insel trifft er eine junge Eingeborene, Tehura, die seine Muse und auch Modell seiner bekanntesten Gemälde wird. Als freier Mann in der Wildnis, fernab von Politik und Regeln einer zivilisierten Welt, entwickelt er einen neuen Stil des Malens. Seine Südseebilder sind Ausdruck dieser Sehnsucht nach dem Paradies, das er in Tahiti gefunden zu haben glaubte.

RIZE: Der Film entstand an Originalschauplätzen. Wie haben Sie die Dreharbeiten in der Südsee erlebt?

Cassel: Wir haben zwei Monate auf Tahiti verbracht, ohne Unterbrechung. Das war eine sehr intensive Zeit. Paris ist eben einfach zu weit entfernt, um mal zwischendurch für ein paar Tage zurück in die Zivilisation zu jetten. Aber ich wollte schon immer mal die Südsee sehen. Als Schauspieler ist man meist nie für längere Zeit an einem Fleck, die zwei Monate waren eine willkommene Abwechslung. Die ganze Zeit über an der Location, das tat dem Film gut, denn man bleibt immerzu in der Rolle, schaltet nie ab. Wenn ich etwa in Paris drehe, gehe ich abends nach Hause in meine Wohnung und habe Feierabend. Bei “Gauguin“ ging das nicht. War für mich okay.

RIZE: Gauguin musste sich in Tahiti durchkämpfen, ging bis an die Grenzen der körperlichen Erschöpfung. Die Dreharbeiten müssen Ihnen einiges abverlangt haben…

Cassel: Der Dreh war körperlich auch mal anspruchsvoll, aber machbar. Es machte mir nichts aus, dass es auf der Insel kaum Komfort gab. Wir Schauspieler hatten keine Trailer, in die wir uns in Pausen zurückziehen und relaxen konnten. Na und? Ich habe in einer Hängematte geschlafen und fand das cool. Wir haben dort sehr einfach gelebt, zu Essen gab’s frischen Fisch und viele Früchte, dazu Wasser und kaum Alkohol. Schöner Nebeneffekt: ich habe während der Dreharbeiten sechs Kilo abgespeckt. Jetzt wiege ich 74 Kilo und fühle mich fitter denn je.

RIZE: Wie gingen Sie an Ihre Rolle ran? Mussten Sie sich speziell vorbereiten?

Cassel: Ich habe in Paris mit einigen Malern gesprochen, mir Maltechniken beibringen lassen und mir erklären lassen, inwiefern Gauguin die Malerei damals revolutioniert hat. Ich habe Briefe gelesen, die Gauguin geschrieben hat und ich war natürlich auch in einigen Museen wie dem Musee d’Orsay und habe mir dort Gauguins Werke in natura angesehen. Ich habe versucht, soviele Informationen wie möglich über Gauguin zu sammeln, um ihn realistisch darstellen zu können. In Vorbereitung für diesen Film habe ich jede Menge Bilder gemalt und ich dachte, ich würde auch nach Drehende damit weitermachen, aber ich habe jetzt nicht mehr den Drang dazu.

RIZE: Sie bedienen schauspielerisch ein breites Spektrum zwischen Hollywoodfilmen und preisgekröntem Arthaus-Kino, von “Hass – La Haine“ über “Die purpurnen Flüsse“, “Elizabeth“, “Ocean’s 12“, “Black Swan“ und “Eine dunkle Begierde“ bis zu “Der Vater meiner besten Freundin“. Legen Sie Wert darauf?

Cassel: Ja, ist mir wichtig! Ich will auf keinen Stereotyp festgelegt sein. Immer für denselben Typus engagiert zu werden, non, merci! Abwechslung ist mir wichtig für meine Karriere, ich verbringe schließlich die meiste Zeit mit meinem Beruf. Und, ganz ehrlich, auch ich muss meine Rechnungen bezahlen. Wenn man immer nur künstlerisch hochanspruchsvolle Filme dreht, die an der Kinokasse aber nicht genug Geld einspielen, rufen dich die Produzenten bald nicht mehr an. Dann wirst du zum Kassengift. Tödlich.

RIZE: Nach welchen Kriterien suchen Sie sich Ihre Rollen aus?

