CHER

CHER

CHER –
GODDESS OF POP

Seit über 50 Jahren behauptet sich Cher als Sängerin und Schauspielerin im Showbiz – mit starker Stimme und freizügigen Outfits. Die Oscar-, Grammy- und Emmy-Gewinnerin durchlebte dabei alle Höhen und Tiefen. Geboren wurde Cher am 20. Mai 1946 als Cherilyn Sarkisian in El Centro, Kalifornien. Sie ist väterlicherseits armenischer und mütterlicherseits deutsch-irisch-englisch-französisch und Cherokee-indianischer Abstammung. Ab 1965 war sie mit ihrem Partner Sonny Bono († 1998) als “Sonny & Cher“ und Hits wie “I got you Babe“ erfolgreich, später solo und als Schauspielerin. Für den Film “Mondsüchtig“ (1987) gewann sie einen Oscar. Als Sängerin wurde sie für ihre stoffarmen Outfits und Hits wie “If I could turn back Time“ oder “Believe“ bekannt. Für Aufsehen sorgte 2010 die Geschlechtsumwandlung ihrer Tochter Chastity, fortan Chaz. Auf ihrem neuen Album “Dancing Queen“ singt Cher jetzt die Hits von ABBA, im Kino ist sie in der Komödie “Mamma Mia 2“ zu sehen. Sie lebt in Malibu, Hollywood und Miami. Hier spricht die 72jährige über Kinderträume, Geschlechts-umwandlungen, Ärger mit der US Navy und die Magie von ABBA.

Interview: Alex Gernandt
Fotos: Machado Cicala

RIZE: Cher, seit 50 Jahren stehen Sie erfolgreich auf der Bühne und werden “Goddess of Pop“ genannt. Kaum zu glauben, dass aus der Kleinstadt El Centro an der Grenze zu Mexiko, in der Sie 1946 zur Welt kamen, eine Showgöttin kommt…

Cher: Verständlich. El Centro ist ein wirklich trister Ort, alles andere als glamourös. Da half auch der Slogan “Where the sun spends the winter“ (dt.: Wo die Sonne den Winter verbringt) nichts. Gott sei Dank sind wir bald weggezogen, nachdem sich meine Mutter von meinem Vater, einem notorischen Trinker, getrennt hatte. Großgeworden bin ich in der Gegend um Los Angeles, deutlich näher am Puls des Showbiz. Wir lebten im San Fernando Valley, in Encino, Studio City und auch mal in Hollywood. 

Ihre Mutter Georgia, heute 92, war selbst Model und Sängerin. Ihr Vorbild, was die berufliche Zukunftsplanung anbetraf?

Ganz klar. Mit vier oder fünf ging sie mit mir ins berühmte Grauman’s Chinese Theatre in Hollywood. Dort sahen wir zunächst den Zeichentrickfilm “Dumbo, der fliegende Elefant“ und dann “Cinderella“. Kind, sagte sie mir, Dumbo kannst du nicht werden, wohl aber Cinderella. Werde Cinderella, also Aschenputtel! Das war genau, was ich wollte. Schon damals habe ich es geliebt, mich zu verkleiden und in andere Rolle zu schlüpfen. 

Sie heißen bürgerlich Cherilyn Sarkisian, haben väterlicherseits armenische Wurzeln und mütterlicherseits englisch, irische, deutsche und cherokee-indianische. Haben Sie mal vermeintlich deutsche Eigenschaften an sich entdeckt?

Nicht dass ich wüsste. Die deutsche Seite kommt von meiner Großmutter, die hieß mit Mädchennamen Gulley und lebte irgendwo in der Diaspora zwischen Missouri und Arkansas. Ich habe leider nie erfahren, woher in Deutschland sie ursprünglich stammte.

Und wie steht es um die indianische Seite? Immerhin wurde Ihnen der Song “Half-Breed“ (dt.: Halbblut) auf den Leib geschrieben, ein großer Hit Mitte der Siebziger, in dessen Video Sie als Indianersquaw auftreten. Hatten Sie bei den verschiedenen Einflüssen jemals eine Identitätskrise?

Nie. In Amerika hat jeder unterschiedlichste Wurzeln, europäische, asiatische, afrikanische oder eben indianische. Das macht das Land ja aus. Für mich war das nie ein Problem. Ich fühlte mich schon immer als Amerikanerin.

Auf Ihrem neuen Album “Dancing Queen“ singen Sie Hits von Schweden: ABBA! Dabei waren die in den USA nie so populär wie im Rest der Welt. Wie kamen Sie darauf?

