JULIAN SCHNABEL

JULIAN SCHNABEL

JULIAN SCHNABEL

Auf der Suche nach Antworten

Seit Anfang der 1980er Jahre zählt Julian Schnabel zu den wichtigsten Vertretern des Neo-Expressionismus, der das Publikum mit seinen großformatigen Werken immer wieder fasziniert, wie auch verstört. Und auch auf einer anderen Leinwand tobt sich der 67-jährige Amerikaner gerne aus: Nach Filmen über seinen früh verstorbenen New Yorker Künstlerkollegen Jean-Michel Basquiat, den kubanischen Dichter Reinaldo Arenas oder die Avantgarde-Rock-Ikone Lou Reed widmet sich der exzentrische Maler und Regisseur mit seinem am 18. April anlaufenden Biopic „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ dem Wirken des niederländischen Contemporary Art-Pioniers. Auf dem schmalen Grat zwischen Delirium und Euphorie lässt Schnabel Willem Dafoe in der Rolle des späten Vincent Van Gogh auf der Suche nach dem Sinn des Lebens durch einen fast psychedelischen Bilderrausch stolpern, umschifft dabei jedoch geschickt das gerne genommene Klischee vom wahnsinnigen Genie. RIZE traf Julian Schnabel und seine frisch angetraute Ehefrau, Co-Autorin Louise Kugelberg zum Gespräch.

Interview: Thomas Clausen

RIZE: Mr. Schnabel, was hat Sie nach Filmen über moderne Künstler wie
Basquiat oder Lou Reed an der Person Vincent Van Gogh gereizt?

Julian Schnabel: Ich behaupte zwar manchmal, dass ich mich als eine Art Geschichtenerzähler sehen würde. Doch das ist eigentlich nur eine Ausrede. Der hauptsächliche Reiz war für mich, neben der Geschichte Van Goghs selbst auch über viele Dinge zu sprechen, die seine Bilder in uns als Betrachter auslösen. Wir haben versucht, in diesem Film all das zu bündeln, was ihn als Künstler, und vor allem als menschliches Wesen ausgezeichnet hat.

Van Gogh galt spätestens nach seinem im Rausch abgeschnittenen Ohr als die Verkörperung von Genie und Wahnsinn.
Wo sind Ihre eigenen Grenzen, wenn es um die Kunst geht?

Julian Schnabel: Die natürlichen Grenzen sind die Geburt und der Tod. In meinem Fall wäre die nächste Grenze dann wohl der Tod. So langsam nähere ich mich… Aber ernsthaft: Die Beschränkung auf das Spannungsfeld zwischen Genie und Wahnsinn war uns zu oberflächlich. Wir wollten tiefer graben als das. Ich will nicht behaupten, dass er kein Genie war. Doch unser Ansatz war ein völlig anderer.

Louise Kugelberg: Unser Ziel war, eben nicht den genialen Wahnsinnigen, sondern die Person Vincent Van Gogh zu zeigen. Einen Menschen aus Fleisch und Blut mit all seinen Stärken und Schwächen. Seinen inneren Kampf. Selbst, wenn man kein Künstler ist, kann man sich in unserem Film mit ihm identifizieren. Wir nehmen ihn als Projektionsfläche. Unterschwellig geht es darum, seinen eigenen Weg zu gehen und sich zu verwirklichen.

Der Film trägt den Begriff Ewigkeit schon im Titel.
Sehen Sie Ihre Kunst auch als Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit?

Julian Schnabel: Definitiv. Man ist in meinen Augen erst lebendig, wenn man seine Sache mit Liebe, mit Leidenschaft verfolgt und für sie brennt. Wir waren gestern bei Georg Baselitz im Studio. Er ist jetzt über 80 und hat dieses ansteckende Lächeln. Er genießt, was er tut. Man sieht es, man fühlt es. Mehr kann man nicht verlangen. Mit diesem Film haben wir etwas geschaffen, was wir wirklich tun wollten. Etwas, auf das wir stolz sind und das uns lebendig hält.

„An der Schwelle zur Ewigkeit“ wirkt in vielen Augenblicken durch seine verwackelten Handkamera-Einstellungen und
die spontane Schnitttechnik im positiven Sinne improvisiert. Eine sehr freie Arbeitsweise.

Julian Schnabel: Es war, wie am Rande einer Felsklippe zu stehen. Man lässt sich fallen und schaut zu, in welche Richtung einen der Wind trägt. Während dieser Arbeitsweise haben wir viele neue Dinge entdeckt und unglaublich viel gelernt. Jede unbekannte Erfahrung hat zu einer weiteren geführt. Diese Freiheit wird einem in der Filmindustrie extrem selten zu Teil. Doch ich habe es schon immer geliebt, mit Konventionen zu brechen und die Dinge anders anzugehen.

Kunst zu erschaffen, geht oft mit einer Art von Selbsterkenntnis einher.
Was haben Sie über sich herausgefunden?

