JEAN PIGOZZI

JEAN PIGOZZI

JEAN PIGOZZI

Der Erfinder des Selfies!

Alles begann 1974 auf einer Party in Harvard, Massachussetts. Jean Pigozzi fragte damals eine junge Dame höflich, ob er ein Foto von ihr machen dürfe. Es war die Hollywood-Schauspielerin Faye Dunaway. Sie sagte ja und das besagte Foto wurde kein gewöhnliches Porträt, sondern ein “Selfie“ – denn er war mit im Bild. Seitdem sammelt der Sohn des Simco-Gründers Henri Pigozzi auf exklusiven Partys Selfies und wurde bald selbst Teil der höheren Gesellschaft. Später lud er selbst zu legendären Pool-Partys in seine Villa in Cap D’Antibes, Südfrankreich. Ob Mick Jagger, Jerry Hall, Andy Warhol, Helmut Newton, Catherine Deneuve, Liz Taylor, Bono, Iman oder Clint Eastwood – der internationale Jet Set posierte beim gelassenen Get-together mit dem leidenschaftlichen, italienisch-französischen Kunstsammler, lange bevor es Smartphones gab. In Pigozzis Bildband „Pool Party“ veröffentlicht der Selfie-King viele überraschende, erfrischende Schnappschüsse. RIZE unterhielt sich mit ihm über die Erfindung des Selfies, die internationale Kunstszene und neue Projekte.

Interview: Babak Shahverdi & Alexandra Dobre
Fotos: Jean Pigozzi – Galerie Immagis

Herr Pigozzi, wie kamen Sie damals auf die Idee mit den “Selfies“?

Jean Pigozzi: Vor langer Zeit interessierte ich mich nicht für das geschriebene Wort, also entschied ich mich, lieber Fotografien von allem um mich herum zu machen. Ich machte Aufnahmen von Prominenten, die um mich herum waren, und überraschte die Leute mit einem Selfie, in dem ich mich einfach mit ins Foto stellte…

Wie war die Reaktion darauf?

Gut. Normalerweise machte ich immer nur ein einziges Foto, das geht so schnell, dass die Leute nicht wirklich verstanden, was ich da tat. So war es perfekt.

Heute sind Selfies durch Social Media populär.

Dank des iPhones verbreitete es sich schnell. Dagegen wusste ich selbst früher nicht, was ich genau tat, weil ich die Kamera zum Fotografieren umdrehen musste und nichts vom Motiv sah. Es waren Glücksschüsse.

Mögen Sie den Hype um Instagram, Facebook und Twitter?

Ich glaube es ist eine sehr interessante Entwicklung, weil es jedem eine Stimme gibt. Ich sammle afrikanische Kunst. Einmal fand ich eine junge Künstlerin namens Tony Gum auf Instagram. Sie kommt aus Südafrika und hat keine Galerie, die sie vertritt. Als ich ihre Kunst auf Instagram entdeckte, war jeder von ihren Werken ergriffen, sie war berühmt dank Social Media. Sie brauchte kein Magazin oder keinen PR Agenten. Jeder, der talentiert ist, bekommt eine Stimme im Netz.

Sie haben eine Reihe großartiger Persönlichkeiten an Ihrem Pool zu Gast.
Wie machen Sie das?

Es findet keine gewöhnliche Pool Party wie in Cannes statt, wo Leute ihre Filme promoten und etwas verkaufen wollen. Bei mir zu Hause vermarkte ich meine Gästeliste nicht. Die Feier ist privat, und meine Gäste sind wirklich locker, wenn sie in mein Haus kommen. Sie wissen, dass sie sich nicht darüber sorgen müssen, dass irgendetwas von dem, was sie tun, oder schlechte Fotos von ihnen an die Öffentlichkeit geraten. Darum ist mein Buch „Pool Party“ so stilvoll. Alle Bilder wurden an nur einem Ort aufgenommen, der kleiner als ein Tennisplatz ist. Es gibt kein einziges Foto am Pool.

Gibt es jemanden, den Sie gerne noch einladen würden?

Da gibt es einige Filmregisseure, die ich noch nicht kenne. Ich wünschte, ich hätte Picasso getroffen. Ich würde gerne Putin zu meiner Party einladen, das wäre ein großer Spaß. Ich freue mich immer darauf, neue Menschen kennenzulernen und bin neugierig geblieben.

Als Kunstsammler haben Sie die weltweit größte Sammlung afrikanischer Kunst, die CAAC (The Contemporary African Art Collection) ins Leben gerufen. Es ist eine sehr spezielle Art von Kunst. Wie kam es zu diesem Projekt?