Ich mochte ihre Songs schon immer, “Mamma Mia“, “Waterloo“ und “Dancing Queen“, der einzige Nr.1-Hit von ABBA in Amerika. Und mir gefiel der Film “Muriels Hochzeit“, in dem Toni Collette als Muriel zu Klängen von ABBA von einer Märchenhochzeit träumt. Dabei wurde mir wieder bewusst, wie großartig diese Band war. Das ABBA-Musical habe ich mir dreimal angesehen und der erste “Mamma mia“-Film hat mir auch gefallen. Nie hätte ich gedacht, dass ich im zweiten Teil, “Here we go again“, mitspielen würde…

...als blondierte Mutter von Meryl Streep!

Ich schwebe per Helikopter ein und singe für Andy Garcia “Fernando“. Das hat doch was! Der Chef von Universal Pictures, einer meiner engsten Freunde, rief mich eines Tages an, und meinte nur: Hi Cher, du spielst in “Mamma Mia 2“ mit. Dann legte er auf, ohne meine Reaktion abzuwarten. Ich dachte mir: okay

Bei der Film-Premiere in London küssten Sie Meryl Streep demonstrativ auf den Mund. War das inszeniert, als bewusstes Statement in Richtung Ihrer großen LGBT-Zielgruppe?

Nein, das war eine spontane Aktion. Mit sowas muss man bei mir rechnen (lacht). Meryl ist eine meiner besten Freundinnen, der Kuss kam aus einem Gefühl heraus. Sie stand hinter mir, ich drehte mich um und drückte ihr einfach einen auf.

Wie haben ABBA auf das Album reagiert? Die Herren Andersson und Ulvaeus gelten als besonders protektiv, was ihr musikalisches Erbe angeht…

Sie waren begeistert. Meine Versionen von “Fernando“ und “Super Trouper“ für “Mamma mia 2“ hatten Benny und Björn gut gefallen und meine Idee, ein komplettes Album mit ABBA-Hits zu machen, unterstützten sie. Das Ganze begann mit meiner Freundin Judy Craymer, der Produzentin der “Mamma mia“-Filme. Sie spielte den beiden mein Demo der Ballade “One of us“ vor, das ich aufgenommen hatte, weil es mein absolutes Lieblingslied von ABBA ist. Dafür gab es von beiden Daumen hoch und los ging’s.

Madonna sampelte ABBAs “Gimme Gimme Gimme“ in “Hung up“ und landete damit 2005 einen weltweiten Nummer-eins-Hit. Gehen Sie mit dem ABBA-Album chartsmäßig auf Nummer sicher?

Nicht wirklich. Denn als ich das Projekt anging, merkte ich erst, wie komplex die ABBA-Musik ist. Das sind nicht nur einfach nette Popsongs, auch wenn sie sich im Radio so anhören mögen. Und die beiden Mädels sind große Sängerinnen. Es war also eine echte Herausforderung, die ich zu meistern hatte. Man kann die Songs nicht besser machen, ich kann ihnen nur eine Cher-Note verpassen. 

Sexappeal ist ein Attribut, das - zu recht - mit Ihnen in Verbindung gebracht wird. Auch die ABBA-Girls galten als sexy…

… wenn auch der Sexappeal von Agnetha und Anni-Frid ein anderer war, eher clean, lieb und harmlos, eben angepasst an die Siebziger. Ich denke, mein Sex ist deutlich gewagter, fordernder und heißer (lacht). Mir macht es noch heute Spaß, Vollgas zu geben.

Auf dem Albumcover von “Dancing Queen“ sind Sie blond und dunkelhaarig zu sehen, eine Hommage an die ABBA-Girls. Fühlen Sie sich mit blonder Mähne anders als mit schwarzer?

Cher is Cher! Da spielt die Haarfarbe keine Rolle. Schwarz ist meine natürliche Farbe, aber auf der Bühne trage ich auch rot, blond, silber und pink. Ich besitze Dutzende Perücken. Ich liebe die Verwandlung – und meine Fans erwarten das auch von mir.
Mal spiele ich für sie den Clown, mal den sexy Vamp. 

Sie sind eine Meisterin des Neu-Erfindens: Sie waren mit Folk-Sound erfolgreich, in den Achtzigern mit Hardrock und Ende der Neunziger landeten Sie mit “Believe“ und Disco-Sound den größten Hit Ihrer Karriere.

