OLAF HEINE

OLAF HEINE

OLAF HEINE

„Fotografieren heisst Erforschen!“

Text: Babak Shahverdi & Jay Foster

RIZE: Olaf, wie würdest du deine Arbeit in eigenen Worten beschreiben?

Olaf Heine: Es fällt mir schwer, über die eigene Arbeit zu sprechen und sie zu beschreiben. Ich kann nur sagen, was ich empfinde, was meine Motivation und mein Antrieb ist. Für mich ist Fotografie wie ein Schlüssel, eine Form um die Welt kennenzulernen. Es sind Schlüssel zu Türen, die sich aufmachen, wenn man selbst offen ist. Wenn man durch die Welt geht, hat man mit der Kamera die Möglichkeit, Dinge kennenzulernen und zu sehen, die man sonst nicht sehen würde. Meine Fotografien sind sehr persönlich, auch wenn es Auftragsarbeiten sind. Fotos sind eigentlich eine Art Tagebuch. Andere können wahnsinnig schön schreiben, ich kann nicht gut schreiben, ich habe irgendwann die Kamera gesucht und es ist eine Möglichkeit mein Leben festzuhalten und gleichzeitig auch mein Antrieb des Lebens.

Hast du bei der Fotografie bestimmte Vorlieben?

Ja, und ich versuche diese mit der Kamera zu erforschen. Das fängt an bei der Musik. Als Teenager habe ich Rockmusik geliebt, spielte aber kein Instrument. Trotzdem wollte ich immer ein Teil dieses Wanderzirkuses, der Musikwelt, sein. Ich hatte Freunde in meiner Heimatstadt Hannover, die in Bands spielten. Ich bin zu deren Konzerten gerannt. Die Kamera war eigentlich ein Mittel, mich ganz nach vorne an die Bühne zu drängeln und dabei sein zu dürfen. Nach den Konzerten kamen meine Freunde zu mir und sagten: „Mensch, schick uns doch mal die Bilder!“ Irgendwann wurde ich gebucht, um Fotos für ein Plattencover zu machen. So ging das los… Heutzutage habe ich mein Tätigkeitsfeld ein bisschen erweitert: Fußball kam noch dazu. Es ist ein bisschen der kleine Junge in mir! Ich bin großer Fußballfan, jetzt habe ich auch die Möglichkeit, das einzubinden. Und es geht weiter bis hin zu ganz anderen Themen, mit denen ich selbst nichts zu tun habe, wie zum Beispiel ein Land wie Brasilien zu erforschen. So habe ich die Welt kennenlernen dürfen. Ich komme aus Norddeutschland, bin eher gradlinig und fokussiert. Mich hat es sehr angetrieben, ein Land wie Brasilien, was vordergründig sehr chaotisch, rund, kurvig und non-lineal ist, mit meiner Kamera einzufangen.

Was hast du gemacht, bevor du zur Fotografie gekommen bist?

Ich hatte – ehrlich gesagt – gar kein früheres Leben. Die Fotografie hat mich gesucht und nicht umgekehrt. Meine erste Kamera habe ich mit 8 Jahren bekommen. So eine kleine Kodak Instamatik… Mein Vater war Optiker und wir haben immer Kameras im Haus gehabt. Mich haben die immer schon fasziniert. Das heißt, ich habe relativ schnell einen Zugang zur Fotografie gehabt. Ich habe mich lange davor gesträubt, es beruflich anzugehen, einfach weil ich dachte, ich weiß nicht, wie ich das angehen soll und ob es mir dann auch Spaß macht. Ich wollte immer schon irgendwas mit Kunst machen und hatte dann die Idee Architektur zu studieren. Dann habe ich aber die ersten Bands kennengelernt, die haben mich angesprochen und ehe ich mich versah, hatte ich zwei Plattencover gestaltet und war auf dem Markt. Dann habe ich mir gedacht „Okay, vielleicht sollte ich das doch mal probieren“. Ich bin nach Berlin gezogen und zur Fotoschule gegangen, da war ich Anfang Zwanzig.

Du giltst als sehr kunst-affin! Was ist dein Lieblingskunstwerk?
Hast du einen Lieblingskünstler?