Nicht-westliche zeitgenössische Kunst wurde lange Zeit von der internationalen Kunstbranche ignoriert. Vor 28 Jahren freundete ich mich mit Charles Saatchi, dem interessantesten Kunstsammler der Welt, an. Wir gingen zur Ausstellung „Magiciens de la Terre“, mit westlicher, afrikanischer, indischer und australischer Kunst. Als ich die afrikanische Kunst sah, war ich begeistert. Ich glaubte immer, afrikanische Kunst bestehe nur aus irgendwelchen Holzteilen und Skulpturen, die sonst oft in Museen ausgestellt waren. Aber ich fand überwältigende Gemälde, also rief ich am nächsten Tag das Museum an und wollte sie abkaufen. Leider waren sie unverkäuflich, aber ich könne den Kurator André Magnin treffen, teilte man mir mit. So geschah es und gemeinsam bauten wir dann eine Ausstellung auf, die ein großer Erfolg wurde. Wir brachten den Künstler Bodys Isek Kingelez aus dem Kongo ins MOMA New York. Leider ist er 2015 verstorben. Es war das erste Mal, dass ein zeitgenössischer afrikanischer Künstler eine Ausstellung im MOMA hatte! Darauf wollen wir weiter aufbauen und mehr Ausstellungen dieser Art machen, in diesem bedeutendsten Museum der Welt.

Sie setzen Signale in der globalen Kunstszene: Im Londoner Auktionshaus Sotheby’s wurden auf einer Auktion im Mai 2017 zeitgenössische afrikanische Werke im Wert von 30 Millionen Euro verkauft. Haben Sie weitere Künstler oder Kunsttrends, die Sie verfolgen?

Ich bin von jungen japanischen Künstlern, die nach 1985 geboren sind, fasziniert. Einige davon sind auf meiner Website „Jean Pigozzi Collection“ zu sehen.

Neben Ihrer Leidenschaft für die Kunst sind Sie Geschäftsmann...

Eines der interessantesten Unternehmen, mit denen ich arbeite, ist die „Diamond Foundery“. Wir produzieren Diamanten, die im Silicon Valley angebaut werden. Gerade sind wir dabei, mit der Schmuckbranche zu kooperieren. Viele junge Frauen stossen die menschenunwürdigen Gewinnungs-Bedingungen ab, wie im Film „Blood Diamond“ zu sehen. Die Tendenz geht zu “ökofreundlichen“ Diamanten.

Mit was verbringen Sie Ihre Zeit, wenn Sie gerade nicht an Ihrem Pool liegen oder arbeiten?

Ich betreibe in Panama ein Forschungszentrum, das “Liquid Jungle Lab“. Wir forschen in Meer und Dschungel, unter anderem interessiert uns die Migration der Fische. Wissenschaftler und Studenten aus aller Welt sind in Panama aktiv.

Wie weit würden Sie denn für die Kunst gehen?

Ich habe klare Grenzen. Möglicherweise sind sie bei mir etwas weiter gesteckt, als bei vielen Kollegen. In „Hamlet“ zitiere ich Katja Ebsteins Grand Prix-Hit „Theater“: „Alles ist nur Theater und ist doch auch Wirklichkeit.“ Das ist zu meinem Leitspruch geworden. In dem Moment, in dem ich mich in die Fiktion begebe, wird sie zu meiner Wirklichkeit. Mir geht es einzig um das wahre Erlebnis für mich, nicht um die Illusion. Es gibt Schauspieler, die Tränenstifte benutzen, um die Illusion zu erzeugen, sie würden weinen. Ich tue das nicht, weil ich das Gefühl hätte, diese Traurigkeit gar nicht zu erleben. Ich will diese Trauer als Schauspieler selbst fühlen und nicht nur vortäuschen.

Wie weit würden Sie denn für die Kunst gehen?

Ahmet Ertegun, der legendäre Gründer und Boss der Plattenfirma Atlantic Records, gab ihn mir, als ich 25 Jahre alt war. Er sagte mir drei Dinge: Das Geschäft muss Spaß machen! Gehe niemals vor 12 Uhr ins Büro! Und Frauen lieben die Liebe! Ich versuche immer, diese drei Dinge zu beachten (lacht).

Gibt es noch etwas, das Sie in Zukunft machen wollen?

Das Geheimnis eines aufregenden Lebens liegt darin, neugierig zu bleiben. Jeden Tag versuche ich etwas Neues zu lernen und zu sehen. Letzte Nacht hatte ich einen Event zu meinem Buch in Paris. Danach besuchte ich die Foundation von Giacometti. Es war faszinierend, wenn man sich vorstellt, dass Giacometti nur ein winziges Studio hatte, bis zum Ende seiner Tage. Obwohl er wohlhabend war, blieb er dort, um zu zeigen, dass er in so einem engen Raum arbeiten kann. Kunst-Ausstellungen, Technologie-Entwicklungen und Filme interessieren mich, Literatur und Kulinarik nicht sonderlich…