Dabei bin ich kurz vor “Believe“ von meiner alten Plattenfirma gefeuert worden. Ist das zu glauben? Der Hit war die beste Revanche. Ich wollte eigentlich mit der Musik endgültig aufhören. Es war bereits das zweite Mal. Schon in den Achtzigern hatte ich keine Lust mehr zu singen, wollte nur noch schauspielern. Ich hatte ja erfolgreiche Filme gedreht wie “Die Hexen von Eastwick“, “Silkwood“, “Die Maske“ und für “Mondsüchtig“ sogar einen Oscar bekommen. Doch dann traf ich den Musikmanager John Kalodner, der für David Geffen und dessen Label Geffen Records arbeitete (vor dessen Outing war Cher in den 70ern mit Geffen liiert – Anm. des Autors). John war überzeugt, ich hätte noch jede Menge Songs in mir und überredete mich zum Weitersingen. Gute Entscheidung. Auch vor “Believe“ hatte ich keinen Bock mehr. Mein neuer Plattenboss hatte die Idee zu einem Disco-Album. Absolutely not, war meine erste Reaktion. Dann schickte er mir ein paar Songs, die ich singen sollte – und die gefielen mir.

Ihre Karriere haben Sie eigentlich Ihrem Lover und Entdecker Sonny Bono zu verdanken, richtig?

Absolut. Ich war 16 und wollte ein Star werden, als ich Sonny, eigentlich Salvatore, 1962 in einem Café in L.A. kennenlernte. Er deutlich älter und unheimlich cool. Sonny arbeitete bei dem angesagten Produzenten Phil Spector. Ich war beeindruckt von seinen guten Connections im Musikbusiness. Eines Tag nahm er mich mit in Phils Studio. Die bekannte Sängerin Darlene Love hatte an diesem Tag Probleme mit ihrem Wagen und kam nicht. Da fragte mich Phil: Kannst du singen? Ich nickte und durfte fortan auf Hits wie “Da Do Ron Ron“ von The Crystals, “Be my Baby“ von The Ronettes  und “You’ve Lost That Lovin’ Feelin’“ von den Righteous Brothers im Chor mitsingen. 

Ihre Stimme scheint Spector überzeugt zu haben.

Ja, er ließ mich eine eigene Single aufnehmen, allerdings unter dem Künstlernamen Bonnie Jo Mason, den hatte er sich ausgedacht. Der Song “Ringo, I love you“ wurde ein Flop. Dann versuchte ich es mit Sonny im Duett, zunächst als “Caesar and Cleo“. Doch erst als wir uns Sonny & Cher nannten, funktionierte es. Mit “I got you Babe“ schafften wir 1965 einen Nummer-eins-Hit.

Sie hatten Sonny mittlerweile geheiratet und wurden zu gefeierten Stars mit eigener TV-Show...

… und dann brach die Flower-Power-Ära an! Jeder schlief plötzlich mit jedem, es wurden LSD und Marihuana konsumiert, alle feierten die neue Freiheit – und Sonny und ich waren mit einem Mal out. 

Das ist kaum zu glauben!

Den Hippies waren wir zu bieder und konservativ. Brav verheiratet, treu, gegen Drogen. Ein No-go. Zwei Jahre dauerte unsere Krise, bis man uns eine neue TV-Show anbot. Da lernte ich den Konstümdesigner Bob Mackie kennen, der schon Marlene Dietrich einkleidete. Wir haben uns auf Anhieb verstanden. Ich bat ihn, mir supersexy Outfits zu schneidern, die viel Haut zeigten. Ich fühlte mich wie seine Barbiepuppe und ihm machte das Spaß, denn so freizügig durfte er zuvor nie agieren.

Mackie soll Ihnen mal ein sehr ungewöhnliches Kompliment gemacht haben.

Die “besten Achselhöhlen der Welt“, das ist in der Tat ungewöhnlich (lacht). Hatte mir zuvor noch keiner gesagt.

Waren die “Bieder-Vorwürfe“ Anlass für Sie, künftig umso provokanter aufzutreten?

Vielleicht. Mir war irgendwann nichts mehr peinlich. Je mehr Haut ich zeigen konnte, desto besser.

Ein optisches Highlight war 1989 Ihr transparentes Outfit im Video zu “If I could turn back Time“,
das erstmals die Tattoos auf Ihrem Po offenbarte…

Das gab mächtig Ärger mit der US Navy, denn der Videodreh fand auf der USS Missouri statt (einem Schlachtschiff, das schon 1945 in der Schlacht um Iwojima im Einsatz war – Anm. des Autors). War die Idee des Videoregisseurs. Bob, mein Kostümdesigner bat mich vorher inständig, zu verschweigen, dass er den durchsichtigen Bodystocking fürs Video entworfen hatte, er fand ihn zu obszön. Als mich der Kommandant des Kriegsschiffes in der Aufmachung erblickte, drehte er fast durch, ich könne unmöglich so auf seinem Schiff auftreten. Gut, sagen sie es ihr, meinte mein Manager trocken. Aber der Kommandant hatte nicht die Eier, und so drehten wir. Den Matrosen gefiel’s – bei MTV durfte das Video aber erst ab 21 Uhr gezeigt werden. Und danach wurde nie wieder ein Musikvideo auf einem Schlachtschiff der US Navy gedreht (grinst). 

