JAGDFIEBER:
DER ROLLENWECHSEL DER
SYLVIE BLUM

JAGDFIEBER:
DER ROLLENWECHSEL DER
SYLVIE BLUM

JAGDFIEBER:
DER ROLLENWECHSEL DER SYLVIE BLUM

Wer den Namen SYLVIE BLUM kennt, denkt heute längst nicht mehr wie früher an das Model und die Muse des Fotografen Günter Blum. Als Sylvie Mitte der 1990er Jahre auf die Seite hinter der Linse wechselte, wusste sie genau, was sie tat: Mit weiblichem Blick auf das Gleichgeschlechtliche will sie das ewig Schöne und Beständige in hochstilisierten und ästhetischen Posen von athletischen Körpern festhalten.

Als 2011 im teNeues Verlag ihr Buch „Naked Beauty“ erschien, hatte sie sich an die Akribie eines Horst P. Horst oder Herb Ritts hochgearbeitet, mit dem sie selbst 2012 ihre Ausstellung „Naked Beauty“ in der Fahey Klein Galerie in Los Angeles eröffnete. Sylvie Blums wohl bekannteste Schwarz-Weiß-Inszenierung „Angela Rides The Lion“ lenkte erneut weltweite Aufmerksamkeit auf das künstlerische Können der Akt-Fotografin. Von wilden Katzen und Frauen handelt die dazugehörige Serie „Big Cats“ mit 110 Schwarzweiß-Fotografien im Portfolio, die 2014 bei Christie’s versteigert wurde. Über eine weltbekannte Fotografin, deren unverwechselbarer USP es ist, die Stärke amazonenhafter, schöner Frauen symbolistisch zu entfachen…

Es ist die Geschichte eines Allround-Talents. Zuerst vor der Linse von internationalen Größen wie Helmut Newton, Jeanloup Sieff, Jan Saudek oder Andreas H. Bitesnich, wendete sich bald das Blatt für die in 1967 in Österreich geborene Sylvie Neubauer. Schon immer pflegte das angesehene Fashion-Model eine Vorliebe für Kunst und die schönen Dinge. Als sie mit 19 Jahren bei einem Casting in Frankfurt auf den Mannheimer Fotografen und Fotodesigner Günter Blum traf, wurde sie prompt dessen Muse, und vier Jahre später seine Frau. Er war ein Allround-Talent, das in selbst gestalteten, aufwendigen Installationen erotische Aktfotografien von provokanten, sinnlichen und ausdrucksstarken Frauenposen aufnahm, die vorzugsweise die Thematik Mensch, Maschine und Fetisch beleuchteten. Insbesondere inspirierte ihn Fritz Langs monumentaler Stummfilm „Metropolis“ des deutschen Expressionismus von 1926, der als erster Science-Fiction-Film der Geschichte gilt und von einer futuristischen Großstadt mit einer
Zweiklassen-Gesellschaft und von der Menschmaschine handelte. Ihr 20 Jahre älterer Mann war für Sylvie Blum das Idealbild von einem Künstler, welches sie immer in sich trug.

Sylvie Blum erlernte ihr fotografisches Handwerk bei ihrer Ausbildung an der Kunsthochschule Mannheim und arbeitete nebenbei in einem Fotostudio, für das sie auf Events und Hochzeiten fotografierte. Doch es hätte keinen besseren Mentor und Lehrer für sie geben können als ihren Mann, der ihr Talent und ihren innersten Antrieb entfachen konnte und der sie in die Technik des Fotografierens einwies. Als er an Krebs erkrankte und 1997 starb, widmete sie sich mit gebrochenem Herzen ab 1998 nun gänzlich der Fotografie. Ihre Schwarzweiß-Inszenierungen von „Nudes“ wirken wie athletische Körper, die in unverwechselbaren Grauabstufungen in unterschiedlichsten Outdoor-Kulissen wie Wüsten, Fabrikhallen, mit Graffiti übersäten Hinterhöfe Berlins, in der Weite des Pazifiks oder der postmodernen Architektur Palm Beachs ewige skulpturale Schönheit thematisieren. Auf ihren Weltreisen begleitete sie stets ihre Leidenschaft für Kunst, Mode, Architektur, Design, Pop Art, Musik, Filmemachen und Fotografie. Inspiriert auch von Leni Riefenstahl oder Herbert List, perfektioniert sie die Fine-Art-Erotik aus der Sicht einer Frau, was sie von ihren männlichen Kollegen deutlich abhebt. 

Sie wählt den Blickwinkel einer modernen Ästhetik und entscheidet sich für eine feine Abstufung der Grautöne, einem Wiedererkennungsmerkmal ihrer künstlerischen Aktfotografie. Als Sylvie Blum 2005 ein zweites Mal heiratet, wird sie Wahl-Kalifornierin, lebt und arbeitet seitdem in Los Angeles in ihrem White-Box-Studio und wird von der renommierten Galerie Fahey Klein Los Angeles vertreten. 