Julian Schnabel: In erster Linie habe ich viel über Van Gogh gelernt. Ich habe meine eigenen Bilder in seinem Stil gemalt; sie sind als Requisiten im Film zu sehen. Schon Van Gogh kopierte die Bilder anderer Künstler. Eines seiner bekanntesten Werke, „Häftlinge beim Rundgang“, beruht auf einer Grafik, die Gustave Doré achtzehn Jahre vorher schuf. Plötzlich fand ich mich wieder, wie ich sein berühmtes Selbstportrait mit Pfeife nachmalte und es auf meine Weise interpretierte. Ich musste mich fragen, wo der Film aufhört und meine eigene Kunst anfängt. Gleichzeitig fühlte ich mich ihm mit jeder Geste, jedem Pinselstrich näher. Seine Gedanken mit meinen eigenen Händen auf die Leinwand zu bringen, hatte etwas Magisches. Eine bewusstseinserweiternde Erfahrung, die dein Leben verändern kann.

Mrs. Kugelberg, was haben Sie als Co-Autorin während des Entstehungsprozesses über Ihren Mann gelernt?

Louise Kugelberg: Dass er beim Filmemachen am Set eine ähnliche Vorgehensweise verfolgt, wie im Atelier bei seinen Bildern. Er reagiert ganz spontan auf äußerliche Umstände. Obwohl alles sehr gut vorbereitet ist, lässt er sich immer kreative Freiräume. Es geht ihm darum, Möglichkeiten auszunutzen. Jeder Mitarbeiter ist eingeladen, zu seinem Werk beizutragen. So wie unser großartiger Kameramann Benoît Delhomme zum Beispiel. Und auch Willem Dafoe hatte alle Freiheiten, sich völlig dem Moment und der Situation hinzugeben.

Sie haben vor Ihrem künstlerischen Durchbruch in Mickey Ruskins berühmtem Ocean Club Restaurant in New York als Koch gearbeitet. Bis heute ist Ihre Kunst eine sehr sinnliche Erfahrung, bei der sie auch extrem körperlich vorgehen.

Julian Schnabel: Ich bin eine sehr körperliche Person; in meiner Kunst, wie als Mensch. Und auch der Film ist in gewisser Weise eine körperliche Erfahrung. Die bewegten Bilder genauso, wie der Ton und selbst die Stille oder der völlige Stillstand. Das alles zusammen ergibt ein physisches Erlebnis. Man bekommt nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern wird selbst zu einem Teil der Story.

Haben Sie im Ocean Club eigentlich auch Andy Warhol bekocht?

Julian Schnabel: Nein. Aber ich stand am Herd, als Lou Reed, John Cale und David Byrne eines Nachts zusammen aufgetreten sind. Im Ocean Club hingen immer jede Menge bekannte Künstler ab. Andy kannte ich schon vorher aus dem Max`s Kansas City, wo ich Stammgast war. Ich war damals viel jünger, als die meisten anderen Gäste. Leute wie Willem De Kooning, Robert Smithson, Richard Serra waren alle viel älter als ich…

Was gab`s zu essen?

Julian Schnabel: Das Essen im Ocean Club war einfach, aber gut. Jeden Montag oder Dienstag habe ich ein Künstler-Dinner zubereitet, für das ich mir immer etwas Besonderes einfallen ließ. Am liebsten habe ich Ris de Veau gemacht, Kalbsbries. Man weicht es ein, kocht es, bestreicht es mit Butter und backt es in Mürbeteig aus. Dazu eine schöne Rotweinsauce. Alleine der Duft war unbeschreiblich.

Apropos Duft: Vor ein paar Jahren haben Sie eine ehemalige Parfümfabrik im Manhattener West Village zu einem mehrstöckigen, venezianischen Palast umgebaut, in dem Sie heute leben und arbeiten. Können Sie sich noch daran erinnern,
wie es damals in den Räumen des heutigen „Palazzo Chupi“ roch?

Julian Schnabel: Das Gebäude stammt aus der Zeit der Jahrhundertwende und hat eine bewegte Geschichte. Zu Anfang wurde es als Pferdestallung genutzt, später wurde dort Parfüm produziert und danach zu einer Wasseraufbereitungsanlage umfunktioniert. Ich weiß nicht mehr genau, wie es bei unserem Einzug gerochen hat. Definitiv nicht mehr nach Parfüm. Eher nach Pferd…

Ein Aspekt von „An der Schwelle zur Ewigkeit“ ist die Frage nach dem Sinn des Lebens.
Haben Sie eine Antwort?

Julian Schnabel: Wenn man ein Kunstwerk erschafft, weiß man nie die Antwort. Es geht immer hauptsächlich um die Frage. Wenn man schon vorher weiß, was am Ende entstehen wird und sich schon im Vorfeld alle Fragen beantwortet hat, hat das in meinen Augen nichts mehr mit Kunst zu tun. Van Gogh erklärt in unserem Film, dass Krankheit eine wichtige Quelle seiner Bilder wäre. Dieses Statement fand ich sehr interessant.

Man sagt, Kunst wäre immer mit Schmerzen verbunden.
Wie stark sind Ihre kreativen „Geburtswehen“?

Julian Schnabel: Bei mir ist es umgekehrt. Ich leide, wenn ich gerade nichts erschaffe. Und so verhielt es sich in meinen Augen auch mit Vincent Van Gogh. Ein Mann, der 75 Bilder in 80 Tagen fertigstellt, kann nicht depressiv oder selbstmordgefährdet sein. Doch vielleicht würde die Wahrheit einfach nicht zum Mythos des „wahnsinnigen Genies“ passen…

Julian Schnabels „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ läuft am 18.04.2019 in den deutschen Kinos an.