LARS EIDINGER

LARS EIDINGER

LARS EIDINGER

Alles nur Theater

Er fühlt sich auf der Theaterbühne als Hamlet ebenso wohl, wie vor der Kamera als Transsexueller in „Polizeiruf 110“, als hintergründiger Berthold Brecht in „Mackie Messer“ oder als skrupelloser Bösewicht in „Babylon Berlin“: Lars Eidinger gehört mit seinen stechend blauen Augen und seiner intensiven Präsenz zu Deutschlands ganz großen Charakterdarstellern. Eine fast unheimliche Gravitas, die mittlerweile auch Hollywoods Regie-Ikonen wie Tim Burton erfasst hat, in dessen Comic-Verfilmung „Dumbo“ der 43-jährige Grimme-Preisträger kürzlich zu erleben war. Lars Eidinger über die Suche nach kreativen Freiräumen, künstlerische Grenzen und die Beschallung auf Celebrity-Events.

Interview: Thomas Clausen
Fotos: Nils Müller Jens Garant

RIZE: Sie sind momentan in dem Leinwanddrama „All My Loving“ zu sehen, wo Sie einen tragischen Charakter zwischen Täuschung und Selbsttäuschung verkörpern.

Lars Eidinger: Ich finde das Bild sehr spannend: Dieser Mann verliert seinen Hörsinn – auch eine Metapher dafür, in gewisser Weise taub zu werden für sein Umfeld. Das Gehör ist unmittelbar mit dem Gleichgewichtssinn verbunden; ich verkörpere also eine Figur, die aus dem Gleichgewicht geraten ist. Einen verlorenen und selbst bei allem Verständnis sehr armseligen Menschen. Er verkleidet sich als Pilot, um in Hotelbars Frauen abzuschleppen. Langsam entfremdet er sich immer weiter von sich selbst.

Eine Art Zivilisationskrankheit?

Der Film bildet die ganze Strecke ab und stellt die Behauptung auf, dass die seelische und emotionale Verkrüppelung der Kinder auch immer auf die Eltern zurückgeht. Auch wenn die Eltern dabei nicht zwingend böse Absichten verfolgt haben, sondern einfach wider besseren Wissens oder aus Unfähigkeit gehandelt haben. Dieser Typ gibt diese Dysfunktionalität wiederum an seine Tochter weiter. Ich bin selbst Vater. Die meisten Eltern sind sich gar nicht wirklich darüber bewußt, welchen Schaden wir anrichten. Man geht immer davon aus, dass Eltern ganz selbstverständlich wüßten, wie man ein Kind erzieht. Dabei kopieren wir oftmals nur, wie es unsere Eltern vorgemacht haben.

Auf einer zweiten Ebene handelt der Film vom Ende eines Traumes. Hatten Sie jemals einen Plan B neben der Schauspielerei?

Ehrlich gesagt nicht. Mittlerweile bilde ich mir aber ein, ich könnte alles machen, was irgendwie mit Kunst zu tun hat. Ich verdiene momentan mehr Geld als DJ, denn als Theaterschauspieler. Ich könnte davon tatsächlich leben. Das ist ein beruhigendes Gefühl. In meiner Schulzeit sind wir mit der Klasse ins Berliner Berufsinformationszentrum gegangen. Nachdem ich diese Fragebögen ausgefüllt hatte, kam bei mir als Idealberuf der des Fotografen heraus. Das gefiel mir. Das wäre auch ein Feld, das ich mir heute vorstellen könnte.

Apropos DJ: Sie betreiben in Berlin die „Autistic Disco“-Clubnacht und legen außerdem gerne auf diversen Celebrity-Events auf. Ist Ihnen die Musik auf VIP-Parties zu öde?

Neulich stand zu lesen: „Lars Eidinger – der DJ, der auf keiner Promi-Aftershowparty fehlen darf“… Darauf habe ich es natürlich nicht angelegt. Das sind nur die Parties, über die berichtet wird. Es hat sicher mit einer gewissen Lust und Interesse zu tun, hinter die Kulissen zu schauen. Mich hat schon immer interessiert, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen vorkommen zu können. Dinge zu tun, sich gegenseitig nicht ausschließen. Kategorisches Schubladendenken würde mich einschränken, deshalb gehe ich stark nach dem Lustprinzip. Ich tue, was mich gerade reizt.

In den letzten zwölf Monaten haben Sie alle schauspielerischen Facetten gezeigt: Krimi, Komödie, Drama, Historie, Fantasy, Tragödie. Eine breite Palette.

Ich höre immer von Kollegen, dass es für sie einen großen Konflikt bedeutet, immer auf die gleichen Rollen festgelegt zu werden. Ich habe das große Glück, dass sich die Produzenten und Redakteure mich in den unterschiedlichsten Rollen vorstellen können. Die Rolle eines Mitt-Dreißigers in der Krise in „Alle anderen“ hat wenig mit einem psychopathischen Postboten in „Tatort“ oder einem Totila Blumen in „Die Blumen von gestern“ gemeinsam. Oder dem, was ich in „Personal Shopper“, „Die Wolken von Sils Maria“ oder „SS-GB“ verkörpere. Unter der Regie von Jan Bonny habe ich im „Polizeiruf 110“ einen Transsexuellen gespielt. Es geht bei mir in extrem unterschiedliche Richtungen.