Das bleibt nicht aus in meinem Metier (lacht). Ich bin da sehr vielschichtig, ich mag sehr viele unterschiedliche Richtungen. Ich bewundere Maler, denn die fangen mit einer weißen Leinwand an. Die gucken auf ihre Leinwand und müssen sich irgendwas überlegen. Als Fotograf hingegen habe ich Ansatzpunkte. Ich habe ja jemanden, den ich fotografiere. Im Musikbereich habe ich einen Albumtitel, den ich visualisieren soll. Doch so ganz mit einem leeren Blatt anzufangen – das finde ich wahnsinnig beeindruckend. Deshalb bewundere ich Maler.

Ich habe letztes Jahr sehr viel Zeit mit Norbert Bisky, einem Berliner Maler verbracht. Er hatte eine Ausstellung bei Johann König und ich hatte ihn über zwei, drei Monate auf dem Weg zu dieser Ausstellung dokumentiert und begleitet.  Ich bin alle zwei Wochen in sein Studio gegangen und habe mich dort hingesetzt. Manchmal habe ich zwei, drei Stunden lang beobachtet, wie er malt. Ich habe über einen Zeitraum von drei Monaten gesehen, wie diese Ausstellung entsteht. Das war ein toller Prozess. Ich mag aber genauso gern auch Street-Art und arbeite mit einem Museum in Berlin zusammen. Ich habe sehr viele Street-Art-Künstler aus aller Welt fotografiert. Für mich ist es eine der demokratischsten Kunstformen, die teilweise sehr kritisch, politisch und gesellschaftlich reflektierend sein kann. Das ist eine Kunstform, die im seriösen Kunstmarkt gar nicht als eine solche anerkannt ist, doch ich finde, es ist durchaus eine sehr ernstzunehmende Art der Kunst. Damit meine ich jetzt nicht nur die bekannten Speerspitzen wie Banksy oder Shepard Fairey, sondern wenn man da mal reintaucht, gibt es unglaublich unterschiedlich wirkende und arbeitende Künstler. Ich kann keinen einzigen hervorheben, dafür mag ich einfach zu viele.

Zurück zu deiner Fotografie: Wer war die beste oder deine liebste Person,
die du fotografiert hast und wieso?

Puh! Damit tue ich mich immer schwer. Einfach aus dem Grund, weil ich ja auch keines meiner Kinder besonders hervorheben würde. Es gibt unterschiedliche Phasen in meinem Leben und meine Fotografie verändert sich auch in der Zeit. Und genau so sind auch Foto-Shoots. Da kann ich schwer jemanden hervorheben. Ich kann natürlich sagen, dass es mir bei dem einen oder anderen leichtfällt, weil ich da das Vertrauen schon genieße und sie mir mehr Freiheiten geben. Ich kann aber sagen, dass mir die Fotografie im Musikbereich leichter fällt und auch immer einen tiefen Eindruck bei mir hinterlässt, weil ich Musik so sehr liebe. Aber genauso finde ich es toll, mit Schriftstellern zu tun zu haben wie mit Bret Easton Ellis. Er ist jemand, den ich zu einem Zeitpunkt kennengelernt habe, an dem sich bei ihm persönlich sehr tiefe Abgründe in seinem Leben aufgetan haben. Dazu kommt die Art, wie er schreibt. Das, was er an Geschichten in seinen Büchern erzählt, ist wahnsinnig inspirierend für mich, weil mir sofort unglaublich viele Ideen kommen. Ich habe ihn im legendären Chelsea Hotel in New York fotografiert, was ja ein sagenumwobener Ort ist,  viele Künstler lebten dort. Das ist dann einfach etwas Besonderes. Wenn man es richtig macht, hat man wirklich magische Momente. Für mich ist das ein besonderes Bild. Aber wie gesagt, es gibt auch wirklich viele. Es gibt auch Thomas Kretschmann mit dem Schaf – das ist immer so ein Bild, bei dem ich gar nicht so sehr sagen kann, woher diese Idee kommt. Er hatte diesen Bart, weil er damals den “Seewolf“ drehte, und irgendwie habe ich dann den Gedanken gehabt, ich müsse ihm ein kleines Lämmchen in den Arm legen.

Wo habt ihr dann so spontan ein Lamm aufgetrieben?