Ihre wohl bekannteste Serie „Big Cats“ aus dem Jahr 2008, in der nackte, amazonenhafte Frauen eine unbändige Stärke ausdrücken, demonstrierend, dass sie mit wilden Katzen wie Löwen und Tigern umzugehen wissen, geht ursprünglich auf Blums Kindheit zurück. Schon als vierjähriges Mädchen wusste die Österreicherin, dass sie eines Tages Künstlerin sein wird. Seitdem ließ sie ein bestimmtes Gemälde eines Geparden mit Frauenkopf, der einen androgynen Jüngling umfasst, nicht los. Es war „Der Kuss oder Die Zärtlichkeiten“ (ausgestellt im Musées Royaux des Beaux-Arts, Brüssel) des belgischen Malers und bekannten Vertreters des Symbolismus, Fernand Khnopff (1858 – 1921), der als
„Meister der Geheimnisse“  ganze Traumwelten erschuf. 

Derart realistisch gemalt vereinnahmte das Gemälde die kindliche Sylvie und ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, bis sie schließlich selbst als Künstlerin ihre eigene Form des Symbolismus mit ihrer Foto-Serie „Big Cats“ selbst zum Ausdruck bringen wollte. Dabei bediente sie sich gekonnt Stilelementen, welche die erfahrbare Realität hinterfragen und die Elemente der Welt nur als Symbolismus einer tieferen Welt begreifen, deren Vermittler ihre Kunst ist. Mit traumartigen Werken aus der antiken Mythologie etwa regt sie auch in ihrer Serie „Nudes“ zum Nachdenken an, rückt Erotik und Tod, Reinheit und Sünde in ungewöhnliche Zusammenhänge. Blums Symbolismus ist ein moderner, nach Abenteuern ausgerichteter Versuch. Stellen ihre „Big Cats“-Bilder starke selbstbewusste Frauen dar, wie Frauen sich gegen die „wilden Bestien“, gegen die Könige des Tierreichs durchzusetzen wissen, oder fällt passend der Spruch „Ein Löwe ist nichts ohne seine Königin“ ein. Es ist die Tiefe der Seele und die Hinwendung zu
den Sinneslüsten, das den Betrachter fesselt.

Darunter gilt Sylvie Blums wohl bekannteste Schwarzweiß-Inszenierung „Angela Rides The Lion“ als Verkörperung ihres Jagdfiebers nach dem Abenteuer. Binnen zehn Sekunden soll die Aufnahme von der nackten Angela, die sich auf den männlichen Löwen setzte, entstanden sein, als die Wärter und Tiertrainer einmal kurz nicht aufpassten, das Team unbeaufsichtigt war und Blum Grenzen überwand, um Kunst zu schaffen. Als die Aufpasser wieder hinsahen, wurde das Produktionsteam für verrückt erklärt, aber Sylvie Blum war außer sich vor Freude, den besonderen Schuss im Kasten zu haben. „Es ist vor allem Teamarbeit. Ich will, dass sich das Model am Set wohl fühlen kann, einen Teamspirit mitbringt, und begeistert ist, während ich sie an ihre Grenzen pushe“, erklärt Blum im Gespräch mit FotoTV. Von aufregenden Abenteuern ist die Rede, die
die Fotografin auf internationaler Bühne inszeniert. 

Auch ihr Buch über Männer und ihre Körper „M by Sylvie Blum: M wie Males, Männer, Men…“ gehört dazu, aber an der Arbeit mit den Frauen ist sie hängengeblieben. Sie sieht sich im Vorteil, das Vertrauen der Frauen leichter gewinnen zu können. Es ist ein ungewöhnlicher Rollenwechsel vom Model zur Fotografin, den das ehemalige Model schaffte. Ihr Ziel ist es, Bilder zu schaffen, die zeitlos sind, und die nicht nur morgen schön und interessant sind. Blum will Dinge von Bestand und Dauer kreieren, die Zeitzeugen ihrer Existenz und Lebensgeschichte sind: ihre große Geschichte, vom kindlichen Wunsch, Künstlerin zu werden, bis zum Leben als einflussreiches Model und Muse, dem Versuch, sich als Selfie-Polaroid-Knipserin einen Namen zu machen, bis hin zur seriösen Fotografin, die ihren Stellenwert in der internationalen Kunst- und kommerziellen Fotografie gefunden hat. Sylvie Blum ist mit 60 Arbeiten in der permanenten Sammlung vom Museum of Contemporary Art MOCA Bangkok zu sehen. Das Museum bereitet eine grosse Ausstellung mit mehr als 100 ihrer Werke vor, begleitet von einer limitierten Buch-Publikation. „Das Schönste an der Fotografie ist, dass man seine Vision verwirklicht hat, auf der Jagd nach dem Aufregenden zu sein, das man inszenieren will. Genau so wichtig ist es für mich, dass man die Leute, mit denen man arbeitet, dafür begeistern kann“, sagt Sylvie Blum über ihr Künstlerdasein. 

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