ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

WENN LOW-TECH AUF HIGH-TECH TRIFFT

Fotos: Boegly & Grazia
Text: Alexandra Dobre

Snøhetta und Casson Mann eröffnen Lascaux IV, Centre International d’Art Parietal in Montignac, Frankreich und begeben sich mit dem monolithischen Museum auf die Spuren der Prähistorie.

Auf der Suche nach seiner Vorgeschichte ist der Mensch immer auch auf der Suche nach sich selbst: Als im Jahr 1940 Archäologen eine unerforschte Höhle betraten, entdeckten sie die wohl älteste Höhlenmalerei – mit einer 20.000 Jahre alten Geschichte. Es ist ein Urtrieb, der Menschen auf Entdeckungs-Tour in die Vergangenheit schickt, und der in uns allen steckt. Der innigste Wunsch, sie abbilden zu wollen, ist der Meilenstein, der uns von anderen Lebewesen unterscheidet: die Fähigkeit, sich über etwas bewusst zu werden, es zu abstrahieren und in einem neuen Kontext sehen zu können. Sich ein Bild von etwas machen zu können ist eine Redewendung, die diesen Nerv trifft und meint, wer sich informiert, und sich vor Ort etwas ansehen kann, der bildet sich weiter. Ein Bild besitzt die Kraft einer Auswirkung, und steht für die menschliche Evolution. In den Anfängen des Bildes stand der Höhlenmensch, der einen Moment festhalten, das erste Gemälde der Welt an die Wand malen und informieren wollte. Unter Archäologen ist bei der Höhlenmalerei von Lascaux IV von der Sixtinischen Kapelle der Prähistorie die Rede. 

Mit ihrer Hilfe arbeiteten die Architekturbüros Snøhetta und SRA gemeinsam mit dem Bühnenbildner Casson Mann an einem ganzheitlichen Museum mit Bildungsauftrag, das Besuchern ermöglichen soll, sich ein naturgetreues Bild von der Höhlenmalerei zu machen. Inmitten der unberührten Natur des Vézère-Tals, und einer dicht bewaldeten, geschützten Hangseite bietet das Lascaux IV Museum ein Storytelling der besonderen Art: Authentisch und naturgetreu werden die Höhlen gezeigt. Sie warten nur darauf, von seinen Besuchern wie einst von den Archäologen der ersten Entdeckung bestaunt zu werden. Spirituell und historisch geht die Zeitreise 20.000 Jahre zurück in eine paläolithische Periode (Altsteinzeit), die durch Spitzentechnologie und experimentelles Storytelling auffällt. Dabei erscheinen Mythos und Wunder im Spiel zu sein, und den Ur-Trieb des Beobachters zu wecken, etwas Neues zum ersten Mal entdecken zu wollen und
Teil einer unvergesslichen Entdeckungstour zu werden. 

Im Lascaux IV ist die Atmosphäre dunkel, Lichter flackern aus Lampen wie zur paläolithischer Zeit und offenbaren Wandmalereien und Gravierungen an den Wänden, während eine hohe Luftfeuchtigkeit in den Höhlenräumen herrscht. Es ist 16 Grad kühl, Wassertropfen perlen von der Decke. Die Szenerie gleicht trotzdem einem Zufluchtsort der Geborgenheit, die die Höhle vor Urzeiten darbot. Erstaunlich einnehmend und authentisch wirken die Replikate, die der Originalhöhle um einen Millimeter Toleranzwert mithilfe eines der fortschrittlichsten 3D-Laserscans nachgebaut wurde. 25 Künstler verbrachten zwei Jahre damit, 900 Meter Harz-Felsen mit Handbemalung zu reproduzieren. Um tatsächlich höchste Präzision auf 1.900 Malereien und Gravierungen gewährleisten zu können, setzten die Künstler bei ihren Reproduktions-Arbeiten die gleichen Pigmente ein, die die prähistorischen Höhlenmaler vor 20.000 Jahren verwendeten. Es ist der Wunsch, einen mentalen Übergang durch Zeit und Raum zu inszenieren, obwohl die Anordnung und Materialien auf eine Reproduktion in zeitgenössischem Design schließen lassen. Das Museum selbst ist monolithisch und eher nüchtern gestaltet. Wie ein feiner Schnitt durch die Landschaft erweckt es einen Eindruck von „Zurück in die Zukunft“. 

Alles ist darauf ausgerichtet, ein ganzheitliches Erlebnis zu schaffen. Begonnen mit der Lobby und einer Dachterrasse mit großartigem Panoramablick auf das Montignac und das Vézère-Tal, gibt es dem Besucher Raum, sich in Ort und Zeit neu einzuordnen. Zuvor musste er sich schließlich über einen windigen Hang entlang des Waldesrandes bis zum Eingang der Replikation begeben. Atmosphäre, Licht und Lautstärke variieren in verschiedenen Etappen des Museums. Vom Inneren des Berges zum Außenleben, von der lichtdurchfluteten Lobby zum Übergangsraum, von Natur zur Kunst, immer wird über ihr Nebeneinander ein analoger Bezug zu den Höhlen hergestellt. Zeit zum Nachdenken und Betrachten bietet sich auch an sozialen Treffpunkten mit Screens und einer Virtual-Reality-Ausstellung, die weitere Schätze zeigen und mehr Wissen erläutern. “Erziehung durch Erlebnisse“, könnten sich die Architekten von Snøhetta als Arbeitstitel ausgedacht haben. Dreht sich doch am Ende alles darum, das reiche Erbe der Höhlenmaler zu verstehen – und damit sich selbst. Bilder erzählen Geschichten, ob als Höhlenmalerei, Papyrus-Bild oder Fotografie. Sie konservieren Augenblicke, erzählen durch den Filter der Seele, beeinflussen erheblich und werfen einen Blickwinkel auf Zusammenhänge. Letztendlich bewegen sie den Menschen, seit er denken kann.