Spontan war das nicht. Alle meine Fotografien sind lange geplant! Ich mache nichts spontan. Für das Bild musste die Karl-Marx-Allee in Berlin am Alexanderplatz, eine der meistbefahrenen Straßen, gesperrt werden. Es war vormittags gegen 10 Uhr. Ich hab das Lämmchen bei einem Bauernhof außerhalb von Berlin organisiert. Viele meiner Arbeiten existieren vorher als Bildidee in meinem Kopf. Das  Bild von Bret Easton Ellis, das von Iggy Pop, die Art, wie ich arbeite ist einfach so… Ich mache mir ein Bild über die Person, die ich fotografiere. Bei Iggy Pop zum Beispiel wurde ich angefragt, ein Album-Cover zu fotografieren. Es gab einen Albumtitel und ich habe mir dann überlegt „Wie sehe ich diese Person? Wer ist Iggy Pop für mich?“ Dann habe ich auf seine Geschichte zurückgeblickt, habe viel gelesen und mir seine Karriere angeschaut, von den Stooges über die Zeit mit David Bowie in Berlin bis hin zu seinen Solowerken. Er ist im Laufe seiner Karriere immer mal wieder am Boden gewesen. Dann hat er wieder ein Revival gehabt. Für mich war er wie ein Boxer, der zu Boden geht und wieder aufsteht und weiterkämpft. Dazu kommt natürlich die Physis, seine zähe Optik. So habe ich diese Idee gehabt. Ich bin nach Miami geflogen, wo er lebt, und haben ihn im 5th Street Gym fotografiert. Da hat früher Muhammad Ali trainiert. Mir war klar, dass ich Iggy gern als Boxer darstellen möchte. Aber nicht so platt mit Ring dahinter und mit Boxhandschuhen, sondern im Stil eines Kriegers. Das Bild hat zwei Minuten gedauert. Die Vorarbeit jedoch Wochenlang. So sind viele meiner Bilder. Ich habe die Ideen meistens im Kopf, dann versuche ich sie umzusetzen.  Das eigentlich spannende ist der kreative Prozess. Schaffe ich es, dieses Bild umzusetzen? Ich bin als Fotograf kein Diktator, auch wenn ich gerne inszeniere. Ich dränge niemandem meine Ideen auf. Ich schlage sie vor, ich schmeiße sie in die Runde und der Rest ist ein kreatives Ping-Pong-Spiel, wo man sich den Ball hin und her schießt. Es entwickelt sich. Und das ist der eigentlich schöne Prozess. Die Leute, die mich lange genug kennen, vertrauen mir und sagen mir „Okay, ich mache da mit“ und dann gibt es aber auch Menschen, die sagen „Naja, das fühle ich jetzt gerade nicht so, finde ich nicht so passend!“ Dann muss man kompromissbereit sein. Und das ist eigentlich der kreative Prozess beim Fotografieren. Ich bin niemand, der einfach drauflosgeht und einfach die Kamera aus der Hüfte zieht, sondern ich bin dann eher schon wie ein Regisseur: ich denke mir Dinge aus und versuche, sie umzusetzen.

Was war das erste Kunstwerk, das du verkauft hast?

Das war mein erstes Plattencover 1991. Dafür habe ich erstmals Geld bekommen. Terry Hoax, eine Band aus Hannover. Die Jungs kannte ich aus dem Nachtleben in Hannover und die haben mich immer mit der Kamera bei den Konzerten gesehen. Dann haben sie gesagt „Wir haben ein Album, das heißt “Freedom Circus“ und wir würden gerne einen Clown auf dem Cover haben“. Meine Idee war, einen alten Clown zu zeigen. Nicht typisch mit Clownsnase. Dann sind wir irgendwo in einem Altenheim gewesen, haben einen alten Mann gesucht, der ein tolles Gesicht hat und haben ihm Augen geschminkt. Das Cover war dann mein erstes verkauftes Foto.

Was ist die größte Herausforderung, mit der du als Fotograf
in der jetzigen Zeit umgehen musst?

Mir selbst treu zu sein. Ich mache Fotografien in erster Linie für mich. Um mich auszudrücken. Um mich als Mensch weiterzuentwickeln und zu verbessern. Um zu lernen. Um Dinge zu entdecken und zu erforschen. Und die größte Challenge dabei ist, gerade in der Kurzlebigkeit heutzutage im digitalen Zeitalter – früher war das anders, da hat die Fotografie einen längeren Zeitraum gebraucht, bis man die Filme entwickelt hat – heutzutage ist alles so wahnsinnig schnell, die Bilder müssen sofort auf Instagram oder Facebook oder wo auch immer im Netz sein. Und das geht natürlich bei mir auch mit meinen Künstlern, die müssen natürlich aauch ihre ganzen Social-Media-Kanäle bedienen. Deswegen müssen die Fotos immer wahnsinnig schnell irgendwo rausgehauen werden. Meine größte Challenge ist es, immer ruhig zu bleiben, durchzuatmen, mir selbst treu zu bleiben und bei aller Schnelllebigkeit in der heutigen Gesellschaft mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und mir auch stilistisch treu zu sein.