Cassel: Geld hat für mich dabei noch nie die primäre Rolle gespielt. Es ist zwar auch nicht unwichtig, aber niemals der Hauptgrund. Wichtiger ist für mich, wer der Regisseur ist. Denn: Wenn das Drehbuch nicht brillant ist, aber der Regisseur, kann dennoch ein guter Film dabei rauskommen. Ist das Drehbuch sehr gut, aber der Regisseur nicht, wird es sicher kein guter Film!
Mir kommt es auf die Vision der Regisseurs an. Ich muss fühlen können, ob er das Talent, die Mittel und die Entschlossenheit dazu hat, eine spannende Story zu erzählen. Nur dann ist es es wert, eine Rolle anzunehmen und eine gewisse Zeit seines Lebens dafür zu opfern. Außerdem ist mir natürlich wichtig, was für einen Charakter ich spielen soll. Erst an dritter Stelle steht für mich das Geld!

RIZE: Sie haben mit namhaften Regisseuren wie Mathieu Kassovitz, Gaspar Noé, Xavier Dolan und Darren Aronosfsky gedreht. Wie kamen Sie mit “Gauguin“-Regisseur Edouard Deluc zusammen, der zuvor erst einen großen Film gedreht hatte?

Cassel: Ich habe von seinem Projekt “Gauguin“ gehört und mich daraufhin mit ihm in Paris getroffen. Und mir im Vorfeld seinen ersten Film “Welcome To Argentina“ angesehen, denn ich kannte seine Arbeit nicht. Mir hat gefallen, mit welcher Leidenschaft er von “Gauguin“ sprachen. Und dann merkte ich, dass es eine Verbindung gibt zwischen Paul Gauguin, Edouard und mir…

RIZE: Inwiefern?

Cassel: Wir alle mussten an einem Punkt in unserem Leben unsere Heimat Frankreich verlassen, um uns weiterzuentwickeln! Gauguin zog es nach Französisch-Polynesien, nach Tahiti, Edouard wanderte nach Argentinien aus und ich ging vor einigen Jahren nach Rio de Janeiro. Uns drei verbindet, dass wir den Mut hatten, diesen Schritt ins Ungewisse zu wagen. Viele Menschen träumen davon, mal woanders zu leben, neu anzufangen. Aber die wenigsten trauen sich, es auch zu tun. Wobei ich einräumen muss: Ich bin nicht wie Gauguin aus Frankreich geflüchtet – und ich bin Business Class geflogen (lacht). Ich hatte es also deutlich besser.

RIZE: Trotz Ihrer Rollenvielfalt spielen Sie immer wieder harte Typen und “bad guys“. Wie kommt’s?

Cassel: Es macht mir einfach großen Spaß, solche Charaktere zu spielen, besonders wenn ich es schaffe, dass der Zuschauer eine gewisse Empathie für sie empfindet. In Hollywood, wo gern kategorisiert wird, werden diese Typen “villains“, Schurken genannt – in jedem Film muss es einen geben. In meinen Augen sind das aber gar keine reine Schurken, sondern schwierige Typen mit komplexem Charakter. Vinz, meine Rolle in “Hass – La Haine“ ist kein Gangster, er ist einfach ein verunsichertes Kind. Der Mafiasohn, den ich in “Eastern Promises – Tödliche Versprechen“ spiele, ist ein Verlorener und Thomas Leroy, der vermeintlich fiese Choreograph in “Black Swan“ ist ein Mann, der bedingungslos für seine Kunst lebt und alles dafür gibt, ein “heavy professional“, den man verstehen muss. Mein Job ist es, diese Figuren zu ergründen.

RIZE: Sie leben heute in Rio de Janeiro. Was begeistert Sie an dieser Stadt?

Cassel: Rio ist einfach faszinierend, es herrscht dort eine unglaubliche Lebenslust, ganz anders als in Paris, das im Vergleich deutlich aggressiver ist und ziemlich grau. Ich war von Rio auf Anhieb begeistert, als ich 1989 erstmals dort war. Ich mag den Sound, den man dort an jeder Ecke hört, Samba und Bossanova, etwa von Carlos Jobim oder Gilberto Gil. Diesen Rhythmus spürt man überall. Die Stadt ist trotz ihrer offensichtlichen Probleme voll mit Träumen und Ideen, nicht nur für einen Gringo wie mich. Selbst die Ärmsten der Armen lieben ihre Stadt. Trotzdem werde ich im Herzen immer Franzose bleiben, ich bin Pariser durch und durch.