Der Künstler Neo Rauch hat kürzlich den Begriff „Wiederholungsekel“ geprägt. Trifft dies auch auf Ihre
Wahl der Rollenangebote zu?

Der Begriff gefällt mir! Es geht mir hauptsächlich in Interviews so. Das liegt aber auch an den immer gleichen Fragen. Oft wird ja nur nochmal Google-Wissen abgefragt. Bei Rollen ist das anders. Ich habe mein Leben lang gehofft, als Künstler arbeiten zu können. Heute darf ich es in so vielen verschiedenen Bereichen tun und genieße es.

Sind Sie ein Suchender?

Sagen wir so: Ich bin kein Getriebener. Ich arbeite gerne und habe die Möglichkeit, das auch voll auszuleben. Ich denke nicht karrieristisch. Es gibt Stimmen, die mir raten, mich ein wenig rarer zu machen und zu schauen, dass ich nicht überpräsent bin. Mich irritieren solche Ratschläge. Wenn ich draußen einen Bauarbeiter auf dem Gerüst sehe, würde ich ihm auch nicht vorschlagen, mal ein bisschen weniger zu machen… Die Schauspielerei ist mein Beruf, der mir wahnsinnig viel Spaß macht und auf den ich nicht verzichten will. Deshalb mache ich so viel, wie ich Lust habe. Und nicht so viel, wie ich meine, das andere von mir erwarten. Das würde auch meiner Meinung nach langfristig nicht funktionieren. Was weiß ich, was die anderen wollen? Und plötzlich heißt es dann vielleicht: Von dem Eidinger hört man gar nichts mehr…

Sie sagten kürzlich, bei jeder Rolle würde die Angst vorm Scheitern mitschwingen. Sie waren gerade in Tim Burtons Fantasy-Film „Dumbo“ neben Danny DeVito zu sehen – somit hat sich die Fallhöhe noch einmal extrem vergrößert...

Schon. Wobei es in diesem Fall so war, dass ich ein wenig Blut geleckt habe. Es macht schon sehr viel Spaß, mit solchen Leuten zu arbeiten. Bis zu dem Moment, in dem man tatsächlich am Filmset steht und es heißt: „Action!“, erscheint einem das alles ziemlich surreal. Regieanweisungen von Tim Burton zu bekommen, hat sich bis zum letzten Moment wahnsinnig unwirklich angefühlt. In meinen Augen vergrößert sich auch nicht der Weg auf dem Fall nach unten, sondern eher der Blick auf den Horizont und das, was vielleicht noch dahinter verborgen liegt.

Sie erwähnten in einem früheren Interview, es ginge in der Schauspielerei auch um einen gewissen Kontrollverlust
während der Performance.

Ich kenne die Beschreibung des Kontrollverlusts nur von Kollegen, die von einer Art Tunnelblick berichtet haben. Meine Sehnsucht richtet sich eher umgekehrt nach einem freien Raum. Ich weiß immer ganz genau, was ich mache. Ich habe dabei noch nie gedacht: Was war das denn jetzt? Ich habe lange gedacht, es wäre ein Defizit, dass mir dieser Kontrollverlust nicht gelingen würde. Mittlerweile bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass dieser Vorgang wahnsinnig komplex ist und diesen Widerspruch aushalten muss: Ich bin einerseits total in der Rolle und gleichzeitig in der Lage, von außen auf meine Darstellung zu schauen und alles zu steuern, während ich aber auch ein Stück der Kontrolle abgebe. Gefühle sind immer ambivalent. So wie man in den glücklichsten Momenten manchmal tief traurig ist.

Sie setzen in Ihren Rollen gerne eine gewisse Körperlichkeit bis zur absoluten Nacktheit ein...

Ich würde nicht sagen, dass ich eine exhibitionistische Ader habe. Wenn es im Drehbuch steht, habe ich kein Problem damit, mich nackt zu zeigen. Ich will damit aber nicht vordergründig provozieren. Das führt nur zu einer Distanzierung von Seiten des Zuschauers. Das Ziel ist immer, das Publikum zu verführen. Es mitzunehmen. Man ist nie frei von Scham. Vielleicht unterscheide ich mich von anderen Schauspielern, weil ich Nacktszenen nicht kategorisch ausschließe. Es gibt viele Kollegen, die dies tun.

Wie weit würden Sie denn für die Kunst gehen?

Ich habe klare Grenzen. Möglicherweise sind sie bei mir etwas weiter gesteckt, als bei vielen Kollegen. In „Hamlet“ zitiere ich Katja Ebsteins Grand Prix-Hit „Theater“: „Alles ist nur Theater und ist doch auch Wirklichkeit.“ Das ist zu meinem Leitspruch geworden. In dem Moment, in dem ich mich in die Fiktion begebe, wird sie zu meiner Wirklichkeit. Mir geht es einzig um das wahre Erlebnis für mich, nicht um die Illusion. Es gibt Schauspieler, die Tränenstifte benutzen, um die Illusion zu erzeugen, sie würden weinen. Ich tue das nicht, weil ich das Gefühl hätte, diese Traurigkeit gar nicht zu erleben. Ich will diese Trauer als Schauspieler selbst fühlen und nicht nur vortäuschen.

Der Film „All My Loving“ läuft am 23.05.2019 in den deutschen Kinos an.