Wie hat sich die Fotografie aus deiner Sicht in den letzten
zehn Jahren verändert?

Alles ist eben viel schnelllebiger geworden. Fotografie ist kein Handwerk mehr. Damit meine ich nicht, dass es besser oder schlechter geworden ist, ich werte das gar nicht. Doch früher war Fotografie einfach ein Handwerk, das man erlernen musste. Man musste sich sowohl mit den physikalischen, als auch mit den chemikalischen Gesetzmäßigkeiten auseinandersetzen. Es war ein Handwerksberuf, der Zeit brauchte. Heute nimmt man eine Kamera oder ein Handy, lässt Filter drüber laufen und hat ein gutes Bild. Das ist toll, ich finde es super für die breite Masse. Es ist total demokratisch, jeder kann heutzutage halbwegs gute Fotos mit der Technik machen. Prozesse für die wir früher zwei, drei Wochen lang in der Dunkelkammer experimentiert haben, machst du heute mit einem Klick. Das finde ich super, es spart Zeit. Gleichzeitig, und das fehlt mir ein wenig, ist es verloren gegangen, sich auch mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Was fotografiere ich eigentlich? So wie ich sage, dass ich mir lange Gedanken mache und meine Fotos plane. Viele Fotografen sagen „Ach, ich lasse das einfach mal passieren“. Dadurch verändert sich die Fotografie. Das ist vollkommen okay, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ich will das gar nicht werten, doch das beobachte ich einfach. Fotografie wird einfach viel viel schnelllebiger. Ich bin früher einmal die Woche zum Zeitschriftenkiosk gegangen und habe nach Inspiration gesucht. Heutzutage sind Fotos allgegenwärtig. Auf Instagram, auf Facebook. Man hat ein unglaubliches Archiv an Inspirationsmöglichkeiten. Das ist auch erstmal toll, es hilft einem total. Früher musste ich Bibliotheken durchstöbern, Bücher und Zeitschriften durchwälzen, wenn ich recherchiert habe. Heutzutage geht das auf Knopfdruck im Netz. Das ist total irre. Es erspart unglaublich viel Zeit. Gleichzeitig muss man jedoch auch schauen, dass man seine Arbeit immer wieder einmal entschleunigt und sich Zeit nimmt. Am Ende des Tages hilft es tatsächlich, wenn man Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und sich die Zeit dafür nimmt. 

Ohne welchen Gegenstand wärst du total verloren?

Also, die Kamera würde man bei mir erwarten. Ich weiß es gar nicht. Habe ich so einen Gegenstand? (Er überlegt!) Ich reise viel. Mein Handy ist meine Verbindung zu meiner Familie, zu meinen Kindern. Ich wäre viel einsamer und trauriger, wenn ich nicht regelmäßig Fotos oder Videos meiner Kinder bekommen würde. Also von daher müsste ich sagen: es ist mein Handy! Und als Fotograf mache ich sowieso immer Fotos, ob ich die jetzt mit dem Handy mache oder mit der Kamera, ich muss immer etwas festhalten. Im Vorbeigehen mache ich Fotos. Einfach weil mich irgendwas inspiriert oder einfach nur, weil es ein schöner Moment ist. Insofern würde ich sagen, dass es professionell gesehen die Kamera ist. Bei all meinen Reisen ist es das Handy. Der Kontakt zu meiner Familie ist einfach so wichtig.

Zum Abschluß: Welche Persönlichkeiten würdest du gern mal zu
einer Dinnerparty einladen?

Oh, da gibt es so viele. Überlegt. Meine Dinnerrunde bestünde im Idealfall aus Karl Marx, Andy Warhol, Arthur Rimbaud, Muhammad Ali, Pablo Picasso und Helmut Newton! Halt, Frauen fehlen noch, die sind wichtig. Frida Kahlo und Coco Chanel. Das wäre eine hoch interessante Dinnerrunde… ja das wäre ein netter Abend.

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