Cher gilt auch als Synonym für Frauenpower. Sind Sie immer so stark oder gibt es auch etwas, wovor Sie Angst haben?

Angst nicht direkt, aber ich bin noch immer vor jedem Auftritt höllisch nervös und auch, wenn ich von fremden Menschen umgeben bin, etwa bei einer Party. Man mag es kaum glauben, aber ich bin privat ziemlich schüchtern.  

Blicken Sie heute dankbar auf Ihr Leben zurück?

Sehr! Es ist unfassbar, dass das, wovon ich als kleines Mädchen geträumt habe, wirklich wahr geworden ist. Wer hat schon das Glück, in einem Beruf zu arbeiten, bei dem man Applaus geschenkt bekommt. Eine Krankenschwester arbeitet sehr viel härter, aber keiner nimmt das wirklich wahr. Ungerechte Welt.

Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren beiden Kindern?

Gott sei Dank. Ich bin sehr stolz auf sie. Elijah, aus meiner Ehe mit Gregg Allman, ist jetzt 42 und ein toller Musiker. Er stand schon oft als Gitarrist mit mir auf der Bühne. Chaz ist 49 und arbeitet an einem Theater.

Chaz, geboren als Chastity, sorgte mit einer Geschlechtsumwandlung 2010 für Aufsehen. Wie gingen Sie damit um?

Das war nicht einfach und ein langwieriger Prozess. Wir haben immer wieder darüber gesprochen und ich habe mir Sorgen gemacht, was bei dieser Operation auf sie/ihn zukommt. Ich selbst liebe es, Frau zu sein. Angenommen, ich würde morgen als Mann aufwachen, ich ginge sofort zum Arzt, um wieder Frau zu werden. Dieser Gedanke hat mir geholfen, Chaz zu verstehen im Wunsch zur Geschlechtsumwandlung. Ich habe ihn unterstützt. Ihn jetzt so glücklich zu sehen, ist wunderbar.

Ein zentrales Thema Ihrer Songs ist Liebe. Um Ihren Hit “Believe“ zu zitieren: “Glauben Sie an die Liebe nach der Liebe“?

Man sollte die Hoffnung nie aufgeben. Es kann funktionieren. Aber in der heutigen Zeit ist es schwieriger geworden. Social Media ist in vielerlei Hinsicht zum Liebeskiller mutiert. Viele lassen sich von ihrem Smartphone ablenken, schenken dem Partner nicht mehr genug Aufmerksamkeit. Das Ding wird zum Kontrollmedium, es gibt Beweisfotos. Jeder hat heutzutage eine Kamera, that’s a big pain in the ass.
Es macht die Liebe komplizierter als sie ohnehin schon ist. 

Mit Elvis Presley soll es bei Ihnen einst fast zur Liebe gekommen sein.

Es war um 1975, ich war von Sonny geschieden und Single. Elvis ließ mir über seinen Manager mitteilen, er möchte mich gerne kennenlernen und lud mich nach Las Vegas ein, wo er auftrat. Ich fühlte mich geschmeichelt, fand ihn noch immer attraktiv. Aber ich hab mich nicht getraut – und bin nicht hingefahren.

Mit Ihren Shows und spektakulären Kostümen wurden Sie vor Jahren zur Schwulen-Ikone, ein wichtiger Bestandteil Ihres Publikums, richtig?

Ja. Ich bin in den Fünfzigern zum ersten Mal mit Schwulen in Kontakt gekommen, als Amerika noch stockkonservativ war. Zwei Friseure meiner Mutter waren homosexuell und die witzigsten Typen, die ich je erlebte. Berührungsängste hatte ich nie. Ich denke bis heute, gay steht für fun! Ich liebe all meine Fans aus der LGBT-Community, sie haben auch in schweren Zeiten immer zu mir gehalten. Wo wäre ich ohne sie?

Stimmt es, dass man Sie schon mal für Ihre eigene Doppelgängerin hielt?

Stimmt – und ich muss heute noch drüber lachen. Ich war zu Gast auf der Hochzeit eines schwulen Pärchens in Beverly Hills und kam gerade von der Toilette, als mich eine Frau ganz überschwenglich grüßte: Oh my God, you’re the best! Ich dachte mir, wie nett. Dann bat die Lady mich höflich um eine Visitenkarte. Visitenkarte!? Ich war perplex. Da ging mir ein Licht auf: die Dame hielt mich für das beste Cher-Double ever und wollte mich für eine Party buchen. Fand ich sehr, sehr witzig.

Pop Ikone Cher mit Rize Chefredakteur Alex Gernandt