100 Tage Amazonien

Meine Reise zu den Hütern des Waldes. Im Land seiner ersten Liebe dokumentiert ein Mann die Zerstörung des Paradieses – und wie sich seine Bewohner dagegen behaupten.

Sie hieß Eva, lebte im Paradies und war im Jahr 1993 meine erste große Liebe. Eine venezolanische Schönheit mit dunklen Haaren und noch dunkleren Augen. Sie das Indianermädchen, ich der fünfzehnjährige Deutsche, der kurz zuvor noch mit Playmobil gespielt hatte. Als ich noch mit meinen Eltern verreiste, wie eben damals nach Venezuela, hörte man in den Medien viel über die Bedrohung der letzten indigenen Völker. Das ist längst vorbei. Die Probleme unserer Zeit sind zu vielfältig geworden. Nur noch im Begriff „Klimawandel“ schwingt mit, dass da doch irgendetwas war mit dem Regenwald in Südamerika. Mit meiner Reise und meinen Fotos wollte ich neue Aufmerksamkeit schaffen. Und ich wollte Eva wiederfinden. Im Juni 2015 bin ich also zurückgegangen nach Amazonien – nach Peru, Brasilien, Ecuador und Venezuela. Ich traf dort auf Dorfbewohner, die das Gold- und Diamantenschürfen arm statt reich machte. Völker, die vergessen hatten, wie man mit Pfeil und Bogen jagt, weil Missionare sie mit Patronen versorgten. Andere, die sich tief in den Wald zurückzogen, um den Einflüssen der Industrie zu entkommen. Durch ihre angestammten Gebiete winden sich heute öl- und quecksilberverseuchte Flüsse. Aber ich fand auch Menschen, die zuvor kaum jemanden aus der zivilisierten Welt gesehen hatten, z.B. die Matsés in Peru: Die Jüngeren wohnen am Wasser, wo Menschen von außerhalb sie leichter erreichen, und reisen auch mal in die Städte. Aber die Älteren leben noch immer im Dschungel, autark und traditionell, ohne jeden Einfluss von Zivilisation. Von den letzten erreichbaren Städten aus bin ich meist mit kleinen Flugzeugen in die Waldgebiete geflogen. Von da aus ging es mit dem Kanu weiter. Wochenlang. Da der Boden zu dieser Zeit im Amazonasgebiet fast überall überschwemmt ist, sind Boote die beste Art, um sich fortzubewegen. Aber auch zu Fuß haben wir viel Strecke gemacht. Es ist unglaublich hart, den Dschungel zu durchqueren, mit ein paar Macheten und jeder Menge Equipment. Ohne mein aufopferungsvolles Expeditionsteam, das ich in den jeweiligen Ländern vor Ort zusammenstellte, hätte ich das alles niemals geschafft!

Die Annäherung an isoliert lebende Menschen ist äußert risikoreich und sollte nicht nachgeahmt werden. In meinem Fall wollte ich aufklärende Arbeit leisten, um so im Nachhinein auf die bedrohte Existenz der Menschen im Regenwald aufmerksam zu machen. Meist haben wir uns mit Dutzenden Kilos Hilfsgütern ins Outback vorgearbeitet. Die Menschen leiden noch heute an den von Ölarbeitern und Missionaren eingeschleppten Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und Hepatitis. Unser Team war bemüht, mit Medikamenten soviel Hilfestellung wie möglich zu geben, ohne dabei neue Probleme zu schaffen. Es dürfen keine Abhängigkeiten geschaffen werden. Dadurch nimmt man diesen Völkern nur noch mehr von ihrer Selbständigkeit.

Anders herum war ich sehr aufgeschlossen und natürlich neugierig, was die Traditionen dieser Menschen anging.

Ich habe mich, genau wie es die Jäger der Matses in Peru vor jeder Jagd tun, einem uralten Ritual unterzogen. Dabei wurde das Gift des grünen Baumfrosches auf drei Brandwunden aufgetragen, die mir extra dafür zugefügt worden waren. Ist das Toxin erst einmal im Körper, setzt schlagartig eine Abwehrreaktion ein, die man wirklich nicht so schnell vergisst. Aber hat man das Gröbste überstanden, sind die Sinne über Stunden hinweg geschärft und man fühlt sich stärker und ausdauernder als je zuvor. Für die nächtliche Jagd ein äußerst effektiver Bonus. Das Wissen um diese uralten Methoden, ob sie nun den Körper stärken, Wunden heilen oder der Jagd dienen, hat mich jedes Mal aufs Neue beeindruckt. Es ist ein Leben in Einklang mit der Umwelt, wie wir es uns nicht einmal mehr vorstellen können. Der westliche Trend, zurück zur Natur zu finden und z.B. wieder einheimische Lebensmittel zu kaufen, zeigt,das viele von uns bewusster leben wollen.

Mit meinem Buch hoffe ich, die Menschen wieder ein wenig auf die Problematiken des Regenwaldes sensibilisieren zu können. Es gibt so viel Schönes und Fantastisches da draußen. Und es gibt Menschen, die seit ewiger Zeit in einer nahezu perfekten Symbiose mit der Natur leben. Dies alles drohen wir zu verlieren, wenn nicht bald etwas getan wird. Vom Klimawandel ganz zu schweigen.

Wenn wir die indigenen Völker nicht beschützen und ihre Territorien nicht respektieren, wird es in einigen Jahren schon zu spät sein. Dann können wir von niemandem mehr lernen und Jahrhunderte altes Wissen wird verloren gegangen sein.

Was meine erste Liebe Eva anbelangt, so habe ich zumindest Ihr Dorf wiedergefunden. Die Menschen dort erinnerten sich an unsere Geschichte. Durch sie konnte ich Eva erreichen – über Facebook. Von dem einstigen Paradies ist in Venezuela leider nicht mehr viel übrig. Das gebeutelte Land steht am Rande einer Revolution. Die Menschen fliehen und auch Eva hat den Regenwald verlassen. Aber wir schreiben uns heute und werden uns schon bald wiedersehen. Sie lebt jetzt mit ihrer Familie auf den Kanarischen Inseln.